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21. November 2015 00:00 Uhr

Islamischer Staat

Nach Paris: Krieg ist keine Antwort auf den Terror

So sehr uns das auch frustriert: Selbstmordattentätern den Krieg zu erklären, ist keine vernünftige Antwort auf den Terror. Die finanzielle Unterstützung abzuschneiden schon.

  1. Müssen mit dem Trauma leben: Verletzte und Davongekommene der Pariser Terroranschläge Foto: dpa

Was monströse Gewalttaten bei den Opfern, so sie denn überlebt haben, psychisch anrichten, sind nur schwer verheilende Wunden. Die seelischen Narben, die sie zurücklassen, bleiben für die Betroffenen jahrzehntelang, meistens lebenslang spürbar. Opfer von Gräueltaten, wie sie jetzt in Paris geschahen, sind – neben den zu beklagenden Toten – nicht nur die unmittelbar Verletzten. Psychisch traumatisiert zurück bleiben auch verwitwete Partner, außerdem Eltern, Kinder und nahestehende Freunde von Getöteten. Der Begriff des Traumas, der manchmal leider leichtfertig gebraucht wird, beschreibt die Erfahrung einer totalen Überwältigung, also das Erleben einer Situation, in der die beiden typischen, sozusagen "gesunden" Reaktionsmuster gegenüber einer uns plötzlich begegnenden Gefahr – Kampf oder Flucht – nicht mehr möglich sind. Mit dem Erleben eines Traumas typischerweise verbunden ist die Lähmung, die im Moment der Tat den Körper erfasst, aber nicht auf ihn beschränkt bleibt, sondern die Seele mit einbezieht. Das emotionale Einfrieren, das in der Fachsprache auch als "emotional numbness" (emotionale Taubheit) bezeichnet wird, ist eine oft lang anhaltende Trauma-Folge.

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Krieg kann niemanden schrecken, der für Terr den eigenen Tod in Kauf nimmt

Wir Außenstehenden mögen vorübergehend sprachlos oder geschockt gewesen sein, doch wir sind keine Traumatisierten. Wir alle sind jetzt aufgerufen, uns zu besinnen und richtig zu handeln, den Opfern zu helfen und als Staatsbürger dazu beizutragen, dass weitere Gewalttaten kurz-, mittel- und langfristig verhindert werden. Wir sind nicht gelähmt, können also etwas tun – aber wofür sollten wir plädieren? Sollten wir dem reflexartig ausgesandten Ruf nach Revanche – nach "Krieg"–, nach einer harten Hand und einer Verschärfung von Strafen folgen? Es mag uns frustrieren, aber davon ist nichts zu erwarten. Warum sollten die Ansagen von härteren Strafen oder von "Krieg" fanatische Täter, die bei ihren Taten den eigenen Tod mit in Kauf nehmen, beeindrucken?

Als vernunftgeleitete Reaktion auf Terrortaten wie auf jene in Paris taugen keine drakonischen Maßnahmen, insbesondere nicht eine Ansage von "Krieg". Viel wichtiger wäre, die Mörderbande des "Islamischen Staates" endlich von der finanziellen und militärischen Unterstützung abzuschneiden, die sie bisher offenbar reichlich genießt. Außerdem bedarf es einer massiven Intensivierung der Arbeit unserer Strafverfolgungsbehörden und einer deutlich verbesserten Aufklärungsarbeit der Geheimdienste. Überlebende Täter und ihre Hintermänner müssen ermittelt, gefasst und mit der maximalen Härte der Gesetze bestraft werden.

Das Schmerzzentrum im Gehirn reagiert auch auf Demütigungen

Die bestehenden Gesetze reichen voll aus, um Täter, die Terror verüben wie in Paris, dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen. Doch wenn vorbeugende Aufklärung und verbesserte Strafverfolgung das einzige Mittel bleiben, dann wäre dies so, wie wenn in einer Chemieanlage seit Jahren an verschiedenen Stellen fortlaufend Brände aufträten und die Reaktion sich darauf beschränken würde, da und dort auftretende Undichtigkeiten besser zu erkennen und mehr Feuerlöscher aufzustellen, ohne zu beachten, dass in dieser Anlage Dichtungen, die brennbare Flüssigkeiten unter Verschluss halten sollen, ständig unter zu hohem Druck stehen.

Der Grund dafür, dass wir uns mit einer vernunftgeleiteten Suche nach den tiefer liegenden Ursachen von destruktiver Gewalt und von Terrortaten seit Jahren schwer tun, liegt darin, dass viele glauben, für irrationale Taten wie jene von Paris könne es keine rational erklärbaren Ursachen geben. Begründet wird diese Position entweder mit der – von niemanden bestrittenen – krassen Amoralität derartiger Taten, die jeden Erklärungsversuch selbst zu einem amoralischen Unterfangen mache. Oder damit, dass menschliche Aggression nun einmal – wie der Sexualtrieb – eine anthropologische Konstante und von daher nicht erklärungsfähig sei, selbst dann wenn die Gewalt in derart monströser Weise auftrete wie bei Terrorakten. Die zweite, auch von einigen Sozialpsychologen unserer Tage vertretene Position hat ihren neuzeitlichen Ursprung in dem von Sigmund Freud – unter dem Eindruck der Schrecken des Ersten Weltkrieges – postulierten Aggressionstrieb.

Freuds Postulat wurde jedoch weder von Charles Darwin, der die menschliche Aggression als reaktives Geschehen beschrieb, geteilt, noch konnten die modernen Neurowissenschaften Freuds Hypothese bestätigen. Im Gegenteil: Als stärkste menschliche Triebkraft identifizierte die moderne Hirnforschung – Charles Darwin bestätigend, der die "sozialen In stinkte" als den stärksten menschlichen Trieb erkannte – das Streben des Menschen nach sozialer Akzeptanz, Anerkennung und Zugehörigkeit. Dieses wissenschaftlich gut gesicherte Faktum macht den Menschen jedoch nicht moralisch "gut", im Gegenteil.

Aggression und Gewalt, um dazuzugehören

Der Trieb nach sozialer Akzeptanz – vielleicht sollte man besser von einer Gier sprechen – ist eine derart stark ausgeprägte menschliche Grundmotivation, dass Menschen bereit sind, Böses zu tun, nur um zugehörig zu sein. Thomas Insel, Direktor des National Institute of Mental Health (NIMH), eine der weltweit größten neurowissenschaftlichen Forschungsstätten, äußerte vor einiger Zeit die Ansicht, der Wunsch des Menschen nach sozialer Verbundenheit sei so etwas wie eine "addiction disorder", also eine Suchtkrankheit.

Der Wunsch nach Zugehörig um jeden Preis macht den Menschen nicht nur nicht "gut", sondern bildet – dies mag überraschen – eine bedeutende Quellen zwischenmenschlicher Aggression und Gewalt. Der Grund dafür ist, dass soziale Zugehörigkeit fast immer mit der Bildung von Ingroups und Outgroups verbunden ist. Kriterien, die Zugehörigkeit begründen, begründen meistens zugleich auch den Ausschluss bestimmter anderer. Dies kann so weit reichen, dass die Ausgrenzung anderer das eigentliche Motiv und Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Ingroup bildet. Was bedeutete die von Adolf Hitler postulierte "Volksgemeinschaft" anderes als die Nicht-Zugehörigkeit zu den zahlreichen Untergruppen der Bevölkerung, allen voran die jüdischen Mitbürger, gefolgt von Anhängern linker Parteien, Sinti und Roma, Homosexuellen und seelisch Kranken?

Was anderes als die Feindseligkeit gegenüber dem Fremden ist es, was die Anhänger der sogenannten "Pegida"-Bewegung untereinander verbindet? Auch Religionen, und derzeit leider vor allem der Islam, haben das Potential zur Spaltung zwischen In- und Outgroup und zu einem sich daraus speisenden Hass.

Ein entscheidender Grund, warum die Evolution das Verhaltensprogramm der Aggression nicht eliminiert hat, war ihre lebenserhaltende Bedeutung bei der Abwehr von Schmerz und der Bewahrung der körperlichen Unversehrtheit. Eine der bedeutendsten neurowissenschaftlichen Beobachtungen der letzten Jahre war, dass die Schmerzzentren des menschlichen Gehirns nicht nur bei der Zufügung körperlicher Schmerzen aktiv werden, sondern auch dann, wenn sich eine Person sozial ausgegrenzt oder gedemütigt fühlt.

Die Toleranz gegenüber Ungleichheit ist begrenzt

Das menschliche Gehirn reagiert auf soziale Diskriminierung also ähnlich wie auf einen körperlichen Angriff. Das macht verständlich, warum nicht nur zugefügter körperlicher Schmerz die Aggressionsbereitschaft erhöht, sondern auch soziale Ausgrenzung oder Demütigung. Eine derartige, sozial verursachte Reaktion der neurobiologischen Schmerzzentren ist jedoch nicht nur dann zu beobachten, wenn eine Person selbst ausgegrenzt wird, sondern auch dann, wenn jemand "nur" miterlebt, wie ein Mitglied der eigenen Ingroup gedemütigt wird, zum Beispiel ein Familienmitglied oder ein Angehöriger der eigenen Religion oder der eigenen Ethnie. Neurobiologisch unterfütterte Identifizierungsvorgänge dieser Art können dazu führen, dass sich Gewaltreaktionen wie eine ansteckende Krankheit epidemisch ausbreiten. Dies ist der Grund, warum das, was im Nahen und Mittleren Osten passiert, sich überall auf der Welt auswirkt.

Ausgrenzungen und Demütigungen werden nicht nur dort erlebt, wo Menschengruppen verbal oder im alltäglichen Umgang herabgesetzt werden, sondern auch dort, wo Menschen – im Angesicht anderer, die sich eines erheblichen Wohlstandes erfreuen – in Armut leben und von Bildungs- und Entwicklungschancen abgeschnitten bleiben. Dies betrifft nicht nur das Leben in den Banlieues von Paris. Wir leben in einer medial komplett vernetzten, in einer Welt. Daher wird überall da, wo Menschen Armut erleiden, diese zugleich immer auch im Angesicht großen Reichtums erlebt. Studien zeigen einen linearen Zusammenhang zwischen der Ungleich-Verteilung von Einkommen und Vermögen (gemessen mit Hilfe des sogenannten Gini-Index) einerseits und Gewalt (gemessen als Tötungsdelikte pro 100 000 Einwohner) andrerseits. Das menschliche Gehirn ist keineswegs kommunistisch aufgestellt, es toleriert, dass Menschen unter wirtschaftlich unterschiedlichen Bedingungen leben – auch das zeigen neurowissenschaftliche Experimente. Die Toleranz gegenüber Ungleichheit ist jedoch begrenzt und endet dort, wo krasse Benachteiligung auf ausgeprägte Privilegierung treffen. Leider bilden solche Konstellationen die derzeitige globale Realität. Friedensfördend ist das nicht.

Nicht Symptome, sondern Ursachen bekämpfen

Wie also können wir der Unmenschlichkeit und dem Terror islamistischer Gruppen langfristig begegnen und den Sumpf auszutrocknen, aus dem die terroristische Brut immer wieder neu hervorwächst? Die Täter und ihre Hintermänner gehören hinter Gitter, und zukünftige Täter sollten wir fassen, bevor sie ihre Taten begehen. Doch das wird nicht ausreichen. Wir brauchen ein neues Nachdenken über das vielleicht stärkste Antidot gegen globalen Terrorismus: globale Gerechtigkeit und ein Ende all’ dessen, was in vielen Ländern dieser Erde als Ausbeutung und Demütigung durch die westlichen Staatengemeinschaft erlebt wird. Hunderttausende junge Männer in jenen Ländern, die derzeit durch Unruhen und Kriege paralysiert sind, suchen nach Möglichkeiten, sich zu bewähren und nützlich zu machen. Was sie dazu dringend brauchen ist familiäre und soziale Verbundenheit und ein Zugang zu Bildungswegen. Wenn die zivilisierte Welt ihnen diese Möglichkeiten nicht bietet, suchen sie nach Alternativen.

Über lange Zeit in einer Anlage immer wieder auftretende Brände beendet man nicht dadurch, dass man überall mehr Feuerlöscher aufstellt, sondern indem man den Ursachen für die Brandneigung auf den Grund geht und sie abstellt.
Zur Person

Joachim Bauer (Jahrgang 1951) ist Neurowissenschaftler und Psychiater am Uniklinikum Freiburg. Er ist unter anderem auch Autor eines Buches über die Ursachen von Gewalt aus neurowissenschaftlicher Sicht ("Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt", Heyne Verlag, 2013)

Autor: Joachim Bauer