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09. Oktober 2012

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil

Der Tag der Morgenröte

Ausgerechnet der hochbetagte Papst Johannes XXIII. hatte die Vision, den Mut und die Kraft für ein Zweites Vatikanisches Konzil.

Frühling wird es für viele Katholiken mitten im Winter: Am 25. Januar 1959 kündigt Papst Johannes XXIII. ein ökumenisches Konzil an. Der bisherige Patriarch von Venedig weiß als neuer Pontifex schon nach einem Vierteljahr, wie sehr seine Kirche diesen Befreiungsschlag braucht. 2000 Jahre Kirchengeschichte sind eine stolze Tradition, aber auch lastende Vergangenheit. Dabei hat bei der Papstwahl kein Kardinal damit gerechnet, dass ausgerechnet der 77-jährige Angelo Giuseppe Roncalli den Mut und die Kraft zu einem Konzil haben wird.

Doch wozu ein Konzil, fragen konsterniert die Konservativen. Hat nicht vor erst 90 Jahren, im Zeitmaß der Kirche also gerade eben, das Erste Vatikanische Konzil (1869/70) dem Papst in Lehrfragen Unfehlbarkeit attestiert und so per Dogma künftige Konzilien obsolet werden lassen?

In Deutschland sind die Kirchen jeden Sonntag voll. Die Bischöfe weihen noch mitten im 20. Jahrhundert so viele Neupriester, dass sie problemlos jedem größeren Dorf einen Pfarrer zuweisen können.

Doch als Pius XII. nach fast 20 Jahren als Papst am 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo stirbt, lastet auf seiner Kirche noch immer jener "Antimodernisteneid", den ihr Papst Pius X. 1910 verordnet hat. Für den Vatikan ist noch im 19. Jahrhundert die Religions- und Gewissensfreiheit ein "pestähnlicher Irrtum". Mit ihrem Index verbotener Bücher und ihrer Zensurbehörde, die sich anmaßend "Heiliges Offizium" nennt, wirkt die monokratisch und absolutistisch regierte Kirche im Zeitalter bahnbrechender wissenschaftlicher (und bibelexegetischer!) Erkenntnisse zunehmend isoliert. Die Religionslehrer müssen den Kindern schließlich noch immer erzählen, Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen und das angeblich erst vor 6000 Jahren.

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Also doch Reformen! Der neue Papst öffnet symbolisch Fenster, lässt frische Luft herein. Johannes XXIII. will mit den christlichen Konfessionen brüderlicher umgehen und sich von den Religionen nicht mehr elitär abheben. Offener als bis dahin Kirche in der Welt sein und pastoraler als zuvor Kirche für die Menschen. Für den bodenständigen, bescheidenen, gütigen und humorvollen, vor allem aber hellsichtigen Papst ist es, wie er zum Konzilsbeginn vor der imposanten Kulisse von 2500 Kardinälen, Bischöfen und Äbten beglückt predigt, "der Tag der Morgenröte".

Doch Kurienkardinäle, die in der Basilika St. Paul vor den Mauern Zeugen seiner Ankündigung waren, reagierten provozierend gleichgültig, leisteten danach gar passiven Widerstand. "In der Kurie war weniger der Heilige Geist als vielmehr Macchiavelli am Werk", erinnert sich verbittert der Tübinger Konzilstheologe Hans Küng: "Die Bischöfe fühlten sich in einem totalitären Staat." Denn die Kurie will nicht wahrhaben, wie überfällig jenes "Aggiornamento" ist, dieses Heutig-Werden ihrer Kirche, das ihr Papst seinem Konzil als Arbeitsauftrag und als Ziel vorgibt.

Sogar als "papabile" taxierte Kardinäle organisieren sich im reaktionären Zentrum "Coetus Internationalis Patrum". Sie fürchten, der Papst werde mit diesem Konzil die Kirche dem Zeitgeist ausliefern. Mit dabei: der französische Missionserzbischof Marcel Lefebvre. Er wird die Priesterbruderschaft Papst Pius X. gründen und sich de facto von der Mutterkirche abspalten, weil er illegal vier Bischöfe weiht. Mit diesen lehnen rund 500 Priester und etwa 100 000 Anhänger das Konzil bis heute ab. Dennoch zaudert Papst Benedikt XVI. noch immer, die längst fällige Trennung von den Piusbrüdern zu vollziehen.
100-jähriges Zögern

am Beginn der Moderne

Das Konzil tut sich zunächst schwer. Der Papst hat dieser Riesenbischofskonferenz zwar einen Generalimpuls, aber kein Konzept geliefert. Hinzu kommt die Wut vieler Konzilsväter auf die Kurie. Der greise, fast blinde Kölner Kardinal Joseph Frings (1887-1978) erhält – beraten von einem jungen Theologen namens Joseph Ratzinger – Riesenbeifall, als er die vatikanische Zensur ein Ärgernis nennt.

Johannes XXIII. weiss unterdessen, dass er Magenkrebs und nicht mehr lange zu leben hat. Er stirbt am Pfingstmontag 1963. Sein Nachfolger, der Mailänder Kardinal Giovanni Battista Montini, lässt als Papst Paul VI. das Konzil unter vier Moderatoren straffer arbeiten. Ihr prägender Kopf ist ein Deutscher, der zwischen Konservativen und Progressiven vermitteln kann: der Münchner Erzbischof und Kardinal Julius Döpfner (1913-1976). Am 8. Dezember 1965 beendet Paul VI. das Konzil. Es verabschiedet mit meist großer Mehrheit 16 Dokumente.

Direkt erfahren die Katholiken die Liturgiereform; nun wird die Messe statt in Latein in der jeweiligen Landessprache gefeiert, wendet sich der Priester den Gläubigen zu, scharen diese sich um die neuen Zelebrationsaltäre. Der Text über die Religionsfreiheit eliminiert die Forderung nach einem Staatskirchentum. Im Geist von "Nostra aetate" sind die Juden keine "Gottesmörder" mehr. Papst Johannes Paul II. wird sie sogar "unsere verehrten älteren Brüder" nennen. Und der Vatikan fociert die Ökumene: Aus den Häretikern von einst werden "getrennte Schwestern und Brüder". Die Dokumente Lumen gentium (Licht der Völker) und Gaudium et spes (Freude und Hoffnung) zum Selbstverständnis der Kirche bedeuten, so der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet, eine kopernikanische Wende.

Doch wichtige Fragen bleiben ausgeklammert. An das Problem Zölibat trauen sich die Konzilspäpste ebenso wenig wie an den Umgang mit Katholiken in Zweitehe. Tabu bleiben die Sexualmoral und die kurz vor Konzilsbeginn erstmals verordnete Pille. Kein Thema ist, ob auch die Frau die Priesterweihe empfangen darf. Selbst vom Ständigen Diakonat, den das Konzil als neue pastorale Ebene einzieht, schließt man sie aus. Johannes Paul II. wird 1994 bekräftigen, die katholische Frau könne prinzipiell nicht geweiht werden – basta.

Die 50 Jahre seit dem Konzil greifen zu kurz, um dessen Wirkung bilanzieren zu können. Sein beflügelnder, ja euphorisierender Geist ist verflogen; Kirchen und Klöster, Priesterseminare und Pfarrhäuser leeren sich. Wegen dieses Konzils – oder trotz diesem? Wollte es zu viel? Überforderte es jene, denen das "Aggiornamento" von Anfang an suspekt war? Oder wollte das Konzil gar zu wenig? Hätte es die einmalige, vielleicht gar letztmalige Chance zu einem umfassenderen Aufbruch nutzen müssen? Und: Kam es etwa viel zu spät?

Der frühere Freiburger und nun Wiener Theologe Jan-Heiner Tück sieht die "Notwendigkeit kraftvoller Selbsterneuerung anstelle des lähmenden Antimodernismus schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts". Der einst ebenfalls in Freiburg lehrende Tübinger Theologe Peter Hünermann beklagt gar ein "100-jähriges Zögern am Beginn der Moderne". Daraus resultiert die hypothetische, aber enorm elektrisierende Frage, ob das Konklave anno 1903 krass falsch entschieden hat. Wenn damals also nicht der akzentuiert antimoderne Giuseppe Sarto, sondern ein Kardinal mit der Offenheit, dem Mut und der Weitsicht eines Angelo Giuseppe Roncalli Papst geworden wäre, dann hätte der anno 1910 gewiss nicht einen "Antimodernisteneid" erfunden. Er hätte sich der Aufklärung gewiss gleich mit einem Reformkonzil gestellt.

Autor: Gerhard Kiefer