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11. April 2012

Japan

Leben wie ein Vogel im Käfig: In Tokio ist der Wohnraum knapp

Extrem hohe Mieten und kaum Platz. Wer in Tokio lebt, muss sich oft mit weniger als zehn Quadratmetern begnügen. Nur wer reich ist hat's besser.

  1. Mit neun Millionen dicht gedrängten Einwohnern eine Welt für sich : Tokio Foto: Portner (fotolia.com)

Der Reiskocher auf dem Tatami-Fußboden neben Fernseher, Audioanlage und Futon, dazu Wäsche, die zum Trocknen an der Lampe und in fast jedem Fenster hängt, darunter stapelweise Kartons, Magazine und Bücher – wohnen in Tokio hat in der Regel nichts mit Gemütlichkeit, Design oder Stil zu tun. Außerhalb der Glitzermeilen Ginza, Omotesando oder Shinjuku ist Tokio eigentlich eine pure Katastrophe.

Die meisten Japaner müssen sich extrem einschränken, weil sie viel zu wenig Platz haben, der wiederum viel zu teuer ist. Wer nicht 5000 Euro Monatsmiete zahlen kann, fühlt sich wie ein "Kaninchen im Stall", sagt Kyoichi Tsuzuki. Der Fotoreporter dokumentiert seit mehr als 20 Jahren das "Milieu des alltäglichen Chaos". Viele leben so oder so ähnlich auf acht Tatami-Matten, das Maß des Wohnens, nicht ganz 15 Quadratmeter. Die Scheiben der beiden Fenster sind aus Milchglas, weil der Nachbar früher gebaut hat – und wer später kommt, muss dessen "Privatsphäre respektieren". Das heißt, er darf keine Aussicht haben. Man hätte ohnehin kaum herausschauen können, weil alles stets durch trocknende Bettwäsche verhängt ist. Socken und Unterwäsche baumeln an einem sternförmigen Gestell unter der Deckenlampe.

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Bilder an den Wänden gibt es nicht, denn das Anbringen von Nägeln oder gar Haken ist in den meisten Mietverträgen ausdrücklich untersagt. Die Wände sind statt dessen vollgestellt mit Koffern und Kisten, als bereite sich der Bewohner ständig auf den Auszug vor. Die meisten Japaner stören sich nicht an dieser scheinbaren Unordnung. Weil sie keinen Platz haben für einen Schrank, müssen selbst teure Kleider und Anzüge im Karton aufbewahrt werden. In die Küche passt meist nur ein Kühlschrank und ein Herd – sowie eine Person, die daran kocht. Geschirrspüler oder Gefrierschränke sind selten und teuer, ja selbst Waschmaschinen gehören nicht zum japanischen Wohnstandard und wenn, sind sie – der Platznot gehorchend – häufig auf dem Balkon aufgestellt. Badezimmer gleichen oft den Plastikkabinen eines Flugzeuges.

All das sind keine Wohnungen für Sozialhilfeempfänger. Es ist der Alltag für Frauen und Männer, deren Monatseinkommen mindestens 2500 Euro betragen muss. Ansonsten könnten sie sich eine Wohnung im S-Bahn-Bereich einer Großstadt ohnehin nicht leisten. All die jungen, aufstrebenden Bankmitarbeiter, Angestellten von Weltfirmen, Absolventen renommierter Universitäten schämen sich nicht dafür, finden es vielleicht sogar normal – aber sie würden es fremden Augen kaum zeigen.

Deutsche Geschäftsleute wundern sich auf Dienstreisen immer wieder, dass ihr einheimischer Partner, den sie bei der Visite zu Hause im eigenen Heim mit offenen Armen empfangen haben, beim Gegenbesuch in Tokio, Osaka oder Nagoya bestenfalls mit ihnen im Hotel frühstückt. Sie wissen oft nicht, dass Japaner ihr Zuhause verstecken, höchst selten privat einladen, auch nicht einheimische Freunde oder Geschäftspartner.

Waichiro Sugiyama erzählt amüsiert, wie er seinen Nissan jeden Abend haarscharf neben dem Geranientopf am Wohnzimmer parkt. Seinen Nachbarn von Gegenüber kann der Verlagsmanager vom Fenster aus per Handschlag begrüßen. Besserverdienende, die in Japan dank Bonuszulagen durchaus auf 20 Monatsgehälter und ein Jahreseinkommen von 200 000 Euro kommen, können sich immerhin ein zweistöckiges Reihenhaus leisten. Aber mit der traditionellen Raumkultur des japanischen Adels, wie sie in Kunstbänden gern verallgemeinert wird, hat all dies nichts gemeinsam.

Für mehr als 10 000 Euro im Monat lässt es sich gut wohnen

Die Realität ist weit weniger nobel. Viele Familien verstauen morgens die Schlafdecken in kleine Schränke, um ein bisschen Platz zu machen für den Frühstückstisch, an dem die Kinder dann nachmittags ihre Schularbeiten erledigen. Die ursprünglich von EU-Beamten geprägte Bezeichnung "Kaninchenställe" mögen die Japaner trotz ihrer misslichen Umstände nicht. Sie vergleichen ihre Wohnlage lieber mit "Vogelkäfigen", was eben so wahr ist und auch nicht besser klingt.

Eine vierköpfige Familie muss in Tokio statistisch mit 30 Quadratmetern auskommen, die Miete dafür liegt im Durchschnitt bei 1000 Euro im Monat. Mehr Platz bieten auch firmeneigene Wohnungen    meist nicht. Wer zwei Kinder im schulpflichtigen Alter hat, kann eigentlich 60 Quadratmeter beanspruchen – in der Praxis jedoch nur, wenn er das Losglück für eine städtische Wohnung hatte, auf dem freien Wohnungsmarkt sieht es nicht besser aus. Das von der Regierung anvisierte Ziel, wonach jedem Japaner 12,3 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung stehen sollen, bleibt in den Großstädten eine Illusion.

Viele ledige Angestellte ziehen aus Kostengründen in preiswerte "Sechser-Packs", wie die Wohnsilos am Rand von S-Bahnhöfen im Volksmund genannt werden, weil sie in der Regel ein halbes Dutzend Eingänge haben. Diese barackenähnlichen Gebäude haben standardisiert zwei Etagen mit winzigen Ein-Raum-Wohnungen, Kochnische und Mini-Klo.

Wer eine solche Behausung ergattern kann, muss auch noch dankbar sein für das große Glück, ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben. Der Makler kassiert eine Monatsmiete Provision, der Besitzer bis zu vier Monatsmieten Kaution und oft zwei bis drei Monatsmieten "Reikin". Dieser seit Jahrhunderten bekannte Brauch ist ein "Verbeugungsgeld" dafür, dass man das Eigentum eines anderen nutzen darf.

Abgesehen von einigen superreichen Japanern oder den ausländischen Botschafts- und Firmenentsandten, die sich noble Residenzen leisten, kann jeder in Tokio oder Osaka ein Klagelied über die Verhältnisse in diesen hoffnungslos überfüllten und chaotischen Mega-Ansiedlungen singen. Der wirtschaftliche Aufstieg nach dem 2. Weltkrieg hat immer mehr Menschen und Firmen in die Metropolen gelockt. Im Umkreis von 30 Kilometern um Tokio leben heute bis zu 45 Millionen Menschen.

Fast alles, was wichtig ist, hat in der Hauptstadt eine Adresse. Die Regierung ohnehin, dazu zwei Drittel aller japanischen Unternehmen, Universitäten, Schulen, Museen, Kunstgalerien. Als in den 1980er Jahren die Immobilienpreise explodierten, mussten zahllose Tokioter in Satellitenstädte ziehen und Anfahrtswege von zwei Stunden zur Arbeit hinnehmen.

Weiter drin wird die Haus- oder Wohnungssuche bisweilen zum Albtraum. Knapp 6000 Euro Miete kostet heute eine 130 Quadratmeter-Wohnung "mit Blick" im Tokioter U-Bahn-Bereich. In einem knapp 200 Quadratmeter großen neuen Appartement "mit Panoramablick" für monatlich 9500 Euro Miete gehen die einfach verglasten Fenster des Wohnzimmers direkt auf den quirligen S-Bahnhof Meguro , wo von vier Uhr früh bis ein Uhr nachts alle zwei Minuten ein Zug ein- oder ausfährt. Als Zumutung erweist sich auch eine neu gebaute Einraum-Bleibe für "Busy Single", wie der Werbetext suggeriert. Das heißt: Am Tag ist der Verkehrslärm höllisch, zu sehen ist aus dem Fenster nur die Autokolonne auf der Hochstraße. Aber die Zielperson im Kalkül ist ohnehin ein Banker oder Manager, der nicht vor 21 Uhr nach Hause kommt. Die "beschäftigte Einzelperson" soll umgerechnet 6500 Euro für 80 Quadratmeter "Komfortwohnen" berappen.

Natürlich kann man in Tokio auch richtig gut wohnen. Für mehr als 10 000 Euro Monatsmiete und mit etwas Glück lässt sich in Tokio etwas Feines und Edles finden. Der "Atago Forest Tower" zum Beispiel bietet in der 42. Etage einen verglasten Swimmingpool. Und wer nebenan im Fitnesscenter auf dem Crosstrainer oder dem Laufband schwitzt, tut dies mit einem atemberaubenden Blick.

In den vergangenen Jahren sind in Tokio viele solcher "vertikalen Städte" entstanden, die heute die Skyline der Stadt bestimmen. Sie bieten so ziemlich alles, was sich ein anspruchsvoller Mensch wünscht. Die Bewohner von Nobeltürmen wie dem "Tokyo Midtown" mit seinem 54 Etagen hohen Haupthaus, oder dem "Roppongi Hills" mit seinen Dachgärten werden vom Volk als "Hills Tribe" verhöhnt, als "Bergstamm". Wer sich diesen Luxus nicht leisten kann, muss sich zuweilen gefallen lassen, wenn die Maklerin mit geringschätzigem Lächeln fragt: "Sie sind wohl nur mit den Augen reich?"

Autor: Angela Köhler