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27. Mai 2017

Der Tajo läuft leer

Der längste Fluss der Iberischen Halbinsel trocknet aus, weil die Landwirtschaft das kostbare Wasser abzapft / Nun regt sich Protest.

  1. Entrepeñas-Stausee nordöstlich von Madrid Foto: PIERRE-PHILIPPE MARCOU

In Toledo werden auf den Brücken Mahnwachen abgehalten, in den Bergen nordöstlich von Madrid findet ein Autokorso für die sich leerenden Stauseen statt, mehrere Bürgermeister protestieren bei der spanischen Zentralregierung – die Anrainer des Tajo machen mobil. Der mit mehr als eintausend Kilometern längste Fluss der Iberischen Halbinsel, der in Portugal zum Tejo wird und in Lissabon ins Meer mündet, ist vom Wassermangel bedroht. Und nicht, weil es zu wenig geregnet hat, sondern wegen der Misswirtschaft der Behörden.

Mit Pipelines und Kanälen wird das Wasser aus den Stauseen Entrepeñas und Buendía am Oberlauf des Tajos – 100 Kilometer nordöstlich von Madrid – in den Fluss Segura gepumpt. Dieser wiederum fließt in die Mittelmeerregion Murcia. Dort werden riesige Felder mit Zitrusfrüchten und Gewächshäuser mit Gemüse für ganz Europa bewässert, während der Mittellauf des Tajos immer weniger Wasser führt. In Aranjuez, in Toledo oder in Talavera de la Reina in der Region Kastillien-La Mancha sind tote Fische am Ufer alltäglich geworden. "Der Tajo wird ausgeplündert. Das gefährdet die Zukunft der Gemeinde entlang des Flusses", beschwert sich Toledos Bürgermeisterin, Milagros Tolón. Sie ist eine der Wortführerinnen von mehr als 30 Gemeinden, die sich zusammengeschlossen haben, um ihren Fluss zu verteidigen. Toledo ist Weltkulturerbe und lebt vom Tourismus, ein sterbender Tajo ist keine gute Werbung.

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22-mal wurde in den vergangenen zwei Jahren Wasser aus Zentralspanien nach Murcia überführt. Am 8. Mai genehmigte die Regierung die letzte Charge. Zurück geblieben sind zwei fast leere Stauseen. Entrepeñas hat noch 16 Prozent der Gesamtmenge, Buendía 14 Prozent. Vorbei ist es mit dem Sommertourismus in der Region. Die Gemeinden rund um die beiden Reservoirs müssen diesen Sommer wohl mit Trinkwasser aus Tanklastern versorgt werden. Denn das, was in den Stauseen zurückbleibt, ist zum Großteil Schlamm.

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Mit nur 15 Prozent dessen, was die Region Murcia an eigenem Wasser hat, ließe sich die gesamte Bevölkerung, Touristen inklusive, mit Trinkwasser versorgen. "Der Rest und das gesamte Wasser aus dem Tajo geht in die Landwirtschaft", erklärt Rosa Prieto, Sprecherin der Bürgerinitiative "Río Tajo vivo" ("Lebendiger Fluss Tajo"). Sie erzählt, dass die Landwirte am Mittelmeer mittlerweile selbst an Berghängen Obst und Gemüse anbauen.

Der insgesamt 286 Kilometer lange Kanal zur Überführung des Wassers vom Tajo in den Segura stammt aus den 1970er- Jahren. Die Landwirte in Murcia haben seither ständig expandiert. Denn die Preise ihrer Produkte sinken ständig. Dadurch wird immer mehr Fläche nötig, um von Obst und Gemüse leben zu können. Gleichzeitig sind die Niederschläge zurückgegangen.

Die Madrider Zentralregierung, ebenso wie die in Murcia von der konservativen Partido Popular (PP), hat 2014 neue Richtlinien festgelegt. Statt wie bis dahin vorgesehene 15 Kubikmeter pro Sekunde in Talavera de la Reina, fließen jetzt nur noch zehn Kubikmeter den Tajo hinab. Das ist für einen gesunden, lebendigen Fluss nicht genug. Je weniger sauberes Wasser vom Oberlauf kommt, um so stärker verschmutzt der Tajo.

"Es gibt keine objektiven Gründe für dieses Vorgehen" beschwert sich der Sprecher des Landwirtschaftsverbandes Asaja von Kastilien-La Mancha, José María Fresneda und prangert das politische Geklüngel zwischen Madrid und Murcia an. Die Landwirte rund um den Mittellauf des Tajos fordern seit Jahren vergebens, dass das Wasser in der Region bleibt. Landwirte und Umweltschützer entlang des Tajos propagieren eine "neue Wasserkultur". Die Aktivistin Prieto fordert: "Die Entwicklung einer Region muss mit dem gemacht werden, was in der Region an Ressourcen da ist."

Autor: Reiner Wandler