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03. September 2016 00:00 Uhr

Papst Franziskus

"Engel der Armen": Mutter Teresa wird heiliggesprochen

An diesem Sonntag erklärt Papst Franziskus Mutter Teresa zur Heiligen – für viele war sie es schon zu Lebzeiten. Unvergessen in der Region bleibt ihr Besuch beim Katholikentag 1978 in Freiburg.

  1. Strahlend, wie man sie kennt: Mutter Teresa auf einem Foto vor dem Ordenshaus in Kalkutta Foto: Piyal Adhikary

  2. Tätige Nächstenliebe: der britische Freiwillige Lion und die Italienerin Teresa im Hospiz in Kalkutta Foto: Joerg Boethling

  3. Mutter-Teresa-Souveniers in einem Shop in Kalkutta Foto: Joerg Boethling

Es ist perfekt, das Timing des Papstes. Als Höhepunkt seines "Jahres der Barmherzigkeit" spricht Franziskus am morgigen Sonntag jene Frau heilig, die als "Engel von Kalkutta" weltberühmt geworden ist: Mutter Teresa. Zum ersten Mal wird damit die höchste Ehrung der Kirche einem Menschen zuteil, der als wertvollste politische Auszeichnung schon zuvor den Friedensnobelpreis bekommen hat. Während viele sie schon zu Lebzeiten als Heilige verehrten, gingen andere mit ihr ins Gericht. Sie idealisiere die Armut, verherrliche den Schmerz, sei von einem fundamentalistischen Missionseifer. Für die Ursachen der Armut interessierte sie sich nach eigenem Bekunden nicht.

Dass UN-Generalsekretär Pérez de Cuéllar sie 1985 die "mächtigste Frau der Welt" nennen wird, ist der kleinen Anjezë Gonxha Bojaxhiu nicht in die Wiege gelegt, als sie am 26. August 1910 als Tochter albanisch-kosovarischer Eltern im damals osmanischen Üsküp, dem heute mazedonischen Skopje, zur Welt kommt. Schon als Kind will sie Nonne werden, mit 18 geht sie zu den Loreto-Schwestern; über Irland und Ceylon kommt sie ins britisch beherrschte Indien. Nach ihrem Gelübde wirkt sie, nun als Schwester Teresa, in Kalkutta als Lehrerin.

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"Lächeln ist der Anfang der Liebe"
Jesus selbst, so hat sie es erlebt, ändert 1946 ihr Leben radikal. Sie sieht ein Kreuz und hört, wie er sie auffordert, sich um die Ärmsten der Armen zu kümmern, von denen es in der Millionenstadt im Ganges-Delta Massen gibt: "Meine Kleine, bringe die Seelen der armen kleinen Straßenkinder zu mir."

Zunächst wirkt sie allein, dann bilden gleichgesinnte Frauen um sie einen Kreis von Helferinnen. Sie kümmern sich auf den Straßen vor allem um Waisenkinder, Lepra-Patienten und psychisch Kranke. Und sie richten Hospize ein, um sich einsam Sterbenden zuwenden zu können.

Papst Pius XII. anerkennt 1950 die "Missionarinnen der Nächstenliebe" als Ordensgemeinschaft. Heute sollen es mehr als 3000 Schwestern und 500 Brüder sein, die, unterstützt von Laien, in 130 Ländern in rund 500 Häusern helfen. Seit 2009 führt als dritte Generaloberin die 63-jährige, aus Deutschland stammende Mary Prema Pierick die Missionarinnen der Nächstenliebe.

Sie helfen nicht nur mit Spritzen und Tabletten. Sondern auch und vor allem mit Zuwendung und Empathie – das ist von Anfang an ihre Maxime aus christlicher Überzeugung. "Lächeln", sagt Mutter Teresa, "ist der Anfang der Liebe."
Bald startet die energische kleine Frau im blau-weißen Ordenshabit in alle Welt, um auf die Not so vieler Menschen und auf ihr Werk aufmerksam zu machen.

Schon um 1970 wird der "Nonne der Gosse" ein heiligmäßiges Leben attestiert. Entsprechend fließen aus den reichen Ländern die Spenden, mehren sich ihre Auszeichnungen. US-Präsident Ronald Reagan verleiht ihr 1985 die Friedensmedaille, die höchste zivile Auszeichnung der USA. Präsident Bill Clinton ernennt sie 1996 gar zur Ehrenbürgerin Amerikas – mancher Mächtige zeigt sich nur zu gern an ihrer Seite und profitiert von ihrem fast engelgleich positiven Image.

Unvergessen in der Region bleibt ihr Besuch beim Katholikentag 1978 in Freiburg. Im Münster betet sie bescheiden, aber selbstbewusst Seite an Seite mit Joseph Ratzinger, dem zweiten Stargast der ersten großen Veranstaltung des neuen Freiburger Erzbischofs Oskar Saier. Ratzinger, der beim Zweiten Vatikanischen Konzil seinen Ruf als epochaler Theologe begründet hat, ist gerade Erzbischof von München und Freising geworden; schon mit 51 Jahren ist er Kardinal. Zwei Katholiken auf dem Weg nach ganz oben, wie sich erweisen wird: Mutter Teresa bekommt schon im Jahr darauf in Oslo den Friedensnobelpreis. Dass Joseph Ratzinger 2005 sogar Papst wird, erlebt sie freilich nicht mehr.

Seligsprechung im Rekordtempo

Als sie am 5. September 1997 im 88. Lebensjahr ihrem Herzleiden erliegt, ehrt Indien sie mit einem Staatsbegräbnis, zu dem Mächtige aus aller Welt nach Kalkutta kommen. Sie alle würdigen die Nonne als eben nicht etwa kontemplativ abgehobene, sondern ganz konkret, ja am Rande der Gesellschaft helfende "moderne Heilige". Papst Johannes Paul II. ignoriert 1999 denn auch alle Vorschriften, um Mutter Teresa schon 2003 selig sprechen zu können. Die medizinisch unerklärbare Heilung einer Inderin von Krebs auf Fürsprache der verstorbenen Nonne bei Gott gilt als das dafür erforderliche Wunder.

Als das für die Heiligsprechung nötige zweite Wunder akzeptiert Franziskus die unglaubliche Heilung eines ebenfalls tumorkranken Brasilianers. Der Pontifex hat Mutter Teresa auch den "heroischen Tugendgrad" zuerkannt – eine weitere Voraussetzung dafür, dass er sie nun mit großem liturgischem Zeremoniell heilig sprechen kann.

Dann befindet sie sich, so definieren das die Theologen, "in der Gegenwart Gottes" und darf nun weltweit verehrt werden. Am 11. September wird Mutter Teresas Heiligsprechung denn auch dort gefeiert, wo Agnes Gonxha Bojaxhiu zur Welt kam: In der mazedonischen Hauptstadt Skopje. In Albanien ist schon der Tag ihrer Seligsprechung zum Nationalfeiertag erklärt, der Flughafen von Tirana nach ihr benannt worden. In der Kosovo-Hauptstadt Pristina gibt es seit 2010 eine auf ihren Namen geweihte Kathedrale. Und selbst die Astronomen erweisen dieser Frau ihre Reverenz: Sie nennen einen 1976 entdeckten Asteroiden 1998 Madreteresa.

Mutter Teresas Wirken ist freilich fast von Anfang an nicht nur bewundert, sondern auch kritisch begleitet worden. Fragen, die der Orden offenbar nur unzureichend beantwortet, betreffen die Transparenz der Finanzen, also die Herkunft, den Verbleib und die Verwendung der Spendengelder. Hat sie irgendwann sogar zu viel davon? Das kirchliche Hilfswerk "missio" in Aachen, das sie finanziell lange unterstützt, ist jedenfalls perplex, als Mutter Teresa es eines Tages handschriftlich auffordert, nichts mehr zu überweisen, sondern das Geld jenen zukommen zu lassen, "die es dringender brauchen".

Sterbende sollen gegen ihren Willen getauft worden sein; die hygienischen Zustände in Häusern des Ordens und mangelnde Aus- und Weiterbildung der Schwestern stehen ebenfalls in der Kritik. Zitiert wird Mutter Teresa auch mit dem kaum nachvollziehbaren Credo, der Schmerz sei das schönste Geschenk für den Menschen, weil er sie am Leiden Christi teilnehmen lasse.

Die dunkle Seite von Mutter Teresas Wirken

In ihrem Dank für den Nobelpreis summiert Mutter Teresa, was ihr Leben ausmacht: "Ich bin dankbar und sehr glücklich, diesen Preis im Namen der Hungrigen, der Nackten, der Heimatlosen, der Krüppel, der Blinden und der Leprakranken zu erhalten. Im Namen all derer, die sich unerwünscht, ungeliebt, nicht umsorgt fühlen, die aus unserer Gesellschaft ausgestoßen sind." Doch hat ihre Idealisierung der Armut, die ebenfalls bezeugt ist, gar dazu beigetragen, soziale Ungerechtigkeit zu zementieren?

"Der größte Zerstörer des Friedens ist heute der Schrei des unschuldigen, ungeborenen Kindes. Wenn eine Mutter ihr eigenes Kind in ihrem eigenen Schoß ermorden kann, was für ein schlimmeres Verbrechen gibt es dann noch?", ruft sie 1979 in Oslo der Festversammlung empört zu. Selbst im übervölkerten Indien lehnt sie, dem lebensfremden Verdikt aus dem fernen Vatikan folgend, auch Pille und Kondome ab.

Muss eine Heilige glühend glauben, weil man sie sich anders gar nicht vorstellen könnte? Mutter Teresa ist als Antithese für viele gerade deshalb heilig, weil sie ihr Leben massiven Glaubenszweifeln zum Trotz als Nonne aufopfert. In vielen ihrer 5400 Briefe beklagt sie Gottesferne, "Dunkelheit und eine furchtbare Leere". Ihre Seele sei "ein Eisblock", Gott vernichte "alles in mir". Selbst nach Exerzitien glaubt sie nicht, dass sie überhaupt eine Seele habe, ja sie fühle sich "von Gott gar nicht gewollt". Wie passt das zu ihrer Gewissheit vom Leben nach dem Tod, mit der sie Sterbenden tröstend die Hand hielt? Gab es hinter ihrem Dauerlächeln vielleicht gar fatale Verzweiflung?

Doch Mutter Teresa ist mit ihrem theologisch existentiellen Fragen bekanntlich bei weitem nicht allein. Und – aus posthumer Perspektive – nun sogar in bester Gesellschaft: Selbst Papst Franziskus bekennt, auch er habe gelegentlich Glaubenszweifel.
Das ZDF sendet am Sonntag, 4. 9., um 10 Uhr ein Porträt von Mutter Teresa und überträgt von 10.30 Uhr an live vom Petersplatz ihre Heiligsprechung.

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Autor: Gerhard Kiefer