BZ-Essay

Die vielen Gesichter der Gülen-Bewegung

jehl

Von jehl

Sa, 06. August 2016 um 00:00 Uhr

Ausland

BZ-Korrespondent Jürgen Gottschlich schreibt in seinem Essay über die verschiedenen Gesichter der Gülen-Bewegung, die sich mit Staatschef Erdogan überworfen hat .

Vor einigen Tagen war Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu einem eher untypischen Thema im Fernsehen zu sehen. Es ging um einige Schulen im Land, die nach Meinung des türkischen Generalkonsulats in Stuttgart doch einmal genauer unter die Lupe genommen werden sollten. Ob die sich denn auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung bewegten, wollten die Türken wissen. Bebend vor Zorn wies Kretschmann dies als Zumutung aus Ankara zurück. Die Türkei habe sich in deutsche Belange, in deutsche Schulbelange zumal, nicht einzumischen.

Hintergrund der Anfrage war, dass die fraglichen Schulen dem Umkreis der islamischen Gülen-Bewegung zugerechnet werden – derjenigen Gruppierung in der Türkei und im Westen, die von der türkischen Regierung beschuldigt wird, den blutigen Putschversuch mit mehreren hundert Toten unternommen zu haben.

Nun ist es das gute Recht eines Ministerpräsidenten, sich eine Einmischung von außen in seine Schulhoheit zu verbitten. Allein mit welcher Verve Winfried Kretschmann für die Gülen-Schulen seine Hand ins Feuer legt, überrascht dann doch. Als ehemaliger KBW-Maoist sollte er wissen, dass nicht alles immer so ist, wie es scheint.

Islamischer Marsch durch

säkulare Institutionen
Doch Kretschmann ist mit seiner Haltung nicht allein. In Deutschland und in den USA, wo der Guru der Sekte, Fethullah Gülen, seit Ende der 1990er Jahre im Exil lebt, wird von vielen Politikern und Journalisten jetzt so getan, als handele es sich bei den Gülen-Anhängern tatsächlich um die lieben, toleranten Dialog-Muslime, als die sie sich nach Außen geben.

Journalisten von Zaman werden umstandslos zu verfolgten Demokraten, und der Sektenführer selbst wird in der liberalen US-Öffentlichkeit, allen voran von der New York Times, behandelt wie ein Sufi-Weiser, der angeblich das positive Gesicht des Islam der Zukunft darstellt. Das hat auch damit zu tun, dass es der Gülen-Bewegung durch gezielte Lobbyarbeit in Brüssel, Berlin, Washington und New York gelungen ist, prominente Politiker für sich einzunehmen – entweder als vermeintliche Partner bei der Integration türkischer Migranten oder als Antipoden von al Qaida, als dem Westen zugewandte "moderate Muslime". Mit dieser Strategie konnten sie vor allem in den USA punkten. So trat Hillary Clinton schon vor Jahren bei einer Wohltätigkeitsgala auf, die nach Informationen von US-Medien von einer Gülen nahestehenden Organisation organisiert wurde, und erhält heute Wahlkampfspenden von der Gülen-Bewegung. Der Hürriyet-Korrespondent in Washington, Tolga Tanis, berichtete, dass während des gerade zu Ende gegangenen Nominierungskongresses der Demokraten in Philadelphia etliche bekannte Gülenisten in der VIP-Lounge saßen, als Obama Hillary Clinton rühmte.

Ähnlich läuft es auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Gülen-nahe Vereine schaffen es immer wieder, bekannte Persönlichkeiten zu Veranstaltungen einzuladen, indem sie auf Dialog und Integration setzen. So war die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU), die sich sehr für die deutsch-türkischen Beziehungen einsetzt, im Beirat des "Forums für Interkulturellen Dialog", dem führenden Gülen-Verein in Deutschland. Im Schulbeirat der gülen-nahen Regenbogenschule in Freiburg sitzt der frühere CDU-Landtagsabgeordnete Klaus Schüle, ehemals war der heutige Polizeipräsident Bernhard Rotzinger dort vertreten.

Aber dass die Gülen-Schulen, wie Kretschmann glaubt, über jeden Zweifel erhaben sind, wird zu mindestens vom amerikanischen FBI bezweifelt. Die US-Bundespolizei führte Verfahren gegen etliche gülen-nahe Schulen durch, weil der Verdacht besteht, dass sie öffentliche Gelder für die Arbeit ihrer Bewegung zweckentfremdet haben. Einmal abgesehen davon, ob die türkische Regierung wirklich wird beweisen können, dass Fethullah Gülen von seinem Exil in Pennsylvania aus den Coup de Etat angeordnet hat, zuzutrauen wäre es ihm allemal. Das weiß aus eigener Erfahrung niemand besser als Recep Tayyip Erdogan.

Denn bis vor wenigen Jahren hat er sich selbst der klandestinen, rufmörderischen bis kriminellen Methoden bedient, die die Gülen-Bewegung neben anderem auch auszeichnet. Die Bewegung – die sich selbst "Hizmet" (die "Dienenden") nennt, in der Türkei aber in der Regel nur "Cemaat" ("Die Gemeinde") genannt wird, weil jeder weiß, um welche Gemeinde es sich handelt – ist eine Sekte mit mehreren Gesichtern. Das Gesicht, das Gülenisten am liebsten zeigen, ist ihr Bildungs- und Dialoggesicht. Fethullah Gülen hat als Gründer seiner Religionsbewegung schon früh erkannt, dass die Macht im Staat nicht zuletzt über Bildung zu erringen ist. Mit Muslimen, die ihr Wissen lediglich aus Korankursen generieren, ist jedenfalls kein Staat zu machen. Gülen setzte sich deshalb früh dafür ein, Kindern aus islamischen Familien in eigens gegründeten Privatschulen eine gute Bildung zukommen zu lassen. Daraus entwickelte sich mit den Jahren der erfolgreichste Bildungskonzern der Türkei. Neben den Privatschulen gab es Nachhilfeschulen und selbst Privatuniversitäten.

Bald strebte Gülens Konzern auch ins Ausland. Zunächst in die Turkrepubliken Zentralasiens, dann nach Europa und in die USA, zuletzt auch nach Afrika. Ein Alumni-Netzwerk von Absolventen der Gülen-Schulen, die in so genannten "Lichthäusern" zu Mitgliedern der Bewegung wurden, bilden das personelle und finanzielle Rückgrat der Sekte. Sie finanzieren nicht nur die Stipendien für ärmere Schüler, sondern auch die Privatuniversitäten und die Medien der Bewegung, wie die Tageszeitung Zaman. Doch Bildung ist für Gülen kein Selbstzweck. Die erfolgreichen Absolventen sollten bevorzugt in den Staatsdienst gehen und beim islamischen Marsch durch die säkularen Institutionen des türkischen Staates Schlüsselpositionen besetzen, um so die Türkei wieder zu einem islamischen Staat zu machen. Gülen-Anhänger bestreiten das auch gar nicht. Was sie dagegen vehement bestreiten, ist, dass die Mitglieder in den Institutionen Seilschaften bildeten, die auf das Kommando der Führer hörten. Doch es gibt zahlreiche Berichte, dass es sich genau so verhältst. Bereits 2000 verfasste der Ex-Polizist Zübeyir Kindira ein Buch darüber, wie islamische Orden, allen voran die Gülen-Bewegung, die Polizei unterwandert haben.

Zehn Jahre später schrieb einer der bekanntesten investigativen Journalisten der Türkei, Ahmet Sik, quasi die Fortsetzung davon. Sein Buch heißt "Die Armee des Imam" und belegt detailliert, wie und wann große Teile der Polizei von der Gülen-Bewegung übernommen wurden. Ahmet Sik wurde 2011 verhaftet, das noch unveröffentlichte Manuskript beschlagnahmt. Der Besitz des Manuskripts wurde für strafbar erklärt – es erschien trotzdem bald darauf im Internet –, und Sik saß mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft in Silivre, dem Gefängnis für politische Gefangene der AKP. Verfolgt und in den Knast verbannt wurde Ahmet Sik von Staatsanwälten und Richtern, die der Gülen-Bewegung nahestehen, unter anderem dem damaligen Großinquisitor der AKP, Zekeriya Öz. Zu der Zeit war Zekeriya Öz der Chef der Sonderstaatsanwaltschaft, die im Auftrag von Ministerpräsident Erdogan politische Gegner, Linke, vor allem aber auch kemalistische Militärs verfolgte, mit fingierten Beweisen ins Gefängnis brachte oder durch Rufmord in den Selbstmord trieb.

Wie eine Neuauflage

Stalin gegen Trotzki
Dani Rodrick, Wirtschaftsprofessor in Harvard und Schwiegersohn eines der angeklagten Generäle, konnte nachweisen, dass eine CD mit angeblichen Beweisen für eine Putschvorbereitung fingiert war. Heute gehört Öz zu den geflüchteten Staatsanwälten, die Erdogan ausgeliefert haben möchte. Die Allianz zwischen der noch jungen AKP von Ministerpräsident Erdogan und Gülens Cemaat entstand, als die AKP 2002 völlig überraschend alleinige Regierungspartei wurde, aber über keinerlei Leute mit Regierungserfahrung verfügte. Damals stellte die Cemaat der AKP das notwendige Knowhow zur Verfügung, um den überwiegend säkularen, kemalistischen Ministerialapparat in den Griff zu bekommen.

In der ersten Säuberungswelle des Militärs 2008 bis 2010, als hunderte Offiziere wegen angeblicher Putschpläne angeklagt wurden, waren Cemaat-Staatsanwälte und Cemaat-Richter in extra eingerichteten Sondergerichten die Vollstrecker von Erdogans Willen. Heute beklagt man in der AKP, dass es dadurch offenbar Cemaat nahestehenden Militärs gelang, die von ihnen selbst geschaffenen Lücken im Militär zu füllen und in die höheren Ränge aufzusteigen, wodurch sie dann in der Lage gewesen sein sollen, den Putschversuch vom 15. Juli zu wagen.

Der Bruch zwischen Erdogan und Gülen kam 2013. Es sei wie "eine Neuauflage von Stalin gegen Trotzki", schrieb das Wall Street Journal kürzlich, und auch der von Erdogan verfolgte Chefredakteur von Cumhuriyet, Can Dündar, schrieb kürzlich in der FAZ, da kämpften zwei islamische Bewegungen um die Macht im Staate. Dass Erdogan in diesem Kampf, zu mindestens im Moment triumphiert, heißt aber noch lange nicht, dass seine Gegner Demokraten sind. Im Gegenteil, was in diesem Kampf als erstes auf der Strecke bleibt, ist die Demokratie in der Türkei.

Der Autor, Jürgen Gottschlich (62), ist Türkei-Korrespondent der Badischen Zeitung und anderer Blätter, darunter der taz, und lebt seit 1998 in Istanbul .