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04. September 2013

Interview mit Christoph Pistner

„Selbstverständliche Kontrollen fanden nicht statt“

BZ-INTERVIEW mit Atomexperten Christoph Pistner vom Öko-Institut Darmstadt über die Versäumnisse nach dem GAU.

  1. Christoph Pistner Foto: Bild honorarfrei

FREIBURG. Immer wieder gibt es Hiobsbotschaften über das havarierte Atomkraftwerk Fukushima in Japan. Annemarie Rösch sprach darüber mit dem Atomexperten Christoph Pistner vom Öko-Institut in Darmstadt.

BZ: Warum bekommt ein hochtechnologisiertes Land wie Japan die Probleme mit dem Akw Fukushima nicht in Griff?

Pistner: Grundsätzlich muss man sagen, dass jedes Land der Welt große Schwierigkeiten hätte, die Folgen eines so schweren Unfalls wie in Fukushima, bei dem sehr viel Radioaktivität unkontrolliert ausgetreten ist, in den Griff zu bekommen. Ein Untersuchungsbericht des japanischen Parlaments nach dem Unfall hat zudem deutlich gemacht, dass es in Japan Probleme mit der Sicherheitskultur gibt. Wenn zu stark kontrolliert wird, heißt das, man misstraut den Kollegen. Damit haben die Japaner Schwierigkeiten. Auch bestand eine große Nähe zwischen Betreiber und Behörde, es war üblich, das Personal nach einigen Jahren bei der Behörde zum Betreiber wechselt. Für Fukushima heißt das: Eigentlich selbstverständliche Kontrollen fanden nicht statt.

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BZ: Warum hat die Regierung nicht früher eingegriffen und die Kontrollen den Betreibern des Atomkraftwerks überlassen?

Pistner: International ist es so geregelt, dass die Betreiber der Atomkraftwerke auch für deren Sicherheit verantwortlich sind. Sie kennen die Anlagen am besten und wissen, wo Probleme sind und wo zum Beispiel investiert werden muss. Würde sich der Betreiber dagegen nur ums Geldverdienen und nicht um die Sicherheit kümmern, wäre das äußerst problematisch. Natürlich muss es auch staatliche Kontrollen geben. Doch die Behörden sollten dem Betreiber nicht die Verantwortung für die Anlage abnehmen.
BZ: In Japan hat aber die Selbstkontrolle nicht funktioniert, jetzt macht der Staat Druck. Was halten sie von den aktuellen Plänen, radioaktives Wasser durch gefrorenes Erdreich um das Akw aufzufangen?

Pistner: Das ist sehr schwer zu sagen. In Fukushima gibt es ja zwei Probleme. Zum einen müssen die Rektoren weiter gekühlt werden. Dazu sind jeden Tag etwa 300 Tonnen Wasser nötig, die dann radioaktiv kontaminiert sind. Dazu kommen nochmal etwa 300 Tonnen Wasser pro Tag, die von außen in die Gebäude laufen. Das sind natürlich enorme Mengen, die man dann dekontaminieren muss. Währen ein Teil im Moment wieder zur Kühlung verwendet wird, pumpt man den Rest in provisorische Behälter. Um die von außen eindringenden Mengen zu reduzieren, will man das Grundwasser zurückhalten. Doch das hat bisher nicht geklappt. Jetzt will man das Erdreich vereisen, damit das Wasser ums Gelände herum fließt. Es ist schwer einzuschätzen, ob die Japaner damit die Probleme in Griff bekommen.
BZ: Nimmt Japan mit Blick auf die Schwere der Probleme Hilfe in Anspruch?

Pistner: Internationale Experten, unter anderem vom Hersteller, der das Akw gebaut hat, war von Anfang an dort. Insgesamt haben sich die Japaner aber schwer getan, Hilfe anzunehmen. Sie wollten es selbst in Griff bekommen. Wahrscheinlich haben sie am Anfang auch die Komplexität des Problems unterschätzt. In einer solchen Situation sollte man aber auf jede Unterstützung zurückgreifen, die weiterhelfen kann.

Christoph Pistner (44) arbeitet seit 2005 am Ökoinstitut in Darmstadt. Er ist für die Themen Nukleartechnik und Anlagensicherheit zuständig.

Autor: ar