Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. März 2015 00:00 Uhr

Menschenschmuggel

Wie Schleuser mit Flüchtlingen Milliarden verdienen

Nahezu jeder Flüchtling bedient sich der Hilfe von Schleusern. Diese sind in kleinen Gruppen organisiert – doch der Menschenschmuggel ist heute ein Milliardengeschäft.

  1. Diese Flüchtlinge auf dem rostigen Kahn hatten Glück: Sie wurden von der italienischen Marine gesichtet, versorgt und gerettet. Foto: afp

Beinahe täglich landen Flüchtlinge an den Außengrenzen der EU an. 160 000 Menschen begaben sich allein im vergangenen Jahr auf die gefährliche Route über das Mittelmeer. Auf dem Landweg sind es weniger, doch genaue Zahlen gibt es nicht. Organisiert wird die Flucht von Schleusern. Die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR spricht von einem Milliardengeschäft.

Die Drehscheiben

des Menschenschmuggels
Fast alle Flüchtlinge, die nach Europa gelangen wollen, kommen aus den Kriegs- und Krisengebieten des Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika. Entsprechend verlaufen die Fluchtrouten. Das große Drehkreuz für Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Pakistan oder dem Irak ist die Türkei. Vor einigen Jahren noch versuchten viele, von der Türkei aus über den Landweg in die EU zu kommen. Doch seit die Grenzen Griechenlands und Bulgariens zur Türkei schärfer bewacht werden, weichen die Schleuser auch auf dieser Route auf das Mittelmeer aus.

Die zweite große Drehscheibe, von wo aus sich die Flüchtlinge in Europa verteilen, ist Italien – und da vor allem Mailand, sagt ein deutscher Sicherheitsexperte. "Wenn man erst einmal in Italien ist, steht einem Europa offen." Nach Mailand führen fast alle Routen von Flüchtlingen, die erfolgreich das Mittelmeer überquert haben. Doch, so sagen Insider, sei die italienische Polizei mit der Situation völlig überlastet. Nicht zu Unrecht fühlt sich Italien in der Flüchtlingspolitik von anderen EU-Staaten im Stich gelassen.

Werbung


Die dritte große Drehscheibe ist Marokko. Das nordafrikanische Land ist das vorletzte Etappenziel zahlreicher Flüchtlinge aus West-, Zentral- oder Ostafrika auf dem Weg nach Europa – zumal Libyen, von wo bisher viele Flüchtlinge kamen, wegen des zunehmenden Terrors im Land immer gefährlicher worden ist.

Wer sind die Schleuser?
Es begibt sich kaum ein Flüchtling auf den Weg nach Europa, ohne die Hilfe eines Schleusers zu beanspruchen. Die Schleuser sind nach Erkenntnissen von Sicherheitsfachleuten keine groß angelegten Syndikate mit gar mafiösen Strukturen. "Die Mafia selbst ist an diesem Geschäft nicht beteiligt, sie hat keine Bezüge zu Nordafrika", sagt ein hochrangiges Mitglied einer Sicherheitsbehörde. Die Mafia mache das Geld mit den Flüchtlingen erst, wenn diese im Land seien. Die ARD-Sendung Panorama zeigte unlängst einen Beitrag, wie die italienische Mafia junge Flüchtlinge für Dienste diverser Art zu rekrutieren versucht. Außerdem verdient sie bei der Unterbringung von Flüchtlingen gut mit.

Die Schleuser hingegen sind meist flach organisiert. Man kennt sich, kooperiert und ist gut vernetzt. Im Wesentlichen gibt es nur Kontaktleute und Leute für den Transport. Die meisten Schleuser sind "ethnisch organisiert", sagt ein Experte. "Syrer schleusen Syrer, Afghanen schleusen Afghanen, und so weiter."

Wie läuft eine

Schleusung ab?
In Ländern wie Afghanistan, Pakistan, dem Irak oder in den für syrische Flüchtlinge eingerichteten Feldlagern im Libanon ist es nicht schwer, Kontakt zu einem Schleuser zu knüpfen. Die Treffpunkte sind bekannt, Teestuben, Basare, öffentliche Plätze. In den Herkunftsländern ist Schleuser ein fast normaler Job und der Menschenschmuggel eine Dienstleistung gegen Geld. In gewisser Hinsicht gelten die Schleuser sogar als zuverlässig, weil es sich schnell herumsprechen würde, wenn sie ihren Job schlecht machten. Was die letzte, für viele Flüchtlinge tödliche Etappe auf dem Mittelmeer anbelangt, sieht das freilich anders aus.


Was kostet eine Schleusung?
Die Kosten hängen von der Art der Schleusung ab. Experten unterscheiden drei Arten: die Garantieschleusung, die Etappenschleusung und die Verwandtenschleusung.

Bei der Garantieschleusung verspricht ein Schleuser, den Flüchtling in ein Land der EU zu bringen, meist Italien oder Griechenland. Eine Schleusung direkt in ein EU-Land kann bis zu 20 000 Euro kosten. In diesem Fall verpflichten sich der Schleuser und seine Helfer, es so lange zu versuchen, bis die Flucht klappt. Scheitern die Fluchtversuche, werden sie wiederholt. Das ist im Preis inbegriffen.

Bei der Etappenschleusung verpflichtet sich der Schleuser lediglich, eine oder mehrere Personen in das nächstgelegene Land zu schmuggeln. Er stellt in der Regel auch den Kontakt her zu einem dortigen Schleuser, der dann den nächsten Grenzübertritt organisiert. Also etwa: von Afghanistan in den Iran, von dort in die Türkei und dann in die EU. Solche Etappenschleusungen kosten jeweils etwa 3000 Euro. Afrikanische Flüchtlinge lassen sich oft von Ortskundigen durch fremde Stammesgebiete schleusen.

Bei einer sogenannten Verwandtenschleusung werden meist keine Schlepper beauftragt. Vielmehr versucht ein Verwandter, der in der EU wohnt, Mitglieder seiner Familie etwa über Visa ins Land zu holen. Geld fließt in der Regel keines.

Wer kann sich

eine Flucht leisten?
Für die Reichen stellt sich zumindest die finanzielle Frage nicht. Ihr Transportmittel ist gewöhnlich das Flugzeug. Sie haben oft andere nützliche Kontakte, die ihnen bei der Flucht behilflich sind. Auf die üblichen Schleuser sind sie deshalb eher nicht angewiesen. Die Armen können sich eine Flucht schlicht nicht leisten. Die Gruppe, die mit Hilfe von Schleusern den Weg nach Europa sucht, besteht vor allem aus Menschen der Mittelschicht. Oft finanzieren sie die Flucht, indem sie ein Haus, Grundstücke oder Wertgegenstände verkaufen. Eine andere Variante, berichtet ein Experte, ist, dass eine Großfamilie alles Geld zusammenkratzt, um einem jungen männlichen Familienmitglied den Weg nach Europa zu ebnen. "Das Kalkül ist, dass er in Europa einen Job findet und Geld verdient, das er dann nach Hause schickt." Die Variante sei vor allem bei Flüchtlingen aus Eritrea zu beobachten, zumal dort die jungen Männer zum – oft unbefristeten – Militärdienst eingezogen würden, ohne dass sie dafür Geld bekommen.

Das große Geld

mit grob fahrlässigen Strategien
Die letzte Etappe der Flucht nach Europa, das Mittelmeer, ist die gefährlichste. Zahlreiche Menschen finden dabei den Tod. Das liegt nicht nur am Strategiewechsel der EU (das italienische Projekt "Mare Nostrum", bei dem weit draußen auf See dümpelnde Boote aufgebracht und die Passagiere gerettet wurden, ist durch das EU-Projekt "Triton" ersetzt worden, das nur noch das Agieren in Küstennähe vorsieht). Vor allem haben sich aber die Methoden der Schleuser geändert, sind menschenverachtender geworden, weil sie bewusst den Tod von Flüchtlingen in Kauf nehmen. Sie tragen zunehmend Züge Organisierter Kriminalität.

Der anschwellende Flüchtlingsstrom bringt den Schleusern eine riesige Nachfrage – und somit das große Geschäft. Um mehr Menschen befördern zu können, sind sie auf große Schiffe umgestiegen. Diese haben auch den Vorteil, dass sie längere Strecken zurücklegen können (etwa von Syrien oder der Türkei nach Italien) und im Gegensatz zu kleinen Booten auch im Winter einsetzbar sind. Die Schleuser kaufen schrottreife Frachter für billiges Geld, füllen sie mit Flüchtlingen und steuern sie vor die Küsten Europas, damit sie dort von der Küstenwache (Frontex oder Marine) abgefangen und die Flüchtlinge an Land gebracht werden. Teilweise verlassen die Besatzungen, die offenbar meist in Osteuropa, vor allem in Russland, angeheuert werden, mitten auf dem Meer die Seelenverkäufer und verschwinden in Schnellbooten. Zurück bleiben Geisterschiffe, die steuerlos auf dem Meer dümpeln, mit Menschen an Bord, die auf eine bessere Zukunft hofften. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als 3400 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben gekommen.

Der Beitrag basiert zum einem großen Teil auf Informationen von Experten von Sicherheitsbehörden und dem UNHCR, die nicht namentlich genannt werden möchten.

Autor: Karl-Heinz Fesenmeier