Urlaubsland

In der Türkei bleiben in diesem Sommer die Touristen aus

Jürgen Gottschlich

Von Jürgen Gottschlich

Di, 28. Juni 2016

Ausland

Das hat viel mit den schlechten Nachrichten zu tun, die in jüngster Zeit aus dem Land kommen.

Alanya war in der Antike einer der gefürchtetsten Piratenstützpunkte des östlichen Mittelmeeres. Die große Bucht bot optimalen Schutz vor den Winden. Höhlen auf Meeresspiegelhöhe dienten als versteckte Werftanlagen. Die Piratenflotte von heute ist immer noch eine der größten des östlichen Mittelmeeres, dient allerdings nur noch dem touristischen Amüsement. Seit Wochen schon liegt fast die gesamte Flotte vor Anker und die Seeräuberdarsteller schlagen bei Backgammon oder vor dem Fernseher die Zeit tot. Die Beute ist in diesem Jahr ausgeblieben. Touristen sind im Sommer 2016 an der Promenade in Alanya so selten wie der nahezu ausgerottete Blaue Thunfisch im Meer.

Alanya, das beliebteste Ziel deutscher Urlauber an der türkischen Riviera, ist buchstäblich leer. Am berühmten Kleopatra-Strand reiht sich eine leere Strandliege an die nächste, die Sonnenschirme werden erst gar nicht aufgestellt. "Ich bin seit 20 Jahren mit meiner Strandbar hier", erzählt ein gut gebräunter gemütlicher älterer Herr. "Aber so eine Katastrophe habe ich noch nicht erlebt."

Gerade hat der Flughafen von Antalya, das wichtigste Tor zur türkischen Riviera, seine Zahlen für Mai und Juni dieses Jahres veröffentlicht: Um 98 Prozent ging die Zahl der russischen Urlauber zurück, mehr als 50 Prozent sind es bei Deutschen und anderen Westeuropäern. Eine Ladenbesitzerin an der Promenade von Alanya will am liebsten gar nichts sagen. "Sie sehen doch selbst, dass hier kein Mensch ist", sagt sie verbittert.

Von Kemer im Westen bis Alanya im Osten ist eine Küstenstrecke von 200 Kilometern schönsten Sandstrands in diesem Jahr eine touristische Katastrophenzone. Von den 5,2 Millionen russischen Urlaubern, die im letzten Jahr hier die Strände bevölkerten, ist in diesem Jahr so gut wie keiner gekommen. Aber auch die Deutschen, 2015 mit 5,5 Millionen noch die größte Gruppe, machen sich rar. Die Saison ist für den türkischen Tourismus gelaufen, bevor sie richtig begonnen hat.

Man merkt das bereits bei der Landung in Antalya. Der von der deutschen Fraport betriebene Flughafen, dessen Besucherzahlen in einer normalen Hochsaison von Mitte Juni bis Mitte September oft die Passagierzahlen des Istanbuler Atatürk-Flughafens übertreffen, ist mehr oder weniger leer. Das übliche Gedränge an der Passkontrolle und den Gepäckbändern entfällt, alles ist in wenigen Minuten erledigt. Antalya selbst ist zwar geschäftig wie immer, schließlich wohnen knapp 1,5 Millionen Menschen in der Stadt. Doch hinter der Fassade wächst die Angst. Denn fast alle hier leben vom Tourismus. Und selbst wer nicht direkt in der Branche beschäftigt ist, bekommt die Auswirkungen des Rückgangs zu spüren.

Die Krise trifft die Region ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem die Menschen glaubten, jetzt würde es erst richtig losgehen. Alles war bereit für den großen Ansturm. Die Infrastruktur ist bestens ausgebaut, die Baustellen früherer Jahre sind fast verschwunden und die Strände sind so sauber, dass viele die Blaue Flagge als ökologische Auszeichnung führen dürfen. In Kaleici, der pittoresken, aber früher ziemlich verfallenen osmanischen Altstadt von Antalya, sind die großherrschaftlichen Konaks renoviert und in Boutique-Hotels umgewandelt worden. Hinter den Mauern verstecken sich lauschige Gärten und Swimmingpools, während an Türen und Toren lila Bougainvillea prangen.

Gerade in diesem Jahr hatte sich die Region um Antalya besonders viel vorgenommen. Mit Hilfe einer großen internationalen Gartenschau, der "Expo Antalya", wollte man die Rekorde der letzten Jahre noch einmal toppen. Jetzt ist diese Expo zum Symbol der Krise geworden. Millionen und Abermillionen wurden in das Prestigeprojekt investiert, sogar eine neue S-Bahnstrecke vom Zentrum Antalyas bis zur 30 Kilometer außerhalb der Stadt liegenden Expo wurde gebaut. Nun kommt kaum ein Mensch. Pro Besucher laufen mindestens dreimal so viele Serviceleute auf dem riesigen Gelände herum. Zwei junge Frauen aus Solingen, die in Side Urlaub machen und von ihrem Hotel hergebracht wurden, wundern sich, dass so gar nichts los ist. Wo denn hier die Showräume sind, wollen sie wissen.

Die gibt es durchaus, aber sie stehen so verlassen in der grellen Sonne, dass man den Eindruck hat, alles wäre noch geschlossen. Eine aufwendige Multimedia-Show, angefangen von dem Beginn menschlicher Landwirtschaft in Anatolien bis zu einer futuristischen Zukunft, hat außer dem Reporter keine Besucher. Es sei zu heiß, sagt einer der Angestellten als Entschuldigung.

Tatsächlich stöhnt die türkische Mittelmeerküste in der zweiten Junihälfte das erste Mal unter einer Hitzewelle von 40 Grad im Schatten, doch das ist nicht der Grund für die ausbleibenden Besucher. "Hier ist seit der Eröffnung Mitte April nichts los", sagt Ayse, die im Ausstellungspavillon von Istanbul jobbt. Trotzdem ist sie froh, dass sie bei der Expo wenigstens noch für fünf Monate Arbeit gefunden hat. "Ich hatte eine feste Anstellung in einem der Schmuckbasare, die an der Hauptstraße vom Flughafen ins Zentrum von Antalya stehen. Die meisten Kunden waren Russen. Eine Woche nach dem Abschuss des russischen Militärjets im vergangenen November wurde ich zusammen mit fast 100 anderen Verkäuferinnen gefeuert."

Danach war Ayse zunächst einmal sieben Monate arbeitslos. "Mein Arbeitslosengeld", sagt sie, "reichte gerade einmal für die Miete. Alles andere musste ich mit meinen Ersparnissen bestreiten." Ayse ist sauer auf die staatliche Krisenpolitik. "Die Hotelbesitzer bekommen vom Staat Überbrückungskredite oder dürfen ihre Schulden später zahlen. Von mir will die Bank jeden Monat Geld sehen." So wie Ayse geht es vielen, die ihren Unterhalt im Tourismus verdienen.

Beispielhaft dafür ist Kemer, eine reine Touristenstadt 50 Kilometer westlich von Antalya. Kemer war traditionell fest in russischer Hand. Nicht nur die Gäste, auch viele Hotelbesitzer kommen aus Russland. "Mehr als 60 Prozent aller Hotels", sagt der Sprecher des Tourismusbüros in Kemer, "haben in diesem Jahr erst gar nicht geöffnet."

Während der Beamte als Grund für die Krise den "Terrorismus" anführt, weiß in Kemer natürlich jeder, dass die Russen aus politischen Gründen nicht kommen. Ende November war im syrischen Grenzgebiet ein russischer Kampfjet abgeschossen worden, ein Pilot kam dabei ums Leben. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat bis zu diesem Montag die Forderung des russischen Präsidenten Wladimir Putin ignoriert, sich hierfür zu entschuldigen. Nach Angaben des Kremls schrieb Erdogan nun an Putin: "Ich möchte der Familie des getöteten russischen Piloten noch einmal mein Mitgefühl und mein tiefes Beileid aussprechen und sage Entschuldigung". Auch Hakan, der in einer Strandbar jobbt und eine russische Freundin hat, hatte die Entschuldigung gefordert. Ob die russischen Gäste nun wiederkommen? Das kann noch keiner beurteilen.

Im Gegensatz zu Hakan vermeiden die meisten Gesprächspartner, über die politischen Ursachen der leeren Strände zu reden. Sie tun so, als sei das Ganze eine Naturkatastrophe, die hoffentlich bald wieder vorüber ist. Allenfalls geben einige selbstkritisch zu bedenken, dass die Touristen von einigen "schwarzen Schafen" in der Branche in den vergangenen Jahren doch häufig über den Tisch gezogen worden seien. "Dreißig Euro für einen alten Fisch, das geht natürlich nicht."

Die türkische Regierung schiebt in ihren Stellungnahmen alles auf die "Terrorattacken" der PKK und der Terrormiliz Islamischer Staat. Doch die meisten Hoteliers wissen genau, dass das bestenfalls ein Teil der Wahrheit ist. "Viele meiner deutschen Kunden sagen", erzählt ein Hotelier in Antalya, der namentlich nicht genannt werden will, "der Terrorismus sei nicht der Grund. Bomben können überall hochgehen, aber sie wollen nicht mehr im Erdogan-Land Urlaub machen." Dann sagt er noch: "Was soll ich machen? Ich habe Erdogan nicht gewählt und werde nun doppelt bestraft."

Andere wollen es nicht einfach hinnehmen, dass ihre wirtschaftliche Grundlage sich gerade in nichts auflöst. Ein bekannter Geschäftsmann aus Antalya, Serdar Ali Abet, hat für drei Millionen Euro eine Seifenoper in Antalya drehen lassen, die jetzt während des Ramadan über TRT Al Arabia in den arabischen Ländern ausgestrahlt wird und damit zur Popularität von Antalya beitragen soll. In Belek, einem Vorort von Antalya, der für seinen Golftourismus berühmt ist, demonstrierten vor einer Woche wütende Kleinhändler, Taxifahrer und Restaurantbetreiber, weil sie im Gegensatz zu den großen Hotelketten keine Unterstützung vom Staat bekommen.

In Ankara dämmert der Regierung von Premier Binali Yilderim allmählich, dass sich an den Küsten des Landes ein Sturm zusammenbraut. Mit Vertretern der Branche will man nun ein Aktionsprogramm entwickeln, um vielleicht doch noch etwas zu retten. Stars und Sternchen sollen für Imagefilme engagiert werden, um die positiven Seiten der Türkei wieder stärker in den Vordergrund zu stellen.

Den meisten Tourismusexperten ist aber schon klar, dass kein noch so guter Imagefilm etwas nutzt, solange die Politik des Landes kontinuierlich schlechte Nachrichten produziert. Sie setzen deshalb verstärkt auf den inländischen Tourismus. Auf Druck der Branche hat die Regierung die traditionellen Bayram-Feiertage am Ende des Fastenmonats Ramadan in diesem Jahr auf neun Tage verlängert, in der Hoffnung, dass viele Türken die Gelegenheit nutzen, um ans Meer zu fahren.

Doch auch das wird die Tourismusbranche kaum retten. Ayse, die Schmuckverkäuferin, die auf der Expo jobbt, hat gehört, dass die internationalen Hotels frühestens 2018 wieder auf einen Anstieg der Zahlen hoffen. Für 2017 hätten die großen Reiseagenturen die Türkei schon ausgemustert. Ayse hofft, dass es sich einige Deutsche vielleicht im letzten Moment noch überlegen und auch dieses Jahr nach Antalya kommen. "Noch nie waren der Service hier so gut und die Preise so günstig wie heute. Wer nach Antalya kommt, wird es nicht bereuen", sagt sie.