Paraguay

Landwirtschaftliche Revolution vergiftet Land und Leute mit Herbiziden

Sandra Weiss

Von Sandra Weiss

Mo, 22. Mai 2017

Ausland

Südamerikanische Staaten wie Paraguay durchlaufen seit einigen Jahren eine landwirtschaftliche Revolution, die Land und Leute mit Herbiziden vergiftet.

Dreimal haben sie ihn vertrieben, zusammengeschlagen und sogar ins Gefängnis gesteckt. Und jedes Mal kam José-Luis Centurion wieder. Jetzt haust der 29-Jährige in einem Zelt und bestellt zehn Hektar Land in der Kleinbauerngemeinde San Juan im Osten Paraguays. Bohnen, Yuca, Mais und Bananen sind sein ganzer Stolz und bilden die Lebensgrundlage für seine Familie. Doch es sieht nicht gut aus für seine wirtschaftliche Zukunft. Der Anbau von Sojabohnen ist in der Provinz Canindeyú auf dem Vormarsch. Kleinbauernsiedlungen wie San Juan können dem nicht Stand halten.

Zwischen der Kleinstadt Puente Kyjá und San Juan erstrecken sich die Soja-Monokulturen bis zum Horizont. 40 Grad im Schatten, fast kein Baum, kein Vogel, kein Zirpen der Zikaden, nur eine einförmig grüne Wüste. Ein unangenehm stechender Geruch reizt die Schleimhäute. Ein Traktor mit einem kranähnlichen Aufsatz versprüht Glyphosat von Monsanto, der US-Firma, die bald vom Chemieriesen Bayer geschluckt wird. Die Pflanzungen beginnen direkt neben der Straße, einer Lehmpiste. Kein Zentimeter Boden darf verschenkt werden – obwohl laut Gesetzgebung Baumbarrieren Straßen und Siedlungen vor dem Herbizid schützen sollen.

Das Gesetz wurde erlassen, nachdem 2003 der elfjährige Silvino Talavera gestorben war: Am Tag zuvor war er mit dem Rad nach Hause unterwegs, als er mit Glyphosat besprüht worden war. Die für den Gifteinsatz verantwortlichen Sojabauern wurden zu zwei Jahren Haft verurteilt – aber nur auf Bewährung. Ein Kinderleben zählt nicht viel im gegenwärtigen Sojarausch Paraguays.

Schon die Hälfte der einst 500 Kleinbauern in der Gemeinde hat San Juan verlassen. Sie vermieteten oder verkauften ihr Land an die Sojagroßbauern. Wer sich weigerte, wurde mit Gewalt vertrieben, weil die Sojabarone mit gefälschten Besitzurkunden Räumungsbefehle erwirkt hatten. Andere erkrankten durch den massiven Herbizideinsatz in der Monokultur oder gaben ihre landwirtschaftliche Produktion auf, weil ihre eigenen Erzeugnisse gegen billige Importlebensmittel nicht mehr wettbewerbsfähig waren.

Kleinbauern wie Centurion haben in der industriellen gentechnisch hochgerüsteten und kapitalintensiven Agrolandwirtschaft keinen Platz: Gen-Soja, das vor allem als Viehfutter nach Europa exportiert wird, ist auf Anbauflächen unter 150 Hektar nicht rentabel. 900 000 Kleinbauern haben nach Schätzungen der vom kirchlichen Hilfswerk Misereor unterstützten Forschungseinrichtung "Base IS" im vergangenen Jahrzehnt ihr Land verloren. Die meisten leben heute in Elendsvierteln um die Hauptstadt Asunción. Diejenigen, die die Hoffnung auf ein Stück Land noch nicht aufgeben, besetzen es, leben in Zelten wie Centurion: Ein Mahnmal der Ungerechtigkeit in einem Land, das zwar Agroprodukte für mehr als 60 Millionen Menschen exportiert, in dem aber ein kleiner Bauer kein selbstbestimmtes Leben führen kann.

Für Politiker und Volkswirtschaftler ist Paraguay freilich ein Erfolgsmodell. Seit der Umstellung auf Soja wächst die Wirtschaft des Landes um knapp fünf Prozent jährlich. Die Armut ging dank Sozialprogrammen der Regierung zwar zurück, doch ein Viertel der Bevölkerung ist weiterhin arm, und der Gini-Index, der die Ungleichheit misst, verschlechtert sich seit 1990. Paraguay ist laut "Base IS" schon heute eines der Länder mit der höchsten Konzentration von Landbesitz weltweit: 2,6 Prozent der Bauern kontrollieren 85,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Derzeit wird auf 3,2 Millionen Hektar Soja angebaut. Die diesjährige Ernte verspricht einen neuen Rekord.  "Keine Dürre, wenig Schädlinge", sagt zufrieden der Präsident der Kammer der Agroexporteure von Getreide- und Ölprodukten (Capeco), José Berea.

Riesengewinne

für die Soja-Barone

In seinem klimatisierten Büro in Asunción jongliert er mit Zahlen: "Pro Hektar erzielt Soja einen Gewinn von 500 US-Dollar", erzählt er. "Wir exportieren rund neun Millionen Tonnen Bohnen, Öl, Mehl und Pellets." Der Export schwemmte 2016 insgesamt 3,1 Milliarden US-Dollar in die Kassen der Soja-Barone. Und zwar gleichsam steuerfrei: Eine Einkommenssteuer gibt es zwar seit 2012, doch weil Steuerhinterziehung nicht verfolgt wird, erwirtschaften die Agrarexporteure zwar 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, wie der Ökonom Victor Raúl Benítez vorrechnet, aber sie zahlen nur zwei Prozent des Steueraufkommens. "Unser Staat raubt sozusagen das Geld der Armen, um es den Reichen zu geben", kritisiert der Universitätsprofessor.

Der Soja-Boom war eine Idee der multinationalen Chemiekonzerne. 2003 schaltete Syngenta aus der Schweiz eine Anzeige, in der von der "Vereinten Soja-Republik" die Rede war – dem 46 Millionen Hektar großen Soja-Anbaugebiet zwischen Brasilien, Bolivien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Syngenta bewarb damit seine gentechnisch veränderten Samen. Vorreiter aber war Monsanto: Das Unternehmen, das sich zu all den Problemen nicht äußern will, hatte in den 90er Jahren die gentechnisch manipulierte und gegen das Gift Glyphosat resistente Sojabohne Roundup Ready entwickelt.

Sie wurde in Paraguay, Brasilien und Argentinien erst als Schmuggelgut eingeführt und breitete sich nach der offiziellen Zulassung rasant aus. Die ölreiche Hülsenfrucht galt als eine Wunderwaffe – Rohstoff für Agrosprit, aber vor allem Viehfutter für die wachsende und zunehmend nach Fleisch lechzende Weltbevölkerung.

Auf ihrem Vormarsch verschlang Soja alles, was ihm im Weg war: Wälder (mehr als 10 Millionen Hektar wurden gerodet für Soja-Anbauflächen), Wildtiere, indigene Schutzgebiete, Landarbeiter, die durch Maschinen ersetzt wurden, zuletzt die Familienbetriebe der Bauern. Statt vielfältiger Felder und Äcker dehnte sich nun eine industriell bearbeitete Einheitswüste aus, auf die jedes Jahr 20,5 Millionen Liter Pestizide niedergehen.

Heute muss Paraguay den Löwenanteil seiner Lebensmittel importieren. "Ich lebe seit 18 Jahren hier. Früher war das ein kleines Paradies mit Wald, fruchtbaren Böden, klaren Flüssen", erzählt der Direktor der Sekundarschule von San Juan, Roberto Baez. "Heute ist es viel heißer, und man kann wegen der Pestizide nicht mehr im Fluss baden, ohne Ausschlag zu bekommen." Bauern klagen, dass ihre Hühner und Schweine sterben, wenn die Pestizide über sie hinweg wehen. Viren seien die Ursache, halten Regierungsbeamte dagegen. Tierärzte, die die Kadaver untersuchen könnten, gibt es nicht.

Eine der wenigen, die in Paraguay dazu forscht, ist Stela Leite, Kinderärztin am Universitätskrankenhaus von Asunción. Noch ist ihre Studie nicht fertig, in der sie das Blut der Kinder von San Juan auf Tumormarker untersucht hat. Leite hat aber in den Statistiken beunruhigende Zahlen entdeckt: "Paraguay hat mit 19 Fällen pro 1000 Geburten eine sehr hohe Säuglingssterblichkeit, verursacht an erster Stelle durch Infektionen und an zweiter durch Missbildungen – die vor einigen Jahren noch an vierter Stelle standen."

Verkaufsschlager unter den in Paraguay eingesetzten Herbiziden ist Glyphosat, das die Weltgesundheitsorganisation 2015 als "vermutlich krebserregend" eingestuft hat. Ein Jahr später ruderte sie zurück: Es sei unwahrscheinlich, dass Nahrungsmittel, die Reste von Glyphosat enthielten, Krebs erzeugten oder dass das Mittel Veränderungen im Erbgut auslöse.

Doch die Soja-Pioniere in Paraguay treibt längst ein anderes Problem um: die zunehmende Resistenz des Unkrauts gegen das Pestizid, wie Capeco-Präsident Berea einräumt. Zunächst hatten die Bauern die Dosis erhöht, nun kommen noch giftigere Pestizid-Cocktails zum Einsatz.

Die Reportage wurde unterstützt von Misereor.