Schwierige Suche nach Frieden für den Jemen

Martin Gehlen

Von Martin Gehlen

Mi, 05. September 2018

Ausland

Unter UN-Vermittlung beginnen am Donnerstag in Genf Gespräche / Experten glauben nicht wirklich an einen Erfolg.

TUNIS/SANAA. Zehntausende Tote und Verletzte, Hungersnot und Cholera, Städte in Trümmern und al-Qaida stärker denn je – der dreieinhalbjährige Bürgerkrieg im Jemen hat aus dem Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel ein Katastrophengebiet gemacht. Nun wollen sich am Donnerstag die Unterhändler beider Seiten zum ersten Mal seit August 2016 wieder zu Gesprächen treffen.

Militärisch herrscht ein Patt, keiner der Kontrahenten konnte die Oberhand gewinnen. Die vom Iran unterstützten Huthis kontrollieren die Hauptstadt Sanaa und wichtige Teile des Nordens. Ihre Gegner, verbündet mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), haben vor allen den Süden mit den Hafenstädten Aden und Mukalla in ihrer Gewalt. Der Versuch der Alliierten, den Huthis den wichtigsten Einfuhrhafen Hodeida am Roten Meer zu entreißen, steckt vor den Toren der Stadt fest.

Schon 2016 saßen sie sich die Kontrahenten 108 Tage lang in Kuwait bei Gesprächen gegenüber, bevor am Ende alles ohne Ergebnis platzte. Zwei Jahre danach will der neue UN-Vermittler Martin Griffiths an die zerrissenen Gesprächsfäden anknüpfen – diesmal in Genf. Welche monumentale Aufgabe vor dem 67-Jährigen liegt, ist in der jüngsten UN-Analyse zum Jemen nachzulesen. "Der Staat hat praktisch aufgehört zu existieren", heißt es in dem Text. "Er ist zerfallen in zahlreiche verfeindete Territorien, die sich nur sehr schwer wieder zu einer gemeinsamen Nation werden zusammenflicken lassen."

Denn der Krieg ist beides, ein Kampf der Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran sowie ein Konflikt, der Wurzeln im Jemen hat. Sechs Mal führten die Huthis, die ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, zwischen 2004 und 2010 Krieg gegen die Hauptstadt Sanaa, weil sie sich von der Machtzentrale diskriminiert fühlten. Nach dem Arabischen Frühling 2011 kam erstmals Bewegung in den Dauerkonflikt – und es sah zunächst gut aus für die Anliegen der Aufständischen. Eine neue Verfassung sollte eine föderale Struktur schaffen und für mehr Gerechtigkeit zwischen den Provinzen sorgen. Doch die Beteiligten konnten sich nicht einigen. Im September 2014 platzte der Huthi-Führung der Kragen. Sie befahl ihren Kriegern, in Sanaa einzumarschieren – und trat den Bürgerkrieg los, bei dem sich nach UN-Erkenntnissen beide Seiten schwere Menschenrechtsverstöße zuschulden kommen lassen.

Und so startet die erste Vermittlungsrunde in Genf mit sehr geringen Erwartungen. Ziel sei es, auszuloten, wie ernst es die Kriegsparteien mit der Aufnahme echter Verhandlungen meinen, erklärte UN-Sprecher Stephane Dujarric. Seine Mission beginnen will Martin Griffiths mit Themen wie Gefangenenaustausch und Status der Hafenstadt Hodeida, über die ein Großteil der Lebensmittel ins Land kommt. Die Huthis haben bisher 3000 Gefangene in ihrer Gewalt, die saudische Koalition etwa 5000. "Ein Gefangenenaustausch könnte helfen, wieder ein wenig Vertrauen zu schaffen", erklärte Randa Slim, Expertin am Middle East Institute in Washington D.C. und Mitglied des vorigen UN-Verhandlungsteams von 2016. Das Interesse an einem echten Frieden veranschlagt sie als gering. "Die Führer beider Lager haben sich mit dem Krieg eingerichtet. Sie alle profitieren bestens von der Kriegsökonomie."