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12. August 2013 00:00 Uhr

Islam

Woher kommt der Hass zwischen Sunniten und Schiiten?

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist alt – in den vergangenen Jahrzehnten hat er wieder an Schärfe gewonnen. Annemarie Rösch erklärt die Hintergründe

  1. Eine Irakerin in Kerbala, wo am Wochenende Bomben explodierten Foto: dpa

Was sind die Wurzeln des Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten?
Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist in der Frühzeit des Islam entstanden. Als der Prophet Mohammed 632 starb, hatte er seine Nachfolge nicht geregelt. Es gab unter seinen Anhängern die Meinung, dass der beste unter den Gläubigen die Nachfolge antreten sollte. Andere forderten einen Nachfolge aus der Prophetenfamilie. Da Mohammed keinen Sohn hatte, wollten sie seinen Schwiegersohn Ali sowie dessen Nachfahren zu den Anführern der Gläubigen machen.

Im Streit konnten sich die durchsetzen, die für den besten aller Gläubigen votierten. Zu Mohammeds Nachfolger wurde der Prophetengefährte Abu Bakr gewählt, auf ihn folgten Omar und Othman. Nach der Ermordung Othmans wurde Schwiegersohn Ali erst an vierter Stelle Führer der Gläubigen. Manche Muslime lehnten das ab. Sie vermuteten Ali hinter dem Mord. 657 kam es zu zu einer Schlacht zwischen Ali und seinen Gegnern. Diese steckten Koranblätter auf ihre Speere, um Ali dazu zu bewegen, einem Schiedsgericht zuzustimmen. Mit Erfolg. Ali gab auf. 661 wurde Ali ermordet. Er ist in Nadschaf im Irak begraben. Aus den Anhängern Alis gingen die Schiiten hervor. Schiat Ali heißt Partei Alis. Aus den Anhängern der Prophetengefährten entstanden die Sunniten.

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Was unterscheidet Sunniten und Schiiten in ihrem Glauben?
Die Glaubensinhalte von Sunniten und Schiiten unterscheiden sich zum Teil erheblich. Die Schiiten sehen sich oft als Verlierer der Geschichte. Nicht nur Ali, sondern sämtliche seiner Nachfahren wurden getötet, so auch sein Sohn Hussein, der Anspruch auf die Führerschaft der Muslime erhoben hatte. Er starb 680 in der Schlacht von Kerbala (Irak) und wurde dort begraben. Die Schiiten entwickelten einen Märtyrerkult. Am Gedenktag Aschura versammeln sich Schiiten in Kerbala und geißeln sich in Erinnerung an den gewaltsamen Tod Husseins. Insbesondere die Zwölferschiiten verehren Hussein. Diese glauben, dass es zusammen mit Ali zwölf Nachfolger aus dem Geschlecht des Propheten gegeben hat, sogenannte Imame. Der zwölfte Imam Muhammad al-Mahdi ist nach ihrem Glauben auf mysteriöse Weise verschwunden und lebt in der Verborgenheit. Er wird ähnlich dem christlichen Messias auf die Erde zurückkehren und die Welt retten. Die Schiiten im Iran und im Irak sind Zwölferschiiten. Die Iraner sind größtenteils ethnische Perser, die Iraker Araber.

Die Glaubensinhalte der Schiiten sind sunnitischen Muslimen suspekt. Die Verehrung der Imame und deren Gräber, die zum Teil im Irak, aber auch in Saudi-Arabien liegen, gilt ihnen als Vielgötterei. Der sunnitische Islam ist viel puristischer und betont, dass es nur einen Gott gibt und Mohammed sein Prophet ist. Eine besonders strenge Form des sunnitischen Islam wird in Saudi-Arabien praktiziert. Dort werden Schiiten daran gehindert, die Gräber ihrer Heiligen zu besuchen.

Was verbindet die iranischen
Schiiten mit Baschar al-Assad?

Der syrische Diktator zählt zur alawitischen Minderheit in Syrien. Auch die Alawiten sind Schiiten, also Anhänger Alis (daher der Name). Sie haben jedoch eigene Lehren entwickelt, die sich vom Zwölferschiismus unterscheiden. So unterwerfen sie sich nicht der Scharia, dem islamischen Recht. Aus Sicht der Zwölferschiiten übertreiben es die Alawiten auch mit der Verehrung Alis. Über deren Glauben ist wenig bekannt. Bei einem Initiationsritus müssen Alawiten schwören, die Lehre geheim zu halten. Man kann nicht zum Alawitentum konvertieren. Erst 1973 erkannte der Zwölferschiit Imam Musa al-Sadr im Libanon die Alawiten als Muslime an. Dies war ein Schritt, um seinen Einfluss auf Syriens Herrscher auszudehnen.



Welche Bedeutung hat das
Schiitentum heute?

Mit der Gründung der Islamischen Republik Iran 1979 hat das Schiitentum an Bedeutung gewonnen. Ajatollah Khomeini hatte aus dem Zwölferschiitentum eine politische Ideologie entwickelt, die zur Grundlage des neue Staates wurde. Seiner Lehre zufolge herrschen die Rechtsgelehrten bis zu dem Tag, an dem der verborgene zwölfte Imam auf die Welt wiederkehrt und diese rettet. Der Erfolg der islamischen Revolution wurde zunächst auch in Kreisen von Islamisten mit sunnitischem Hintergrund bewundert, immerhin war es Khomeini gelungen, den vom Westen unterstützten Schah zu vertreiben. Die iranische Revolution nährte bei ihnen die Hoffnung, dass auch in der sunnitischen Welt Umstürze möglich sind.

Die Furcht, dass die Revolution auch auf den Irak, wo viele Schiiten leben, übergreifen könnte, dürfte einer der Gründe gewesen sein, warum der damalige irakische Diktator Saddam Hussein 1980 den Iran überfiel. Sein Hauptinteresse war allerdings, die erdölreiche iranische Provinz Khuzistan zu erobern. Dies gelang nicht. 1988 wurde der Iran-Irak-Krieg beendet. Hunderttausende Menschen waren umgekommen.

Die Erfahrung des Überfalls spielt sicherlich auch eine Rolle, warum der Iran sein Waffenarsenal ausbaut und womöglich am Bau einer Atombombe arbeitet. Darüber hinaus versucht die iranische Führung, ihren Einfluss in der Region auszuweiten. So unterstützt sie die Schiiten im Libanon (die Hisbollah) und den Alawiten Baschar al-Assad. Von ihrem Selbstverständnis her sehen sich die Iraner als Nachfahren des Persischen Großreichs – und daher als eine Führungsnation.

Welche Rolle spielt der Irak-Krieg von 2003 für Sunniten und Schiiten?
Noch im Iran-Irak-Krieg versuchten die westlichen Staaten nicht ernsthaft, Saddam Hussein von seinem Tun abzuhalten. Einer der Gründe war, dass der Iran der westlichen Welt den Kampf angesagt hatte. Der Wind drehte sich gegen Saddam Hussein, als seine Truppen 1990 in das erdölreiche Kuwait eindrangen. Den USA gelang es, ihn zu vertreiben. 2003 marschierten US-Truppen in den Irak ein, weil sie dort angeblich Chemiewaffen vermuteten. Saddam Hussein wurde gefangen genommen und hingerichtet. Indem die USA den größten Feind des Irans beseitigten, trugen sie dazu bei, dieses Land zu stärken. Die Schiiten im Irak, die unter dem Diktator unterdrückt wurden, sind heute mit an der Macht. Sie pflegen enge Kontakte zur iranischen Führung. Die Sunniten, die über Jahrzehnte das Land dominiert hatten, sehen sich als Verlierer. Das ist einer der Gründe, warum die Gewalt im Irak nicht abreißt. Immer wieder gibt es, wie nun am Wochenende, Anschläge gegen Schiiten. Hinzu kommt, dass sich im nach dem Krieg instabilen Irak sunnitische Islamisten vom Terrornetzwerk al-Qaida verbreiteten. Ihnen ist der schiitische Glaube ein Gräuel. Das erklärt, warum es gerade bei Feiern zum Gedenken an Imam Hussein zu Attentaten kommt.

Warum beziehen die Golfstaaten
gegen Assad Stellung?

Neben dem Iran heizen die erdölreichen Golfstaaten die Konflikte an. Ihnen ist es ein Dorn im Auge, dass der Iran seine Macht ausbaut – und sich gerne als Mentor schiitischer Minderheiten in den Golfstaaten sieht. Deshalb finanzieren Saudi-Arabien und Katar sunnitische Rebellen in Syrien. Es stört sie offenbar nicht, dass diese zum Teil dem sunnitischen Terrornetzwerk al-Qaida nahestehen. Der Iran wiederum steht fest an der Seite Assads. Der Konflikt hat an Schärfe gewonnen, seit die schiitische Hisbollah im Libanon an der Seite Assads kämpft. Der Krieg ist also heute nicht nur einer zwischen einem Diktator und Aufständischen, sondern auch zwischen Schiiten und Sunniten.

Wo sonst gibt es Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten?
Der Konflikt zwischen den Konfessionen ist in Pakistan besonders erbittert. Nachdem al-Qaida und die Taliban 2001 aus Afghanistan vertrieben wurden, zogen diese sich nach Pakistan zurück. Seither hat sich der Konflikt verschärft. Die sunnitischen Extremisten betrachten die Schiiten als Ungläubige. Sie schrecken nicht davor zurück, diese in ihren Moscheen anzugreifen. Dem Konflikt dürften in den vergangenen Jahren mehrere hundert Menschen – vor allem Schiiten – zum Opfer gefallen sein. Auch an diesem Konflikt sind Saudi-Arabien und der Iran nicht unbeteiligt: Sie unterstützen zum Teil extremistische Gruppierungen aus ihrem eigenen Lager. Auch in Afghanistan gab es Übergriffe auf Schiiten. Im Jemen kämpfen Schiiten für einen eigenen Staat.

Autor: Annemarie Rösch