Traumberuf Krankenschwester

Frauke Wolter

Von Frauke Wolter

Do, 24. Januar 2008

Ausland

Im indischen Heim Naya Jeevan lernen Kinder aus leprakranken Familien, auf eigenen Beinen zu stehen.

An ihre Zeit im Kinderheim erinnert sich Geeta noch immer gerne. Sie kam als Zehnjährige nach Naya Jeevan, ihre Mutter war tot, der Vater leprakrank. Ihr gefielen "die Atmosphäre hier, die netten Nonnen, die Kleider und Bücher, die wir bekamen…" Die 27-Jährige lächelt schüchtern. In drei Monaten bekommt sie ihr zweites Kind, und nach spätestens zwei Jahren will sie wieder arbeiten. Geeta ist Krankenschwester, dreieinhalb Jahre dauerte ihre Ausbildung. Zuletzt verdiente sie 10 000 Rupien (knapp 180 Euro) im Monat als Operationsschwester, das ist viel Geld im armen Indien. Geeta ist auch sehr stolz darauf, dass sie noch immer Anrufe vom örtlichen Hospital bekommt, das nach ihr fragt. Ihre Erstgeborene, so wünscht sie sich, soll daher auf alle Fälle "doctor" werden.

Vom Lepra-Slum ohne Bildungs- und Berufschancen in eine gesicherte Existenz – das sind die Erfolgsgeschichten, die das von den "Helpers of Mary" betriebene Kinderheim Naya Jeevan bei Assangaon und "Wasser ist Leben" ermöglichen. Mehr als 300 Kinder leben derzeit hier, davon sind 42 HIV-positiv. Weitere 23 Mädchen absolvieren eine Ausbildung, die meisten als Krankenschwester. Die Lehre ist begehrt, es gibt genug Arbeitsplätze in Indien. Und weltweit: Im nahen Dubai zum Beispiel verdienen Krankenschwestern viermal so viel wie Geeta.

Aber erst muss die zwölfte Klasse geschafft werden. Und das ist nicht einfach. In den staatlichen Schulen sitzen bis zu 70 Kinder in einer Klasse, individuelle Betreuung bietet der Frontalunterricht kaum. Wie gut, dass es in Naya Jeevan Nachhilfe in Englisch und Mathematik gibt. Geplant ist zudem, die Mädchen im Fach "Wissenschaft" zu fördern; damit haben viele Probleme. Den wenigen Mädchen, die trotz aller Mühen scheitern, und den Aidskindern, die nicht in öffentlichen Schulen unterrichtet werden dürfen, bieten die "Helpers of Mary" Kurse im Sticken, Handarbeiten oder Kerzenziehen an. Damit sie später wenigstens ein paar Rupien verdienen können.

Das Geld für den Ausbildungsfonds ist also gut investiert. Gleichwohl bedeutet es für die Nonnen viel Engagement, mehr als 250 Mädchen täglich anzuspornen. Zwar wissen die Kinder um ihre außergewöhnlichen Möglichkeiten, die ihnen die Sponsoren aus Deutschland bieten. Alle wollen, wenn man sie fragt, Lehrer oder Doktor werden. Doch selbst für den "Bürojob", den viele sich wünschen, ist das tägliche Lernpensum hoch, und viele Kinder haben eben keine Familie im Rücken, die sie unterstützt. So geben die Nonnen auch Motivationskurse oder laden dazu Außenstehende ein. Erst kürzlich besuchte ein Arzt zwei Tage lang Naya Jeevan, bot Theaterspielen an und Sport und machte den Mädchen immer wieder klar: "Es ist eure Chance, nutzt sie! Denkt positiv!" Solche Anregungen werden von den Kindern mit Begeisterung aufgenommen, und natürlich auch, dass sich im Heim nicht alles nur ums Studieren dreht: So kommt jeden Sonntag ein Lehrer für klassischen Hindu-Tanz, und es gibt Yoga für alle.

Die "Helpers of Mary" sind daher trotz aller (all-)täglichen Hürden sehr zufrieden: Mehr Mädchen als noch vor fünf Jahren erreichen die höheren Klassen. Und selbst wenn sie später "bloß" heiraten, dann oft einen Mann, der besser verdient und ihnen einen gehobeneren Lebensstandard bieten kann. Auch das ist ein Fortschritt.

Gut sieht auch die an das Kinderheim angeschlossene Farm aus: Der vergangene Monsun war heftig, hat aber die Wassertanks ausreichend gefüllt. Bis zum nächsten großen Regen muss nun ein weiterer Teich ausgebaggert, müssen die Wasserkanäle gesichert werden. Drei Gemüse- und zwei Reisernten gab es im vergangenen Jahr. 700 Hühner wurden gemästet und anschließend zum Teil sogar verkauft. Der Kuhbestand soll nun von 15 auf 17 aufgestockt werden. Gerade die fette "Buffalomilch" ist gut für die oft kränkelnden Aidskinder.

Wöchentlich 600 Eier für Naya Jeevan oder ein Abendessen für alle Kinder – indische Sponsoren geben lieber Naturalien denn Geld. "Feed the poor" (Füttert die Armen) ist das Credo der Reichen. Das ist zwar hilfreich, doch nachhaltig ist diese Art der Unterstützung nicht. Immerhin gibt es Menschen wie Anil Luniya. Der indische Kardiologe hat es sich zur Aufgabe gemacht, das schlechte staatliche Vorsorgeprogramm zu verbessern. Mitte Januar impfte er mit mehr als zehn Helfern alle Kinder von Naya Jeevan kostenlos gegen Tetanus, Diphterie und Hepatitis B. Einen Monat bereiteten er und sein Team sich auf die Großaktion vor, die Medikamente erbettelte Luniya von indischen Pharmaunternehmen. Er habe großen Respekt vor der Leistung der "Helpers of Mary", sagt er. Und: "Wenn nur drei von 300 Kindern aufsteigen, haben wir unser Ziel erreicht." Luniya zeigt an diesem Januartag sogar einen Film; damit die Mädchen den Schmerz der Impfungen vergessen, sagt er. Besonders die Teenager sind begeistert: In dem dreistündigen Bollywood-Schinken spielt der bekannteste indische Schauspieler mit, der schöne Shah Rakh Khan...

Der Film muss in einem Raum des Aidshospitals vorgeführt werden, denn nur dort gibt es einen Generator. Naya Jeevan leidet nämlich noch immer unter den täglichen, mindestens achtstündigen Stromausfällen. Weil die nahe gelegene Millionenstadt Bombay die Energie benötigt, sitzen die Mädchen abends um ein paar Petroleumlampen über ihren Büchern.

Diese Situation zu ändern, ist eines der Vorhaben von "Wasser ist Leben" für 2008/09. Gute drei Fahrstunden ist die Stadt Nashik entfernt, wo Om Praskash Kulkarni seine Solarfabrik betreibt. Auf dem Dach hat er die Anlagen installiert, mit deren Hilfe Strom erzeugt, Wasser erwärmt und gekocht werden kann. Für Zeiten mit großer Bewölkung rät Kulkarni zudem zu kleinen Windmühlen. Jetzt müssen die "Helpers of Mary" den Bedarf für die Stromversorgung aller Häuser sowie der Farm, für die Wegbeleuchtung und den Betrieb der Wasserpumpen beziffern. Der nächste Schritt ist ein konkreter Kostenvoranschlag, bevor die Arbeiter aus Nashik in Naya Jeevan anrücken.

Die Umstellung auf Solarenergie könnte Geld sparen; bisher kostet der Stromverbrauch jährlich rund 5000 Euro; hinzu kommt Gas im Wert von weiteren 900 Euro. Die Biogasanlage liefert Energie für die Küche, in der das Essen für die Mädchen gekocht wird. Die "normalen" Öfen werden mit Holz von Bäumen der Farm befeuert. Die einst erfolgreiche Bäckerei steht jedoch weiterhin still, weil sonst die Energiekosten zu hoch würden.

Auf der Wunschliste der "Helpers of Mary" finden sich außerdem Toiletten. Die indische Regierung hat klare Vorgaben und verlangt ein Klo für sieben Kinder. Das Verhältnis in drei der Häuser von Naya Jeevan beträgt jedoch nur 1:10. Insgesamt müssten bis spätestens zum Jahr 2011 mindestens neun Toiletten gebaut werden; die Einrichtungen im Aidshospital sind zudem renovierungsbedürftig. Die Zeit drängt, weil die Regierung droht, die Lizenz für das Kinderheim zu entziehen.

Außerdem stehen Renovierungsarbeiten für mindestens eines der Häuser an. Dessen Dach ist undicht und das Wasser dringt auch durch die Wände. Dieses Haus soll künftig ebenfalls für aidsinfizierte Kinder zur Verfügung stehen. Denn die Lepraerkrankungen gehen in Indien rapide zurück: Waren vor 20 Jahren von 10 000 getesteten Menschen 30 bis 40 erkrankt, sind es heute noch ein bis zwei. Von den Mädchen aus Naya Jeevan kamen vergangenes Jahr allerdings drei mit Zeichen von Lepra aus den Ferien zurück, die sie stets bei ihren Familien in den Slums verbringen. Es gab auch zwei Tuberkulose- und mehrere Malariafälle.

Weil die Kinder von Naya Jeevan nicht nur akut versorgt werden, sondern auf eigenen Beinen stehen sollen, benötigen wir weiter Ihre Unterstützung: für den Kinderdorf-Fonds und den Ausbildungsfonds. Langfristig soll "Wasser ist Leben" sich selbst tragen und von den Zinsen dieser Fonds leben können. Dabei helfen auch anonyme Patenschaften.