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07. Juli 2012

Der heimtückische Kindesraub

Während der Militärdiktatur in Argentinien hat man Müttern ihre Babys gestohlen – zwei Ex-Diktatoren wurden nun verurteilt.

BUENOS AIRES. Das Verbrechen war besonders perfide: Die in Argentinien herrschenden Militärs raubten inhaftierten Müttern systematisch ihre neugeborenen Babys. Jetzt wurden einige der Verantwortlichen bestraft.

Es ist ein historisches Urteil, das ganz Argentinien bewegt: Der ehemalige Diktator Jorge Rafael Videla ist wegen Kindesraub zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ein Bundesgericht in Buenos Aires erklärte den 86-Jährigen Ex-General zum Hautschuldigen für den systematischen Raub von Babys politischer Gefangener unter der Diktatur (1976 bis 1983). Sechs mitangeklagte ehemalige Militärs erhielten 10 bis 40 Jahre Haft. Ein Adoptivelternpaar wurde zu fünf und 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Beim Strafmaß für den ehemaligen Diktator Reynaldo Bignone (84) blieb das Gericht mit 15 Jahren unter der Forderung der Staatsanwaltschaft von 50 Jahren. Die Urteilsbegründung wird am 17. September verkündet.

Der Richterspruch stieß auf ein positives Echo. "Heute ist ein denkwürdiger Tag für Argentinien und die ganze zivilisierte Welt", sagte Estela de Carlotto, die Vorsitzende der "Großmütter von der Plaza de Mayo", die seit Jahrzehnten nach ihren verschwundenen Enkeln suchen. "Das Urteil zeigt, dass es ohne Gerechtigkeit keine Demokratie geben kann", fügte die Frau hinzu. Hunderte verfolgten das Urteil auf einer Leinwand vor dem Gerichtsgebäude. Sie hielten Schilder mit Babyaugen in die Höhe. "Gebt uns die Kinder zurück" stand auf Plakaten.

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Angehörige von Diktatur-Opfern zeigten besondere Genugtuung darüber, dass das Gericht es für erwiesen ansah, dass die Diktatur systematisch Babys von schwangeren Häftlingen raubte. Bis zu 500 Jungen und Mädchen sollen an Adoptiveltern vergeben worden sein, wobei den Kindern ihre Herkunft verheimlicht wurde.

Im Gerichtssaal saß Francisco Madariaga Quintela, der Anfang Juli 1977 in einer geheimen Geburtsstation der Militärs zur Welt gekommen war. Wenige Stunden nach der Geburt wurde er für immer von seiner Mutter getrennt. Silvia Quintela wurde bei erster Gelegenheit abtransportiert und wahrscheinlich bei einem der Todesflüge über dem Atlantik lebendig ins Meer geworfen. Sein Vater Abel Madariaga überlebte im Exil. Als die Richterin María del Carmen Roqueta das Strafmaß für seine Adoptiveltern, ein ehemaliger Offizier und seine Frau, verkündete, rang der junge Mann mit den Tränen. "Über 32 Jahre haben sie mir das Recht genommen, bei meinem Vater zu sein und zu wissen, wer meine Mutter ist", sagte er.

In dem Prozess wurden exemplarisch die Fälle von 35 Kindern verhandelt, die inhaftierten Frauen in neun Geheimlagern weggenommen worden waren. Wichtigstes Indiz für einen systematischen Plan zum Kindesraub waren die eigens eingerichteten geheimen Entbindungsstationen. Oft mussten die Mütter dort die Kinder in Fesseln zur Welt bringen. 26 der in Haft geborenen Kinder fanden später ihre wahre Identität heraus, davon sagten 20 während des Verfahrens als Zeugen aus.

Die inhaftierten Mütter wurden meistens ermordet. Viele zählen zu den Verschwundenen der Diktatur, da ihr Schicksal bis heute unklar blieb. Durch intensive Suche machten die "Großmütter von der Plaza de Mayo" bisher über 100 geraubte Enkelkinder ausfindig. Unter der Diktatur wurden Schätzungen zufolge 30 000 Menschen ermordet.

Die Militärs hätten den Plan zum Kindesraub noch nicht in der Tasche gehabt, als sie sich am 24. März 1976 an die Macht putschten, sagte Staatsanwalt Martín Niklison. Als unter den verschleppten Regimegegnern aber schwangere Frauen waren, hätten sie darauf mit dem Bau der Kreißsäle reagiert. Ex-Diktator Videla zeigte keine Reue. Er wurde bereits 2010 wegen Folter und Mord an 31 Häftlingen zu lebenslänglich verurteilt und sitzt im Gefängnis.

Autor: Jürgen Vogt (epd)