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19. Mai 2011
Durch Madrid weht ein Hauch von Aufstand
Nach drei Jahren der Krise beginnen die Spanier aufzubegehren. In der Hauptstadt protestieren seit einigen Tagen allabendlich Tausende gegen Politik und Banken .
Bruno Correa will die Geister nicht beschwören, die über der Puerta del Sol, dem zentralen Platz der spanischen Hauptstadt Madrid, hängen. "Dies ist nicht dasselbe wie der Tahrir-Platz und nicht dasselbe wie der Pariser Mai 68. Die gesellschaftlichen Umstände sind andere. Aber was wir hier tun, wird in die Geschichte dieses Landes eingehen."
Bruno Correa, ein 30-jähriger Physiotherapeut, ist einer von Hunderten junger Leute, die sich hier unter improvisierten Zeltplanen eingerichtet haben, um ihre Stimme für "einen wirklichen politischen und sozialen Wandel" in Spanien zu erheben. Correa ist heiser vom vielen Reden. Seine Mitstreiter haben ihn zu ihrem Sprecher erkoren, er trägt eine reflektierende gelbe Weste und eine Armbinde, auf der "Portavoz" (Sprecher) steht, damit jeder, der etwas Genaueres über ihren Protest erfahren will, ihn leicht findet. Und viele sind gekommen: um mit zu protestieren oder um sich zu informieren.
Hier geschieht etwas Neues, wahrscheinlich etwas Wichtiges für ein Land, das seit drei Jahren eine der schwersten Wirtschaftskrisen seiner Geschichte erlebt. Es begann am Sonntag, und für die meisten Spanier begann es überraschend. Weder in Madrid noch in den anderen größeren Städten Spaniens klebten Plakate, weder Zeitungen noch Radio- oder Fernsehsender hatten ihr Publikum darauf vorbereitet, dass für den Abend im ganzen Land Protestmärsche angekündigt waren. Und dennoch kamen Zehntausende, aufgerufen über die sozialen Netzwerke von neu entstandenen Aktionsgruppen, die bisher niemand kannte. Democracia Real Ya heißt eine dieser Gruppen: Endlich wahre Demokratie. Gerade dass kein bekannter Name hinter dem Protestaufruf stand, verschaffte ihm Glaubwürdigkeit. Hier schreien Menschen ihre Unzufriedenheit mit den Herrschenden aus sich heraus.
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Allein in Madrid kamen mindestens 25 000 Menschen, um friedlich und fröhlich durch die Innenstadt zur Puerta del Sol zu marschieren. "Wir sind keine Ware in Händen von Politikern und Bankern", stand auf dem Transparent, das sie der Demonstration vorantrugen. "Einen solchen Widerhall hatten wir uns nicht vorgestellt", sagte anschließend Fabio Gándara, Sprecher von Democracia Real Ya. Am späteren Abend fanden ein paar radikale Systemgegner, dass der Moment für Randale gekommen sei. 24 von ihnen nahm die Polizei fest.
Doch damit waren die Proteste noch nicht zu Ende. Am Montagabend verlangten mehr als 1000 junge Leute die Freilassung der Festgenommenen, am Dienstagabend kamen wieder Tausende, im sicheren Gefühl, eine neue Macht darzustellen: die Macht der Straße, die Macht des Volkes, das endlich von seinen Politikern gehört werden muss. "Letzte Neuigkeit: Spanish Revolution", stand auf einem Transparent.
Über Nacht verwandelte sich der Platz ins Zentrum des Protestes, der auch andere spanische Städte ergriffen hatte. Von irgendwoher klangen Trommeln. "Heute Abend um 20 Uhr die nächste Demonstration", klang plötzlich eine Stimme aus der Lautsprecheranlage. "Wir sind dabei zu gewinnen!" Die Menschen lachten und jubelten.
Gegen wen und was richtet sich der Protest? Bruno Correa versucht es zu erklären: "Bis zu einem gewissen Punkt können wir verstehen, dass der freie Markt uns diese Finanzkrise beschert hat. Was wir aber nicht verstehen, ist, dass die Politiker ausgerechnet diejenigen unterstützen, die uns in diese Krise geführt haben. Statt sie vor Gericht zu stellen und zur Verantwortung zu ziehen, hilft man ihnen sogar mit dem Steuergeld, das die Arbeiter dieses Landes erwirtschaften." Ein System, das dem Land erst fast fünf Millionen Arbeitslose und dann ein schmerzhaftes staatliches Sparprogramm beschert hat, wird in Frage gestellt.
"Wir sind eine friedliche soziale Bewegung", sagt Bruno Correa. "Wir wollen keine Revolution anzetteln, keine Konfrontation schaffen oder das Land zerstören. Wir wollen friedlich, mit erhobenen Händen eine wahre Demokratie schaffen. Die politische Klasse ist vollkommen abgekoppelt von der Gesellschaft und kennt unsere Sorgen nicht." Die politische Klasse, von der Correa redet, ist ziemlich ratlos angesichts des Protestes. Die Parteien stecken im Wahlkampf, am Sonntag werden in Spanien neue Regional- und Kommunalparlamente gewählt. Die konservative Volkspartei steht für das System, von den regierenden Sozialisten sind die Demonstranten enttäuscht. Mindestens bis zum Sonntag sollen die Demonstrationen an der Puerta del Sol weitergehen. "Wir werden sehen, was danach geschieht", sagt Bruno Correa. "Ich kann dir nicht sagen, was wir tun werden. Aber diese Geschichte wird nicht so schnell zu Ende sein."
Autor: Martin Dahms
