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10. Februar 2011

Afrika

Die Kornkammer der Zukunft

Ausländische Staaten und Unternehmen kaufen in Afrika in großem Stil Ackerland auf – die einheimischen Bauern haben bislang das Nachsehen.

  1. Heimische Bauern in Mali sind durch große Agrarprojekte ausländischer Investoren bedroht. Foto: R. Razzo/Ciric

Georgette Foures Hütte steht nicht mehr. Auch von den anderen Häuschen in Kolongo sind nur noch Fundamente auszumachen: Der Rest des Bauerndorfes ist einem 30 Meter breiten, ganz in Beton gefassten Kanal gewichen. Kolongo hatte das Pech, genau auf der Linie zu liegen, die libysche Finanziers und chinesische Baumeister vom Niger-Fluss aus 40 Kilometer weit durch die Reiskammer des westafrikanischen Staates Mali gezogen haben: Das Dorf fiel, wie der wenige Kilometer entfernt gelegene Friedhof, einem gigantischen Agrarprojekt zum Opfer.

"Wie würden Sie sich fühlen, wenn eines Morgens jemand in Ihrem Garten auftauchte und alles platt machte?", schimpft Witwe Foure. "Ich kann es immer noch nicht fassen." Der mehr als 50 Millionen US-Dollar teure Kanal – einer der größten künstlichen Wasserwege Afrikas – soll bald 100 000 Hektar Anbaufläche bewässern, ein Gebiet größer als die Stadt Berlin. Das Land wurde der malisch-libyschen Entwicklungsgesellschaft Malibya für die kommenden 50 Jahre zur Verfügung gestellt: Denn der nordafrikanische Wüstenstaat Libyen hat zwar jede Menge Ölmilliarden, aber nicht genug fruchtbares Land, um seine sechs Millionen Einwohner zu versorgen.

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Tief in die Tasche greifen müssen die Libyer trotzdem nicht: Die Pacht kostet sie nichts, Malibya musste sich nur bereit erklären, die Kosten für die Entwicklung des Landes zu übernehmen – wozu außer dem Bau des Kanals die Entschädigung für die Anlieger gehört. Georgette Foure bekam für ihr Haus und ihre Felder gerade mal 600 Euro: "Das reicht uns nicht", schimpft die Witwe mit sechs Kindern.

Der Kanal in der Ségou-Region ist nur einer von zahlreichen ausländischen Agrarprojekten in Mali. China und Südafrika haben bereits Land in dem westafrikanischen Staat gepachtet, sagt Abou Sow, Direktor des staatlichen Land-Trusts "Office du Niger". Außerdem liegen entsprechende Wünsche kanadischer, belgischer, französischer, südkoreanischer und indischer Unternehmen oder multinationaler Organisationen wie der Westafrikanischen Entwicklungsbank vor. 60 Verträge seien bereits unterzeichnet worden, die fast eine Viertelmillion Hektar Fläche betreffen, fügt der Direktor hinzu: Andere sprechen sogar von mehr als einer halben Million Hektar, die ausländischen Konzernen zugesprochen worden sei.

Es droht ein

zynisches Agropoly

Mit dem Niger als dem drittgrößten Fluss des Kontinents, dessen Wasserkapazitäten offenbar noch längst nicht ausgeschöpft sind, gehört Mali zu den für Landkundschafter aus aller Welt attraktivsten Staaten Afrikas. Andere steuern die Nilstaaten Sudan und Äthiopien oder die beiden Kongos mit ihren riesigen Regenwaldflächen an. Auch die ostafrikanischen Staaten Madagaskar und Mozambik sind begehrt, weil sie über relativ verlässliche Niederschläge verfügen.

Allein im Jahr 2009 sollen ausländische Firmen in Afrika insgesamt 45 Millionen Hektar Land unter Vertrag genommen haben – ein Gebiet doppelt so groß wie Großbritannien. Manche sprechen bereits von einem zweiten "Scramble for Africa", ein Begriff, der das Wettrennen der Kolonialmächte auf den unterworfenen Nachbarkontinent im 19. Jahrhundert bezeichnet hat.

Die Gründe für das neue Interesse an Afrikas Boden liegen auf der Hand. Nicht nur, dass sich die Weltbevölkerung – zwar etwas verlangsamt, aber kontinuierlich – weiter vermehrt. Auch die Essgewohnheiten in den aufstrebenden asiatischen Staaten werden immer anspruchsvoller. Hinzu kommt, dass ein wachsender Teil der 1,5 Milliarden Hektar Agrarfläche weltweit für die Produktion von Biodiesel reserviert wird, und dass jährlich 2,9 Millionen Hektar fruchtbaren Bodens der Verstädterung und Erosion zum Opfer fallen. Länder wie Südkorea und China, aber auch Wüstennationen wie Saudi-Arabien oder die arabischen Emirate schauen sich daher intensiver nach neuen Kornkammern um. Mit seinen riesigen, scheinbar ungenutzten Flächen drängt sich Afrika ausnahmsweise als Rettung auf.

Arabische Ölscheichs und asiatische Tiger sind in ihrem Hunger auf Afrikas Äcker nicht allein. Auch für westliche Agrarkonzerne und selbst für Profitsucher werden die Äcker auf dem Kontinent immer attraktiver. Angesichts der Verknappung schießen die Lebensmittelpreise weltweit in die Höhe, angetrieben von Spekulanten, die die Deregulierung der Lebensmittelbörsen in den neoliberalen 90er Jahren für zweifelhafte Spielchen nutzen. Die gegenwärtige Aufstandskette im arabischen Teil Afrikas wurde nicht zuletzt von steigenden Lebensmittelpreisen angefacht. Für Afrika ist der Run auf seine roten Böden zweifellos auch eine Chance. Endlich interessiert sich die Welt für etwas anderes als die Bodenschätze, und endlich muss die Landwirtschaft, von der die große Mehrheit der eine Milliarde zählenden Afrikaner abhängt, von den politisch dominanten Eliten in den Städten ernster genommen werden. Der Landboom könnte dringend nötige Investitionen anlocken, Arbeitsplätze schaffen, die notleidende Infrastruktur auf Vordermann bringen und neue effiziente Agrartechnologien anziehen, meinen Fachleute der Weltbank und der Welternährungsorganisation FAO.

Er kann aber auch zu weiträumigen Landvertreibungen, ökologischen Katastrophen und neokolonialen Abhängigkeiten führen, halten Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder die "Friends of the Earth" entgegen. Alles komme auf die Bedingungen an, die in den Landverträgen festgeschrieben werden.

Afrikas regierende Eliten können sich entweder auf die Seite ihrer Kleinbauern schlagen und für sie nützliche Deals aushandeln – oder sich auf der Seite der ausländischen Großinvestoren wieder einmal selbst bereichern.

Um das zu vermeiden, will die Weltbank Spielregeln formulieren, an die sich alle Beteiligten halten sollen: Respektierung der Interessen der Bevölkerung sowie die Sicherung der heimischen Nahrungsmittelversorgung sollen Eckpfeiler dieser Regeln sein. Ohne sie drohen Afrikaner wie derzeit in Äthiopien zu verhungern, während sich die Bewohner fremder Staaten von den Früchten ihrer Felder ernähren – ein zynisches Agropoly.

In Mali ist das Spiel schon gründlich schief gegangen. Um die libyschen Investoren zufriedenzustellen, wurden Hunderte von malischen Kleinbauern um ihr – wie in fast allen afrikanischen Staaten durch keine Besitzurkunden geschütztes – gemeinschaftliches Land gebracht, unter ihnen Georgette Foure. "Früher konnte ich meine Familie noch mit der Ernte meiner Felder selbst ernähren", sagt die Mutter, die alleine sechs Kinder zu ernähren hat: "Inzwischen bleibt mir nichts anderes übrig, als auf ein Wunder zu hoffen."

Autor: Johannes Dieterich