Umweltschutz

Spektakuläres Naturschutzgebiet an Kanadas Westküste

Gerd Braune

Von Gerd Braune

Mi, 03. Februar 2016 um 00:00 Uhr

Ausland

In Kanada verabreden Umweltverbände, Ureinwohner und die Forstwirtschaft den Schutz des Regenwalds an der Pazifikküste. Es geht um ein Gebiet, so groß wie Baden-Württemberg.

OTTAWA. Kanada richtet an seiner Westküste ein spektakuläres Naturschutzgebiet ein, das fast so groß ist wie Baden-Württemberg. Der "Regenwald des Großen Bären" ist einer der letzten intakten Urwälder der gemäßigten Breiten. Nun wird er weitgehend dem Zugriff der Holzindustrie entzogen. Umweltschützer und Ureinwohner feiern den Pakt.

Seit mehr als 15 Jahren kämpfen sie für den Erhalt der alten Wälder, nun sehen sie sich am Ziel. "Dies ist ein großartiger Tag nach Jahren harter Arbeit", erklärt Jens Wieting von der Umweltschutzorganisation Sierra Club British Columbia im Gespräch mit der Badischen Zeitung, nachdem der Pakt zwischen der Provinz British Columbia, der Forstindustrie, indianischen Völkern und Umweltschützern vorgestellt worden war. "Eine fantastische Region wird mit einem hohen Anteil an Naturschutzgebieten erhalten."

Die Region des Great Bear Rainforest erstreckt sich über 64 000 Quadratkilometer entlang der Pazifikküste British Columbias bis an die Grenze zu Alaska. Etwas mehr als die Hälfte des Gebiets ist bewaldet. Zusammen mit den Haida Gwaii-Inseln, den früheren Charlotten-Inseln, stellt der Regenwald des Großen Bären einen der größten intakten Regenwälder der gemäßigten Klimazonen dar.

Auf 85 Prozent des Waldgebiets, auf 31 000 Quadratkilometern, wird nun kein industrieller Holzeinschlag stattfinden. Die eine Hälfte davon wird als Schutzgebiet ausgewiesen, die andere als natürlicher Wald. Auch in den natürlichen Wäldern ist grundsätzlich kein Holzeinschlag erlaubt, aber sie können von den indianischen Völkern wirtschaftlich und kulturell genutzt werden. Dabei gelten hohe Standards etwa für den Schutz der Uferzonen von Bächen und Flüssen. Auf 15 Prozent der Fläche soll regulärer Holzeinschlag weiter möglich sein, aber auch dies nur unter strengen Auflagen. So gibt es eine jährliche Holzhöchstmenge.

Der Regenwald ist das Siedlungsgebiet von 26 indianischen Völkern. Hier wachsen Douglasien und Sitka-Tannen, vor allem aber die Riesen-Lebensbäume, auf English Red Cedar genannt, die 50 bis 70 Meter hoch und mehrere Hundert Jahre alt werden können. In den Wäldern leben Wölfe, Grizzlys und viele Vogelarten.

Die Urwälder an Kanadas Westküste waren in den 90er-Jahren Schauplatz des so genannten Kriegs in den Wäldern. Zunächst ging es um den Clayoquot-Sund, in dem die Waldbestände abgeholzt werden sollten. Demonstranten ketteten sich an Bäume, weltweit wurde protestiert. Indianische Völker wehrten sich gegen die Aktivitäten der Holzindustrie auf Territorium, das sie für sich beanspruchten. Im letzten Augenblick gelang es, große Flächen zu schützen. Dann folgte der Regenwald des Großen Bären. Auch dort drohte Kahlschlag. Ausländische Kunden der kanadischen Holzindustrie haben aber darauf gedrungen, sich in British Columbia zu verständigen. Seit dem Jahr 2000 verhandelte eine Koalition von Umweltverbänden mit einem Verband von Forstunternehmen. Die deutsche Papierindustrie und die Zeitschriftenverleger spielten bei der Ausarbeitung des Abkommens für den Regenwald des Großen Bären eine Rolle. Auf sie hatten zuvor Umweltorganisationen wie Greenpeace Druck gemacht.

"Der Regenwald des Großen Bären ist eine Kostbarkeit für die ganze Welt", sagte die Regierungschefin von British Columbia, Christy Clark. Marilyn Slett, Präsidentin des Verbandes der indianischen Völker der Küstenregion, sagte: "Unsere Vision ist eine Zukunft, in der das Ökosystem und die potenzielle Entwicklung im Regenwald eine Balance bilden." Der aus Norddeutschland stammende Umweltschützer Jens Wieting, der in Deutschland für die Organisation Robin Wood gearbeitet hatte und seit zehn Jahren in Kanada lebt, betonte, wie sehr dieser Vertrag den indianischen Völkern weitreichende Mitsprachemöglichkeiten bei der künftigen Nutzung des Regenwaldes gebe. "Dies ist eine sehr bedeutende Verlagerung politischer Macht." Zufrieden zeigte sich auch die Holzindustrie: "Zusammenarbeit, nicht Konflikt haben zu dieser einzigartigen Lösung geführt", meinte Branchenvertreter Rick Jeffery.

Für den Klimaschutz ist die Verständigung von British Columbia ebenfalls wichtig: Die alten Regenwälder sind ein großer Kohlenstoffspeicher.