Krank durch Pestizide

Französischer Bauer bietet Monsanto die Stirn

Di, 21. August 2012 um 00:01 Uhr

Ausland

Hätte er den Tank nicht geöffnet, wäre es nicht passiert. Aber Paul François hat nach dem Deckel gegriffen, ihn vom Einfüllstutzen gezogen. Und so ist das Leben des Bauern aus dem südwestfranzösischen Weiler Bernac aus der Bahn geraten. Unzählige Male hatte der Landwirt schon Pflanzenschutzmittel auf die Felder ausgebracht, war mit leerem Tank zum Gehöft zurückgekehrt, hatte unter dem Wellblechdach des Geräteschuppens den Verschluss entfernt, um den Hartplastikbehälter vor dem nächsten Gebrauch zu säubern.

Dieses eine Mal aber war der 2500 Liter fassende Tank nicht so leer war, wie François angenommen hatte. Und auch die Kraft der Sonne hatte er unterschätzt. Jedenfalls waren Restbestände des Herbizids Lasso in der Hitze verdampft und dem sich über die Öffnung beugenden Bauern entgegengeschlagen. Nicht, dass das Gasgemisch explodiert wäre. "Es roch nur ein bisschen komisch", erzählt er. Doch so unauffällig die Dämpfe sich auch ausbreiteten, eine Explosion hätte kaum zerstörerischer sein können. Noch im Geräteschuppen spürte François, wie Hitzewellen seinen Körper ergriffen. Übelkeit, Atemnot, Herzrhythmusstörungen, Ohnmachtsanfälle folgten. Die Gesundheit des Landwirts, sein Selbstverständnis, sein Weltbild, alles ist an jenem 27. April 2004 zu Bruch gegangen.

Gut acht Jahre später sind die Aufräumarbeiten noch im Gange. "Andere Bauern, denen Ähnliches widerfahren ist, sind irgendwann in aller Stille krepiert oder haben sich das Leben genommen, erdrückt von Schuldgefühlen, dass sie Gift spritzen und dies auch noch unsachgemäß", erzählt François. Er selbst hat nach mehrjährigem Leidensweg beschlossen, sich zu wehren, in die Offensive, an die Öffentlichkeit zu gehen – "aus Prinzip", wie er sagt. François hat den Hersteller des Herbizids, den amerikanischen Konzern Monsanto, auf Schadensersatz verklagt.

Ein Gericht in Lyon gab ihm recht. Das war im Februar, und der 48-Jährige hat damit Rechtsgeschichte geschrieben. Nie zuvor hat ein französischer Bauer den Agrarriesen in die Knie gezwungen. Die Entscheidung über die Höhe der Entschädigung steht noch aus. Anfang nächsten Jahres will das Gericht verkünden, mit wie viel Geld die Gesundheitsschäden des Landwirts aufzuwiegen sind.

Damals, im April 2004, wurde François ins Krankenhaus eingeliefert, nach vier Tagen trat allmählich eine Besserung ein. Doch dann kamen neue Symptome hinzu: Schwindelgefühle, Konzentrationsschwächen und Sprachstörungen. Der Bauer begann zu stottern. Die Ärzte, denen er sich anvertraut hatte, wussten nicht mehr weiter. In seiner Not wandte François sich ein halbes Jahr später an einen Pariser Spezialisten für Vergiftungen. Die Behandlung schlug an. Geblieben ist die Angst vor Rückfällen und Spätschäden.

Frieden ist im Hause François nach dem Sieg über Monsanto aber nicht eingekehrt. Der verheiratete Vater zweier Töchter muss weiterkämpfen. Der Konzern hat Berufung eingelegt. Die Augen zu Schlitzen verengt, die Lippen fest aufeinander gepresst, hatte der Bauer das erste Kräftemessen für sich entschieden. "Was zählt das noch, wenn ich das zweite verliere?" fragt er. In erster Instanz hatte das Gericht darauf abgestellt, dass der Hersteller des Pflanzenschutzmittels auf dem Etikett nur den Hauptwirkstoff Alachlor angemessen herausgestellt habe, nicht aber das gefährliche Lösungsmittel Monochlorbenzol. Yann Fichet, Geschäftsführer der französischen Monsanto-Filiale, hatte argumentiert, François habe das 1985 in Kanada und 1992 in Belgien und Großbritannien verbotene Herbizid jahrelang benutzt und bestens gekannt. Man hätte von einem Profi wie ihm erwarten können, dass er sich vor dem Öffnen des Tanks eine Schutzmaske überziehe.

Anders als in den acht Jahren zuvor kämpft François freilich nicht mehr allein. Andere Pestizidgeschädigte haben sich gemeldet. Der Bauer hat den Verband "Phyto-Victimes" gegründet, "Opfer des Pflanzenschutzes". Rund hundert Mitglieder zählt er. Im Frühjahr hat der damalige Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire eine Delegation des Verbands empfangen. Der Senat hat eine Untersuchungskommission eingesetzt, die im Oktober einen Bericht über die Schädlichkeit von Pestiziden vorlegen soll. Das Herbizid Lasso, das François zum Verhängnis wurde, ist mittlerweile auch in Frankreich verboten.

Wissenschaftler haben Alarm geschlagen. Sie haben herausgefunden, dass einzelne, als harmlos ausgewiesene Pflanzenschutzmittel zerstörerische Kräfte entfalten, wenn sie im Verbund auftreten. Die Forscher hatten untersucht, wie Zellen des zentralen Nervensystems des Menschen reagieren, wenn sie drei auf Weintrauben zurückbleibenden Pestiziden ausgesetzt sind. "Die Beweglichkeit der Zellen leidet, die Energiezufuhr ist gestört, sie sind enormem, möglicherweise krebserregendem Stress ausgesetzt, zerstören sich selbst", lautet das Anfang August in der wissenschaftlichen Zeitschrift PloS One veröffentlichte Ergebnis. Weitere mögliche Folgen seien eine größere Anfälligkeit für degenerative Nervenkrankheiten wie Parkinson oder Alzheimer. Fest steht, dass Frankreichs Bauern überdurchschnittlich häufig an Leukämie, Blasen-, Haut- und Hirnkrebs sowie Parkinson erkranken.

Jacky Ferrand hat sich François und den "Phyto-Victimes" angeschlossen. Der 70-Jährige hat seinen Sohn Frédéric verloren. "Blasenkrebs, mit 41 Jahren", erzählt der Vater. "Aha, noch ein blasenkrebskranker Weinbauer", habe der Urologe gesagt, als er vom Beruf des Patienten erfuhr. Ferrand gibt Einblick in den Arbeitsalltag der Kollegen. Wenn die Reben im April austrieben, gehe das Sprühen und Spritzen los. Um die Pflanzen vor Pilzbefall zu schützen, gelte es den angreifenden Sporen mit Kupfer und Schwefel den Garaus zu machen, nach jedem Regenguss von Neuem. Hinzu komme der Kampf gegen Mikrospinnen und andere Insekten. "Chemische Streubomben", nennt Ferrand, was die Bauern gegen Ungeziefer einsetzten.

François ist an den Ort des Unglücks zurückgekehrt. Der Traktor steht noch da. Die Ausmaße des Fahrzeugs lassen erahnen, was intensive Landwirtschaft bedeutet. Der Kopf des Bauern reicht kaum bis zum Boden der Führerkabine. Die mit Schläuchen und Düsen bestückten Stahlarme erreichen eine Spannweite von 30 Metern. Der Traktor steht nicht nur noch immer da, François benutzt ihn auch noch. Er hat den Herbi-, Fungi- und Insektiziden nicht gänzlich abgeschworen. "Ich kann doch nicht anfangen, auf meinen 240 Hektar Land Unkraut zu jäten", sagt er. Was nicht heißt, dass er noch der überzeugte Anhänger intensiver Landwirtschaft wäre, der er einmal war. "Die Chemie ist ein Segen, es gilt sie vorbehaltslos zu nutzen, um den wachsenden Nahrungsmittelbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung zu befriedigen." Das war François’ Credo gewesen – und nicht nur seines. Als "Landwirt aus Leidenschaft", erzählt er, "wusste ich mich einig mit Bauerngewerkschaftern, Kreditgebern, Versicherungsagenten, Lieferanten."

Acht Jahre, nachdem er Dämpfe des Pestizids Lasso eingeatmet hat, ist der Glauben aber nachhaltig erschüttert. Der Bauer will der Chemie zwar nicht gänzlich entsagen, aber er reduziert sie, sucht ein neues Verhältnis zu ihr. Damit sich der Boden erholen kann, sät er immer wieder Anderes aus oder lässt Felder brachliegen. François zeigt auf ein Stoppelfeld, erläutert den Wandel: "Auf den Weizen folgt Raps und im Herbst dann Klee, der wunderbar Stickstoff und Wasser bindet." Nach dem ersten Frost pflügt er das Grünzeug unter.

Und die Pestizide? Was auch nur entfernt verdächtig sei, Krebs oder andere Krankheiten auszulösen, müsse vom Markt, fordert François. Etwa 90 fragwürdige Produkte seien im Handel. Der Bauer will nicht ausschließen, dass er eines Tages ganz auf biologischen Landbau umsteigt. In einer Übergangszeit würde ihm das Ernteeinbußen von 20 bis 30 Prozent eintragen, hat er ausgerechnet. Seine zwei Töchter drängen ihn, den Schritt zu wagen. "Noch bin ich nicht so weit", stellt er klar. Die Aufräumarbeiten im Leben des Paul François gehen weiter.