Sogar Supertanker müssen drunter durchpassen

Elke Windisch

Von Elke Windisch

Sa, 22. Juli 2017

Ausland

Kroatiens Pläne für eine Brücke, die die beiden Landesteile über die Adria verbinden soll, drohen am Einspruch Bosniens zu scheitern.

ZAGREB. Von Anfang an umstritten, dennoch begonnen und dann eingestellt, im Mai wieder aus der Mottenkiste geholt und nun erneut vor dem Scheitern: Die Rede ist vom Bau einer zweieinhalb Kilometer langen Brücke über die Adria. Sie soll das kroatische Süddalmatien, die Region um Dubrovnik, derzeit eine Exklave, mit dem Mutterland verbinden. Es ist das mit Abstand größte Infrastrukturprojekt in der Geschichte der Adria-Republik und von strategischer Bedeutung. Denn zwischen Süddalmatien und dem übrigen Kroatien liegt der Neum-Korridor: Ein 19 Kilometer breiter Streifen Land, der zum Nicht-EU-Mitglied Bosnien gehört. Wer von Kroatien nach Kroatien will, muss daher heute vier Mal Grenz- und Zollkontrollen über sich ergehen lassen. Touristen, die mit dem eigenen Auto reisen, und Spediteure überlegen zweimal, ob sie sich das antun müssen.

Dieser bosnische Korridor ist auch das Haupthindernis für den Beitritt Kroatiens zum Schengen-Raum. Den Antrag stellte die Regierung in Zagreb schon, bevor das Land 2013 EU-Mitglied wurde. Die EU will sich daher mit 375 Millionen Euro am Bau der Brücke beteiligen, das sind nach derzeitigem Planungsstand 85 Prozent der Gesamtkosten. Spätestens 2022 sollte die Brücke in Betrieb genommen werden, im September der Bau beginnen. Doch Bosnien will das Projekt stoppen. Diese Woche erteilte das Parlament in Sarajevo der Regierung den Auftrag zu einer entsprechenden Note an Kroatien. Alle Aktivitäten müssten eingestellt werden, bis ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss geklärt hat, ob Kroaten alle bosnischen Forderungen an den Brückenbau erfüllt hat und beide Staaten sich über ihre Seegrenzen geeinigt haben.

An bosnischen Forderungen scheiterten 2010 schon die drei Jahre zuvor begonnenen Vorarbeiten für den Brückenbau. Kroatien musste eine neue Planung vorlegen. Statt 35 soll die Brücke nun 55 Meter hoch werden, der Abstand zwischen den Pfeilern beträgt nun 200 Meter. Denn auch Supertanker sollen den bosnischen Hafen Neum anlaufen können, wo heute im flachen Wasser nur ein paar Fischerboote vor sich hin dümpeln.

Dass sich das je ändert, ist eher unwahrscheinlich. Nicht einmal die kroatischen Adria-Häfen sind optimal ausgelastet, zudem fehlt dem bitterarmen Bosnien das Geld für ein eigenes "Tor zur Welt" oder gar für eine eigene Tankerflotte. Doch mit eben dieser begründete Bakir Izetbegovic, der Vertreter der muslimischen Bosniaken im dreiköpfigen Staatspräsidium, die geforderten Planungsänderungen. Die zwölf Seemeilen vor dem Korridor von Neum sind kroatisches Hoheitsgebiet.
Der Brücken- und Wasserstreit – es geht dabei auch um die Grenzen in Binnengewässern – belastet das kroatisch-bosnische Verhältnis seit Ende der jugoslawischen Teilungskriege in den Neunzigerjahren. Laut internationalem Recht wird der Grenzverlauf nach dem so genannten Mittellinien-Prinzip festgelegt: eine gedachte Linie, die im gleichen Abstand zu beiden Ufern verläuft. Bosnien hat die dazu nötigen Vorarbeiten bisher nicht geleistet und wirft Kroatien vor, mit seinem Grenzgesetz einseitig vollendete Tatsachen geschaffen zu haben.

Dass Bosnien jetzt auf Eskalation setzt, erklären Beobachter mit der kürzlichen Entscheidung eines internationalen Schiedsgerichts im Wasserstreit Kroatiens mit Slowenien, der zugunsten des nördlichen Nachbarn ausgegangen ist. Es geht dabei um ein paar Quadratkilometer in der Bucht von Piran, mit denen Slowenien sich Zugang zu internationalen Gewässern verschaffen will. Kroatien hatte Ende Juni gedroht, das Urteil nicht anzuerkennen – und nun droht ein ernsthafter Konflikt zwischen zwei EU-Mitgliedern. Parlament und Regierung in Zagreb schweigen sich allerdings dazu aus – wie auch im Brückenstreit mit Bosnien.