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19. März 2014

"Der Holocaust steht wie ein Elefant im Zimmer"

BZ-INTERVIEW mit Avner Dinur, Antwan Saca Saleh und Andrea Leute von Friendship Across Borders über einen Nahost-Frieden und Traumata der Vergangenheit.

  1. Trialog für Frieden in Nahost: Avner Dinur, Andrea Leute und Antwan Saca Saleh (von links) Foto: Thomas Kunz

  2. Trialog für Frieden in Nahost: Avner Dinur, Andrea Leute und Antwan Saca Saleh (von links) Foto: Thomas Kunz

FREIBURG. Ihre Traumata überwinden: Das wollten rund 20 Israelis, Palästinenser und Deutsche, die sich in Freiburg auf einer Tagung getroffen hatten. Alexander Preker sprach mit drei von ihnen über Beziehungen, Vergangenheit, Gerechtigkeit und Frieden im Nahostkonflikt.

BZ: Friendship Across Borders (FAB) versucht Israelis, Palästinenser und Deutsche einander näher zu bringen. Was ist daran so besonders?
Avner Dinur: Wir sprechen tri- und nicht binational über unsere Beziehungen. Und bei drei Seiten verschiebt sich die Balance. Bei Spannungen zwischen Israelis und Deutschen, Israelis und Palästinensern und Deutschen und Palästinensern kann der jeweils Dritte vermitteln. Wir Israelis etwa stehen im Nahost-Konflikt den Palästinensern gegenüber und den Deutschen wegen des Holocausts.

Antwan Saca Saleh: Als Palästinenser ist mir wichtig, das deutsch-israelische Verhältnis zu verstehen, da die deutsch-jüdische Geschichte auch unser Verhältnis zu Israel prägt. Auch das ist Teil der Traumata, die FAB benennt und überwinden will. Der Holocaust steht wie ein Elefant im Zimmer, den man nicht wahrhaben will. Für uns Palästinenser begann damit unsere Vertreibung, trotzdem bin ich empathisch gegenüber den Juden, die Leid erfahren haben.

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BZ: Dabei arbeiten Sie mit sehr persönlichen Zugängen.

Dinur: Ja. Ich lebe in Sderot, einem Ort unweit des Gaza-Streifens, der in den vergangenen zehn Jahren von Hunderten Raketen getroffen wurde.

Saleh: (flüstert) 8000.

Dinur: 8000 Raketen in wenigen Jahren. Auch mein Haus wurde bereits zwei Mal getroffen. Physisch geht es mir gut, aber meine drei Kinder sind traumatisiert, seitdem sie mehrmals am Tag in den Bunker rennen müssen, um sich zu schützen. Die meisten Israelis entwickeln deshalb eine Aggression gegen Palästinenser. Bei mir ist es anders. Eben weil ich unter den Raketen gelitten habe, will ich Annäherung. Wir sollten uns weder von der terroristischen Hamas noch von der israelischen Regierung unsere Menschlichkeit nehmen lassen. Wenn ich dann, wie hier, auf meinen Freund Antwan treffe, könnte er zu den Raketen schlicht sagen: Ihr Israelis seid selbst schuld. Aber er tut es nicht.
BZ: Was ist Ihre Motivation?

Saleh: Bei uns im Westjordanland ist die Gewalt nicht ganz so offensichtlich, wie in Gaza. Aber auch bei uns bestehen Spannungen. Deshalb will ich für künftige Generationen Frieden schaffen.

BZ: Wann haben Sie das erste Mal mit Israelis über Frieden gesprochen?

Saleh: Sehr früh, da meine Familie in der Tourismusbranche arbeitet und man so immer wieder auch mit Israelis arbeitet.
Dinur: Die Realität in Israel und Palästina ist so, dass die Gesellschaften nicht nebeneinander her leben, sondern voneinander geprägt und abhängig sind – trotz des Konflikts. Das Beispiel der Tourismusindustrie zeigt das gut. Ich kannte Palästinenser als Kind in den 1980er-Jahren vor allem als Arbeiter. Und natürlich tauscht man sich gegenseitig über Politik aus.

Saleh: Und auch vor 1948 gab es in Palästina Juden, die dort friedlich mit Muslimen und Christen zusammenlebten.
BZ: Trotzdem gibt es über die Staatsgründung Israels und die damit verbundene Umsiedlung der Palästinenser zwei miteinander unvereinbare Interpretationen.
Saleh: Ja. Aber das sollte eine Frage der Humanität und nicht der Politik sein. Man muss die Menschen zusammenbringen, was aber schwierig ist, solange Israelis Angst haben, ins Westjordanland zu reisen und die Palästinenser viele Checkpoints überwinden müssen.
BZ: Waren Sie mal im Westjordanland?
Dinur: Ja.
BZ: Hatten Sie Angst?
Dinur: An einigen Orten, ja. Dabei ist es rational betrachtet dort womöglich sicherer als in Sderot. Aber mit den Mauern wurde die Trennung hervorgehoben. Heute sehen viele Israelis Palästinenser nur noch als Terroristen. Umgekehrt sehen Palästinenser in Israelis oft nur noch Soldaten.
BZ: Was sind Ihre Ziele für diese Tagung? Kann es überhaupt welche geben?
Saleh: Offen zuhören und verstehen, welche Traumata die jeweils andere Seite hat und wie sie meine eigene Geschichte beeinflussen.
Dinur: Das trifft auch auf mich zu.
Andrea Leute: Genau hier setzt unsere Arbeit an. Wir haben auch ein spezielles Programm für Studenten entwickelt. Die Angst vor dem Anderen und Fremden zu verlieren ist die Grundlage für Verstehen und Dialog.

BZ: Was bedeutet es für Sie, sich nun so weit entfernt von zu Hause zu treffen?
Dinur: Es ist einfacher, hier zu sprechen.
Saleh: Dabei ist es praktisch schon umständlich. Ich musste von Bethlehem erst nach Jordanien reisen, da wir nicht von Tel Aviv aus fliegen können. Aber hier, in einer geschützten Umgebung zu sein, hilft. Wir können uns besser öffnen.
BZ: Im Seminar sprechen Sie über Gerechtigkeit in ihren Beziehungen. Haben Sie bereits einen persönlichen Zugang zum Thema Gerechtigkeit gefunden?
Saleh: Für mich ist Gerechtigkeit nahezu gleichbedeutend mit Frieden. Frieden nicht als bloße Abwesenheit von Gewalt, sondern positiver gewandt als gegenseitige Anerkennung der Menschen und der Möglichkeiten.

Leute: Wir sind noch mitten dabei. Aber mir ist die Aussöhnung von Vergangenheit und Gegenwart wichtig.
Dinur: Gerechtigkeit definiere ich ähnlich wie Araber, die in Fällen der Blutrache irgendwann "Sulha" schließen. Das heißt Vergebung und bedeutet, dass der Kreislauf des gegenseitigen Tötens aufhören muss, ohne die Vergangenheit zu negieren.

Friendship Across Borders ist eine Friedensorganisation von Deutschen, Palästinensern und Israelis. Der Verein will vermitteln, versöhnen und Frieden schaffen.


ZUR PERSON: AVNER DINUR

Der Israeli, 41, unterrichtet jüdische Studien an zwei Hochschulen in Israel und ist im Vorstand von FAB.

Antwan Saca Saleh

Der 29-jährige Palästinenser arbeitet für die NGO "Holy Land Trust" im Westjordanland.

Andrea Leute

Leute, 53, stammt aus Deutschland und ist ärztliche Psychotherapeutin am Bodensee und Kassiererin bei FAB.  

Autor: apr

Autor: apr