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17. September 2011

Mose hilf!

Immer öfter wird Venedig überflutet. Ein Damm, benannt nach dem biblischen Propheten, soll die Lagunenstadt retten.

  1. Erklärt Mose: Elena Zambardi Foto: afp/Burkhardt

  2. Die Adria holt sich Venedig: der überflutete Markusplatz Foto: AFP ImageForum

  3. Archäololge Omar Salmasi

  4. Der Urlaub fällt ins Wasser: Ein Venedig-Tourist flüchtet vor der Flut. Foto: afp/Marcel Burkhardt (2)

  5. Basis am Meeresgrund: eines der Betonfundamente für die mobilen Dämme

Für das süße Leben auf der Piazza San Marco hat Elena Zambardi keinen Blick übrig. Nicht jetzt. Weder für die Besucher der Kaffeehausterrassen, die im prallen Sonnenlicht ihren Cappuccino genießen, noch für die Kinder, die hinter auffliegenden Tauben herjagen, und auch nicht für die Touristen in Shorts und Bermudas, die sich gegenseitig fotografieren vor dem Dogenpalast, dem Campanile oder dem geflügelten Löwen auf der Säule am Canal Grande. Dabei hat Zambardi durchaus etwas übrig für den lebendigen Zauber auf Venedigs berühmtestem Platz, und sie hofft, dass er noch sehr lange wirken wird. Die kleine, zierliche Frau arbeitet als Sprecherin für das "Consorzio Venezia Nuova", das mächtigste Unternehmen der ganzen Gegend, das im Auftrag des Staats versucht, die 550 Quadratkilometer große Lagune mit ihren mehr als 50 Inseln dauerhaft zu schützen vor den Hochwasserfluten, die vor allem im Herbst und Winter die Bewohner Venedigs immer heftiger bedrohen.

Elena Zambardi sitzt im Bauch ihres Dienstbootes, das in den Wellen schaukelnd langsam am Markusplatz vorbeifährt. Ihr Ziel ist eine staubige Kraterlandschaft wenige Kilometer entfernt, in der Hunderte Arbeiter an der Zukunft Venedigs werkeln. Aber noch geht es im dichten Verkehr von Touristengondeln, Handelsschiffen und Wasserbussen nur gemächlich voran.

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Zambardi holt ein Faltblatt aus ihrer Tasche, auf dessen Titelbild zwei Touristen zu sehen sind, die auf dem Markusplatz oberschenkeltief durch grüne Wassermassen waten. Die Frau auf dem Foto hält die Hände wie zum Gebet und verzieht ängstlich das Gesicht, der Mann versucht ein verkniffenes Lächeln. Für solche Bilder braucht es in Venedig nicht viel. Denn steigt das Wasser um 80 Zentimeter über Normalnull, laufen die flachsten Stellen der Stadt schon voll.

Elena Zambardi blickt über den Rand ihrer Sonnenbrille, schlägt eine Seite um und tippt mit dem Zeigefinger auf einen großen roten Balken. "Das haben wir immer vor Augen", sagt sie und ihre Stimme klingt ernst. Es ist ein in Zahlen und Diagramme gefasstes Alarmzeichen. Die Hochwasserstatistik zeigt, dass immer häufiger deutlich mehr Wasser in die Lagune schwappt, als sie aufnehmen kann.

Die Lagune ist wie ein Waschtrog, in den von der einen Seite ohnehin schon reichlich Wasser hereinströmt, das Flüsse aus den Bergen bringen. Auf der anderen Seite gibt es drei Zugänge zum Meer – Lido, Malamocco und Chioggia. Durch sie dringen die Adriafluten in die Lagune – täglich werden circa 400 Millionen Kubikmeter Wasser zwischen Lagune und Meer ausgetauscht. Das ist normal.

Eine Sorgenfalte zeigt sich auf Zambardis Stirn allerdings, wenn sie auf diese Zahlen blickt: Allein in den vergangenen zehn Jahren ist die kritische Hochwassermarke von 1,10 Meter über Normalnull mehr als 60 Mal überschritten worden. Zum Vergleich: Zwischen 1900 und 1910 geschah das nur zwei Mal. Seit 1900 ist der Meeresspiegel in der Adria aber um rund zwölf Zentimeter angestiegen, während Venedig im nahezu gleichen Zeitraum um 23 Zentimeter tiefer in den schlammigen Grund eingesunken ist.

Zambardis Finger rückt nun etwas weiter nach rechts. Eine weitere Zahlenkolonne, die nichts Gutes dokumentiert: Fünf der zehn stärksten Fluten aus den vergangenen 110 Jahren haben Venedig zwischen 2002 und 2010 heimgesucht. Und auch die Zahl "gewöhnlicher" Hochwasser hat stark zugenommen – wandelte sich der Markusplatz vor etwa 80 Jahren fünf bis siebenmal in eine große Pfütze, so geschieht das inzwischen pro Saison etwa 50 Mal.

"Für uns sind Hochwasser in den Wintermonaten an sich nichts Ungewöhnliches, dann wird die Stadt durchgespült, ohne dass großer Schaden entsteht", sagt Zambardi, "aber die heftigen Sturmfluten machen uns Sorgen". Ein Hochwasser wie an Heiligabend vor einem Jahr, als 1,44 Meter über Normal die Erdgeschosse vieler Häuser flutete, Plätze in Seen verwandelte und das öffentliche Leben fast völlig lahmlegte.

Und nicht nur das. "Bei einer Sturmflut muss auch der Bootsverkehr eingestellt werden", sagt Elena Zambardi. Weder Händler noch Taxis, weder Polizei noch Feuerwehr, weder Krankentransporte noch die Müllabfuhr kommen auf ihren Booten unter den Brückenbögen hindurch. Die Lebensadern der Stadt, die etwa 180 Kanäle, sind dann unpassierbar – ein Notstand, der auf Dauer nicht tragbar ist.
Um ihrer einzigartige Lagune zu erhalten, arbeiten die Venezianer inzwischen mit Hochdruck an einer Schutzbarriere.

Lange Zeit wegen seiner gigantischen Größe, Kosten und befürchteten Umweltschäden umstritten, hoffen die Bewohner der Lagune nun, dass "Mose" sie vor den Fluten der Adria retten wird. Was nach der biblischen Geschichte des Propheten Moses klingt, der das rote Meer teilte, um das jüdische Volk sicher aus Ägypten zu führen, steht in Venedig für "Modulo Sperimentale Elettromeccanico". Insgesamt arbeiten etwa 3600 Menschen fast rund um die Uhr an dem mobilen Damm. Techniker sehen darin das "größte Projekt moderner Wasseringenieurskunst" – und das nicht nur wegen der veranschlagten Kosten von rund 4,6 Milliarden Euro.

Ein guter Teil davon wird an der Hafeneinfahrt des Lido verbaut. Nach gut 20 Minuten Fahrt mit dem Wassertaxi blickt Elena Zambardi auf Baukräne und Bagger. Sie zieht sich eine gelbe Warnweste über und verteilt Schutzhelme. Ihr Chauffeur legt für einen Moment sein Handy beiseite, nimmt Zambardi an der Hand und hilft ihr aus dem wankenden Boot. Maschinenlärm mischt sich mit dem Klang brandender Wellen. Vom Meer weht ein heißer Wind herüber, der den Staub auf dem Weg zu einer Aussichtsplattform kräftig aufwirbelt.

In einem Becken viele Meter weit unter dieser Plattform wächst das Herzstück des Hochwasserschutzes. Dort liegen gewaltige Stahlbetonquader aufgereiht: jeder von der Größe eines mehrstöckigen Hauses mit Platz für 200 Menschen. Bald werden die Fundamente des Dammes mit Spezialkränen und per GPS-Navigation millimetergenau im Meer versenkt. "Nur einen Steinwurf entfernt", sagt Zambardi und zeigt auf die Hafeneinfahrt.

Die Lagune von Venedig

ist voller Schätze.

Etwa 800 Meter war die noch bis vor einiger Zeit breit. Inzwischen teilt eine künstlich geschaffene Insel die Einfahrt in zwei Teile, um den Wellen weniger Angriffsfläche zu bieten. Elena Zambardi geht einige Schritte weiter und bleibt dann vor einer Schautafel stehen. Das Schutzsystem wirkt auf den ersten Blick ganz einfach: Es ist eine Kette aus Barriere-toren, die von einem Ufer der Hafeneinfahrt bis zum anderen reicht.

Auf den Quadern installieren die Ingenieure ab kommendem Jahr insgesamt 78 dieser Tore. Über Scharniere sind die bis zu 28 Meter hohen, fünf Meter dicken und 20 Meter breiten Metallschleusen mit den Fundamenten verbunden.

Fast das ganze Jahr über sollen die im Inneren hohlen Schleusentore mit Wasser gefüllt am Meeresboden liegen und weder den für das Ökosystem wichtigen Wasseraustausch noch den für Wirtschaft und Tourismus wichtigen Schiffsverkehr zwischen Lagune und Adria behindern. Naht aber eine Flutwelle, pressen die Ingenieure Druckluft ins Innere der Schleusen, um das Wasser zu verdrängen, das sie am Meeresgrund hält.

Während das Wasser entweicht, steigen die Schleusentore auf, bis sie über die Wasseroberfläche herausragen und die Lagune abschotten. "Nach etwa fünf bis sechs Stunden ebben die Fluten normalerweise ab", sagt Zambardi. "Dann werden die Schleusen wieder mit Wasser gefüllt und sinken in ihren Sitz am Meeresgrund zurück."

Die Mose-Mitarbeiterin rückt ihren Helm zurecht, wischt sich den Schweiß von der Stirn und lächelt tapfer in der Mittagshitze. "Wenn alles nach Plan läuft, wird das System in etwa drei Jahren einsatzfähig sein – dann wird Mose Venedig das Überleben sichern." Zehntausende Einwohner der Lagune könnten dann ruhiger schlafen und mehr als 20 Millionen Touristen auch künftig Jahr für Jahr in Venedig das Weltkulturerbe bestaunen, was den lokalen Geschäftsleuten wiederum jährlich 1,5 Milliarden Euro Einnahmen einbringt. Was der italienische Staat zur Aufgabe "nationaler Dringlichkeit" erklärt hat, dient also auch dazu, mit der meistbesuchten Stadt Europas eine echte Goldgrube zu sichern.

Schon heute ist das Mose-Projekt zu zwei Dritteln fertiggestellt. "Die Schleusen sind dabei nur der auffälligste Teil", sagt Zambardi. Inzwischen haben die Venezianer auch 45 Kilometer Strand- und Dünenlandschaften sowie 14 Quadratkilometer Moor- und Wattflächen renaturiert. Das dient neben dem Hochwasserschutz auch der Tierwelt: Denn dort finden Enten, Reiher, Stelzenläufer und Austernfischer ihre Brutplätze.

Um den Erhalt der reichen Unterwasserwelt kümmern sich im Auftrag des Mose-Konsortiums zahlreiche Subunternehmen wie etwa C.A.M Idrografica, eine Firma, die sich auf das Kartographieren der Lagune, das Heben archäologischer Funde und den Schutz der Fischbestände spezialisiert hat.

Omar Salmasi (37) ist einer der Forscher im C.A.M-Team. Mit seiner großen Sonnenbrille, dem weit geöffneten Hemd, kurzen Hosen und ausgefransten Sportschuhen sieht der gelernte Unterwasserarchäologe heute zwar eher so aus, als sei er an einem freien Tag auf dem Weg zum Lido-Strand. Aber das täuscht.

Mit seinem Team fährt Salmasi gleich hinaus auf See. Aktuell sind sie dabei aber nicht auf der Suche nach antiken Schiffswracks, sondern versenken eigens für den Fischnachwuchs entwickelte Betonquader. Ganz rau fühlt sich deren graue Oberfläche an. "Das ist die ideale Kinderstube für Fische", sagt Salmasi und sein Kollege, der Biologe Eugenio Beccornia, ergänzt: "Sie wirken unscheinbar, aber darin stecken sechs Jahre Forschungsarbeit – Material und Größe der Quader sind jetzt perfekt."

Ihr Schiff, die "Ecostar Venezia", ist randvoll gepackt mit den Blöcken. Für heute steht im Auftragsbuch: 60 Stück auf einer Fläche von 20 Quadratmetern abzusetzen. Was nach einem leichten Sommerjob klingt, ist wegen der heftigen Strömungen vor der Küste eine schwere Aufgabe, die vier Männer einen ganzen Tag lang beschäftigen wird. "Wir dürfen die Quader ja nicht einfach so ins Meer werfen – sie sollen zentimetergenau auf den Grund gesetzt werden", sagt Salmasi. Gelingt das, so habe der Fischlaich gute Chancen, sich zu entwickeln.

Am späten Nachmittag, als alle Blöcke versenkt sind, zieht sich Omar Salmasi einen Neoprenanzug über. Er hat das schon Tausende Male gemacht und immer noch freut er sich auf das, was ihn in der Tiefe erwartet. Heute soll er dabei nur einige Fotos machen, Beweise der geleisteten Arbeit. Die Kollegen schauen zu, als er vom Schiffrand drei Meter ins türkisblaue Meer springt, das Wasser spritzt und gurgelt. "Die Tierwelt da unten ist ein großer Schatz, den wir schützen müssen", sagt Salmasi später bei einer Tasse Kaffee in der Kajüte. Aber so richtig ins Schwärmen kommt der Archäologe erst, als er über seine eigentliche Leidenschaft spricht: die Suche nach kostbaren Kulturgütern.

Die Lagune von Venedig ist voller Schätze – und mit Mose ist zum ersten Mal auch Geld herangespült worden, um diese zu heben. Zahlreiche Schiffswracks haben sie schon gefunden, darunter die "Galea di Boccalama", eine Galeere aus dem 14. Jahrhundert, das einzige noch erhaltene Stück weltweit. "Eine echte Sensation war das", ruft Salmasi, der als Student dabei war, als sie das Wrack bargen und als erstmals ein Forscherteam Gelegenheit hatte, eine solche Galeere wissenschaftlich zu untersuchen.

Inzwischen haben die Archäologen ein halbes Dutzend Schiffswracks aus verschiedenen Zeitepochen entdeckt, mit Amphoren an Bord, Keramiken, Baumaterialien, Münzen, Zinntellern, Lanzen und Kanonen. "Die Ladungen geben uns ganz neue Erkenntnisse über die Handelskontakte der alten Venezianer", sagt Chefarchäologe Marco D’Agostino am Abend im Palazzo Morosini, dem Sitz des Mose-Konsortiums am Campo Santo Stefano in Venedig.

Der Professor kommt gerade zurück von einer Ausgrabungsstätte hinter dem Lazzareto Nuovo. Was sie dort in letzter Zeit aus dem Wasser geholt haben, macht ihn ganz euphorisch. "Vielleicht müssen wir die Geschichte Venedigs umschreiben", sagt er, lacht und klatscht in die Hände. Der Professor meint es durchaus ernst. Bislang sind viele Historiker davon ausgegangen, dass die Venezianer zu Herrschaftszeiten Karls des Großen um 810 eine Siedlung am "rivus altus", dem hohen Ufer, gründeten, aus der später Venedig erwuchs. "Wir haben jetzt aber römische Straßendämme entdeckt", verrät D’Agostino. In den Dämmen lagern Amphoren, die 2000 Jahre alt sind.

Ob die Funde für die ganz große Sensation reichen, werde sich in den kommenden Monaten zeigen, meint der Archäologe. Und ob all die anderen Schätze vom Meeresboden einmal den Weg in ein Museum finden, sei auch noch völlig offen. "Bislang gibt es leider keine Pläne", sagt D’Agostino zum Abschied. Das vorherrschende Urteil sei, dass Venedig so etwas nicht auch noch brauche, um Touristen anzuziehen.

Omar Salmasi hofft, dass eines Tages all die Kostbarkeiten, die sie in der Lagune gefunden haben, doch den Besuchern Venedigs präsentiert werden. "Diese Kulturgüter geben uns doch auch ganz neue Einblicke in unsere Geschichte", sagt der Archäologe an Bord eines Wasserbusses, der langsam am Markusplatz vorüberfährt.

Dort drüben trinken die Touristen inzwischen Aperol Spritz, auf dem Canal Grande verzücken Gondolieri ihre Gäste mit ihren Liedern und die Abendsonne taucht die ganze Szenerie in ein dunstig mattgoldenes Licht. Salmasi betrachtet das alles wie ein zauberhaftes Theaterstück. Er sieht froh aus und morgen früh schon, zur besten Cappuccino-Zeit, wird er auf dem Weg zur Arbeit die nächste Vorstellung bekommen.

INFO

Ein mobiles Sperrwerk "Modulo Sperimentale Elettromeccanico", kurz Mose, soll ab 2015 Venedig vor dem zerstörerischen Hochwasser – "acqua alta" – schützen. Der Name passt. Wie der Prophet Moses der Bibel nach das Rote Meer teilte, so soll der italienische Mose das Meer vor Venedig teilen. Wenn die Adria überschwappt, erheben sich stählernen Fluttore vom Meeresgrund. Sie leiten das Wasser um und Venedigs pittoreske Altstand bliebe trocken. Das Sperrwerk soll knapp fünf Milliarden Euro kosten.  

Autor: BZ

Autor: Marcel Burkhardt und Mara Zatti