Manga aus dem Sperrgebiet

Felix Lill

Von Felix Lill

Sa, 07. März 2015

Ausland

Noch vier Jahre nach Fukushima werden in Japan die Gefahren von Radioaktivität verdrängt, doch Japans Comiczeichner mausern sich zu wichtigen Aufklärern.

Am 11. März 2011 war Kazuto Tatsuta nicht gut bei Kasse. Seine Versuche als Mangaka, wie die Zeichner japanischer Comics genannt werden, waren kaum geglückt. Nur hier und da ein paar Geschichten über Stripclubs und Baseball. Nicht gerade die Genres, mit denen man sich Anerkennung verdient. "Das Zeichnen hatte ich schon aufgegeben", sagt er heute. Einen Bürojob hatte Tatsuta dann ausprobiert, lange hielt er aber auch das nicht durch. In der Szene passte Kazuto Tatsuta ins Bild des Gescheiterten: Mitte 40, keine Familie, keine festen Aufträge, nur reichlich glücklose Anläufe.

Bis an jenem Tag zuerst die Erde bebte und kurz darauf 20 Meter hohe Wellen über die Ostküste Japans hereinbrachen. Und an den Tagen nach der Katastrophe vom 11. März, die 20 000 Menschen in den Tod gerissen und Hunderttausenden ihre Häuser genommen hatten, kam es noch schlimmer. An der Küste der Präfektur Fukushima schmolzen in einem Atomkraftwerk drei Reaktorkerne. 300 000 Menschen mussten evakuiert werden, der Schreck über die größte Naturkatastrophe der jüngeren Geschichte wich einer fürchterlichen Panik. 66 Jahre nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki erlebte Japan eine neue Nuklearkatastrophe. Bis heute hält sie an.

"Mir war schnell klar, dass ich dahin musste", erzählt Kazuto Tatsuta fast genüsslich, lehnt sich tiefer in seinen Schreibtischstuhl und schlägt die Beine übereinander, als berichtete er von einer Erfolgsstory. So ist es ja auch, für ihn. Die Miete für sein kleines Büro am südlichen Speckgürtel von Tokio hätte er vorher nie bezahlen können.

Doch jetzt hat er reichlich Arbeit. Seit fast einem Jahr ist Kazuto Tatsuta, ein sportlicher, unscheinbarer Typ mit Lesebrille, einer der gefragtesten Mangaka in ganz Japan. In der gefeierten Bildergeschichtenserie "Ichi-efu" versorgt er das Land mit seinen Erfahrungen als Arbeiter auf dem Gelände des mysteriösen Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, zu dem der umstrittene Betreiber Tepco seit vier Jahren den Zugang beschränkt. Informationen darüber hält er gemeinsam mit der Regierung systematisch zurück. Jene Atomruine, aus der täglich Radioaktivität in Grundwasser und Ozean sickert sowie in die Luft steigt, kennt Kazuto Tatsuta von innen.

Seit Sommer 2014 zeichnet der nun 48-Jährige seine Erlebnisse aus dem Strahlengebiet auf. Immer dann, wenn er das Gelände nach einigen Monaten fast permanenter Anwesenheit wieder für einige Zeit verlassen muss, weil sein Körper die maximal erlaubte Strahlendosis abbekommen hat. Die Japaner lecken sich nach den Geschichten die Finger. Denn sie liefern ein Bild aus dem Epizentrum der nationalen Angst, das von Politik, Zeitungen und Fernsehen allzu oft kleingeredet und selbst in vielen Kunstgenres kaum behandelt wird. Ausgerechnet ein Mangaka ist zum geheimen Informanten aus erster Hand geworden.

"Ichi-efu", die japanische Abkürzung für das Kraftwerk Fukushima Daiichi, erzählt minutiös aus der Ich-Perspektive das Arbeitsleben von Kazuto Tatsuta nach. Im ersten Teil der Geschichte wartet er wochenlang in der Nähe von Fukushima-Stadt auf seinen Einsatz. 60 Kilometer westlich des Kraftwerks, in einem Sechsquadratmeterzimmer mit drei Hochbetten, für das er nächtlich 1000 Yen aus eigener Tasche bezahlen muss. Mit ihm schlafen eine Handvoll anderer Hoffnungsloser, die wohl bereit sind, für Geld alles zu tun. Auf dem Reaktorgelände, so haben sie in einer Zeitungsannonce gelesen, gibt es zwischen 2000 und 3000 Yen pro Stunde (rund 15 bis 22 Euro).

59 Euro am Tag für eine

Schicht im Strahlengebiet

In den Wochen nach den Kernschmelzen vom März 2011 ist auch Kazuto Tatsuta nur wegen des Geldes da. Mit dem Kraftwerksbetreiber Tepco kommt er nicht in Kontakt, denn für die Drecksarbeit sind Subunternehmen zuständig, die Gerüchten zufolge mit der Yakuza zusammenarbeiten, der japanischen Mafia. Zwei Wochen wartet Tatsuta, bis an einem späten Nachmittag ein Mitarbeiter laut an die Tür des Hochbettkabuffs klopft. Tatsuta solle mal mitkommen. Eine knappe Einweisung in militärischem Ton folgt, am selben Abend soll er mit dem Auto ins ärgste Strahlengebiet Japans fahren. Sein erster Job geht los. Für eine ganze Schicht gibt es nur 8000 Yen (rund 59 Euro), deutlich weniger als die Annonce versprochen hatte.

"Von den Reinigungsarbeitern, die aus den Reaktoren kamen, sollte ich mit dem Geigerzähler Strahlungswerte abnehmen. Ich wartete bei der Umkleidekabine auf sie." Tatsuta hat die Morgenschicht von sechs bis eins. Weniger als ein Prozent der Messungen, sagt er, überschreiten den Grenzwert. Wie alle muss auch Tatsuta die mehrschichtigen Schutzanzüge tragen. Von seinem abgefederten Schreibtischstuhl steht er auf und macht es noch einmal nach: erst das rechte Bein in den Stiefel mit angeschweißtem Hosenbein, dann das linke, Reißverschluss zu, Handschuhe drüber, Helm auf, Maske festziehen. Vier Monate lang macht Tatsuta diesen Job, dann muss er das Gelände zunächst aus Gesundheitsgründen verlassen. Bei seiner Rückkehr ein paar Monate später geht es zum ersten Mal in den Kern des Kraftwerks. In Reaktor 3 soll Tatsuta leckende Rohre reparieren, unter großer Hitze, in schweren Anzügen, aber für 20 000 Yen (rund 149 Euro) am Tag. "Man hielt es nur 60 Minuten da drinnen aus, und dann mussten wir sowieso raus." Es folgt der Check mit dem Geigerzähler, Abfahrt mit dem Bus aufs Mehrbettzimmer, das der Subunternehmer an die Arbeiter vermietet. Zwei Monate macht Tatsuta auch diesen Job, bis er 20 Millisievert Strahlung erreicht hat, die maximal erlaubte Radioaktivität pro Jahr.

"Angst hatte ich nur am Anfang", sagt er heute in seinem kleinen Büro und scheint zufrieden damit. "Je länger du da drinnen bist, mit all den Kollegen, desto abgeklärter wirst du." Genauer wolle er es gar nicht wissen, sagt er beiläufig, etwas leiser.

Bei seiner Rückkehr nach Hause, in der Nähe von Tokio, dachte der gescheiterte Zeichner wieder über seine Möglichkeiten als Mangaka nach. So viele unerzählte Geschichten hatte er gesammelt: Die Arbeitsteilung auf dem Gelände, die vielen Subunternehmer, das Unwohlsein vieler Arbeiter, und überhaupt das Gefühl, wenn man in einer Strahlenruine für Ordnung sorgen soll. "Die Leute wussten so wenig über den Alltag in der Atomruine. Das müsste doch interessant sein", dachte er sich. Kurz darauf, Ende 2013, setzte Japans Premierminister Shinzo Abe ein neues Staatsgeheimnisgesetz in Kraft, das die Regierung seither berechtigt, diverse Informationen zu klassifizieren. Sowohl Whistleblower als auch Journalisten, die sie dennoch veröffentlichen, können nun zu hohen Gefängnisstrafen verdonnert werden. Über Monate gingen Bürger auf die Straße, um gegen diesen Eingriff in die Pressefreiheit zu demonstrieren. Ähnlich wie sie gegen die Atomenergie demonstrieren, die die Mehrheit ablehnt. Die Regierung blieb unbeirrt.

Der Chefposten des öffentlichen Rundfunks NHK wurde mit einem Vertrauten Abes besetzt, die meisten Tageszeitungen und TV-Sender durch das Gesetz eingeschüchtert. Schon vom März 2011 an, als die Kernschmelzen passierten, war eine gründliche Berichterstattung durch Tepco und die Regierung behindert worden, die nicht nur verharmlosten, sondern teilweise auch Unwahrheiten verbreiteten. In der internationalen Rangliste der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" ist Japan seit Abes Amtsantritt Ende 2012 um 37 Plätze abgerutscht.

Kazuto Tatsuta fasste sich ein Herz, er wollte es noch einmal versuchen. Als erstes rief er bei Kodansha an, einem der führenden Verlage Japans. Kenichiro Shinohara, ein Redakteur des führenden Magazins "Morning", interessierte sich. "Können Sie uns das aufzeichnen und wir sehen mal drauf?" Kurz, nachdem Tatsuta das Manuskript eingereicht hatte, begann Kodansha, vom Material völlig überwältigt, schon die Veröffentlichung zu planen, und zwar als Serie.

Kazuto Tatsuta wurde zum Star der Szene, bekam zuvor ungeahnte Honorare ausgezahlt, und muss seitdem jeden Tag aus seinen jüngsten Erinnerungen zeichnen. "Bei unseren Lesern ist ,Ichi-efu’ eine der beliebtesten Serien überhaupt", sagt Kenichiro Shinohara am Telefon. "Es freut mich, dass wir zeigen können, dass Manga zu vielem in der Lage ist, was andere Medien nicht können."

Durch die Größe des Marktes hat die Branche eine weltweit unvergleichbare Reichweite. Allein das Magazin "Morning", in dem Kazuto Tatsutas "Ichi-efu"-Serie erscheint, setzt wöchentlich 500 000 Exemplare ab. Rund 400 Milliarden Yen (rund 2,97 Milliarden Euro) werden pro Jahr mit Mangamagazinen und -taschenbüchern umgesetzt. Rechnet man all die animierten Filme und Serien sowie Videospiele hinzu, die aus den Manga entstehen, belaufen sich die jährlichen Einnahmen sogar auf drei Billionen Yen (rund 22,3 Milliarden Euro). Gleichzeitig kommen zwar auch viele der weltweit auflagenstärksten Tageszeitungen aus Japan. Aber wo Zeitungen oft zu sachlich und bisweilen vorsichtig berichten, können sich die Mangaka auf einer ganz anderen Ebene ausdrücken.

"Diese Lücke ist wie für Manga gemacht", sagt Jacqueline Berndt. Die gebürtige Jenaerin ist Professorin für Comictheorie an der Manga-Fakultät der Seika Universität in Kyoto. Eines ihrer Büros hat sie im obersten Stockwerk des Mangamuseums in Kyotos Stadtzentrum, 350 Kilometer westlich von Kazuto Tatsutas kleinem Büro am Rande Tokios und gut 500 Kilometer südwestlich vom glühenden Kraftwerk in Fukushima. Mit 300 000 Ausstellungsexemplaren auf den Gängen hat Berndt hier Zugriff auf die geballte Geschichte des Genres.

"Es gibt eine lange Tradition, über Themen zu zeichnen, die anderswo tabu sind." In den 1970er Jahren gelangte etwa "Hadashi no Gen" (deutsche Version: Barfuß durch Hiroshima) zu Berühmtheit, eine Geschichte über den ängstlichen Umgang mit den Überlebenden der Atombombe von Hiroshima Ende des Zweiten Weltkriegs, die es auch in den Bildungskanon schaffte. Jacqueline Berndt sieht einen Grund für den Erfolg der Mangas gerade in der Geringschätzung für die Branche. "Die Zeichner sahen sich nie als herkömmliche Künstler und haben mit dem staatsgetragenen Kunstbetrieb auch wenig zu tun."

Und wenn Mangazeichner heute so heiße Eisen anfassen wie die Strahlung in Fukushima und deren Folgen, würden sie dabei auch meist nicht so explizit, als dass sie die Zensur fürchten müssten. Mangastücke bieten in der Regel kein analytisches Handwerkszeug, eher detaillierte Anekdoten. Außerdem hat Manga nicht so sehr wie der klassische Journalismus den Anspruch, die Realität abzubilden. "Die Emotionen sind oft überzogen, und allein durch das Medium Zeichnung wird abstrahiert", so Berndt.

Zeichner will wieder

zurück nach Fukushima

Kazuto Tatsutas Bilder des geschmolzenen Atomreaktors in "Ichi-efu" sehen natürlich nicht so echt aus wie fotografische Aufnahmen. Andererseits ist auch ohne die Sprechblasen klar zu erkennen, worum es geht, und durch die Zeichnungen wird klar, dass Kazuto Tatsuta seine ganz eigene Version schildert. Der Zeichner will niemanden von den Gefahren der Atomkraft oder dem Gegenteil überzeugen. "Ich will nur, dass die Leute wissen, wie der Alltag im Kraftwerk heute ist. Egal welcher Meinung man ist, die Vorgänge da drinnen sind wichtig für die Zukunft unseres Landes." Durch das kleine Fenster des Büros scheint die Sonne nicht mehr, über Tokio ist es dunkel geworden. Seine Schreibtischlampen leuchten den Raum jetzt alleine aus. Einen dünnen Stift schwenkt Tatsuta in beachtlichem Tempo über das weiße Papier vor ihm. Binnen einiger Minuten hat er sich selbst im Schutzanzug gezeichnet, seiner Gelegenheitsarbeitskleidung.

Laut der Strahlenregulierung darf er in einem Monat wieder aufs Kraftwerksgelände. Es gebe so viele Bereiche, in denen er noch nicht gearbeitet habe. "Zum Beispiel im Abtransport von schädlichem Material, beim Bau neuer Schutzwände oder im Umgang mit dem verstrahlten Wasser." Kenichiro Shinohara vom Verlag Kodansha hat mit Tatsuta schon eine Handvoll neuer Geschichten besprochen, mehrere Bücher sind in Planung. Auch über eine deutsche Übersetzung wird nachgedacht.

Nur persönlich kann Kazuto Tatsuta seinen jungen Ruhm nicht so recht genießen. Die Arbeiter von Fukushimas Strahlenruine haben einen Maulkorb, wer zu viel redet, kann rausfliegen. Welche bürgerliche Identität sich hinter Kazuto Tatsuta verbirgt, wissen deshalb nicht einmal seine besten Freunde. Er wolle einerseits niemanden in Gefahr bringen, sagt er, angespannt sitzend, schon wieder ins Zeichnen vertieft. Andererseits darf er seinen Job in Fukushima auf keinen Fall verlieren. Jetzt, da die Japaner endlich darauf warten, was er ihnen als Nächstes zeichnet.