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25. Juni 2016 00:00 Uhr

Frankreich/Abbeville

Zum Tode verurteilt, weil er den Hut nicht zog

Vor 250 Jahren wurde der junge Franzose Chevalier de la Barre grausam gefoltert und hingerichtet. Er hatte den Hut nicht abgenommen als eine Fronleichnamsprozession an ihm vorüber zog.

  1. Der gerade mal 19-jährige Chevalier de la Barre wurde 1766 wegen angeblicher Gottlosigkeit zum Tode verurteilt, gefoltert und hingerichtet.

  2. Zeitgenössische Darstellung der Hinrichtung de la Barres

  3. Später rehabilitiert: Denkmal de la Barres Foto: Saskia Schiedel

D ie in Bronze gegossene Szene ist von verstörender Brutalität: Ein junger Mann liegt gefesselt auf der Folterbank. Sein Oberkörper ist wegen der Schmerzen völlig verdreht, das Gesicht mit den eingefallen, leeren Augen drückt Verzweiflung und Fassungslosigkeit aus. Neben dem Unglücklichen betet ein Mönch, ihm offenbar geistlichen Beistand leistend. Etwas erhöht beobachtet der Untersuchungsrichter mit teilnahmslosem Blick das grauenhafte Geschehen. Ein Protokollant wartet darauf, herausgemarterte Geständnisse niederzuschreiben. Unterschenkel und Füße des Delinquenten stecken in fest zusammengezurrten Holzbohlen. Mit kräftigen Hammerschlägen treibt der Folterknecht Keile in die Zwischenräume, um so die Knochen des Gepeinigten zu brechen.

Das Bronzerelief ist an einer Gedenkstelle in der nordfranzösischen Kleinstadt Abbeville angebracht. Es mahnt an das Schicksal von Jean-François Lefèbvre, Chevalier de la Barre. Der gerade mal 19-Jährige wurde 1766 wegen angeblicher Gottlosigkeit zum Tode verurteilt, gefoltert und hingerichtet. Sein Verbrechen: Er hatte den Hut nicht abgenommen als eine Fronleichnamsprozession an ihm vorüber zog.

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Als Sohn eines verarmten Adligen kam Jean-François Lefèbvre am 12. September 1745 im Schloss von Férolles, unweit von Orléans, zur Welt. Über seine Kindheit ist wenig bekannt. Nach dem Tod des Vaters wurde er 16-jährig von seiner Tante, einer Äbtissin in Abbeville, aufgenommen. In dem Provinznest schloss er sich rasch einer Gruppe freigeistiger junger Leute an, die sich für die Ideen der Aufklärung begeisterten, verbotene Bücher lasen und gelegentlich ihre tiefgläubigen Mitbürger provozierten.

Das 18. Jahrhundert war gerade auch in Frankreich eine Zeit epochaler Umbrüche. Fast eineinhalb Jahrtausende lang hatte die bald nach der Konstantinischen Wende eingegangene Symbiose von Kirche und Staat für leidlich stabile gesellschaftliche Verhältnisse gesorgt, nun zeigten sich bedrohliche Risse in dem fein austarierten Machtgefüge. Während ein ökonomisch prosperierendes Bürgertum auf politische Mitsprache drängte, führten Landflucht und zunehmende Verstädterung zur Verarmung weiter Bevölkerungskreise. Die aufstrebenden Wissenschaften brachten jahrhundertealte Gewissheiten zum Einsturz, der schleichende Autoritätsverlust der Kirche wurde nicht zuletzt durch die allmähliche Emanzipation der Philosophie von der christlichen Theologie greifbar. So hatten René Descartes und Baruch de Spinoza den radikalen Zweifel zur Grundlage ihres Philosophierens gemacht.

Auch innerhalb der Kirche wirkten Erosionsprozesse, besonders unter dem niederen Klerus. Pars pro toto: Der "gottlose Gottesmann" Abbé Jean Meslier, der in der Abgeschiedenheit seines Sprengels in den Ardennen ein wütendes "Testament" verfasste und in dem fast tausend Seiten umfassenden Pamphlet nicht nur alles Bestehende, die Feudalherrschaft, ihre Verklärung und Rechtfertigung in Religion, Philosophie und Moral, schärfster Kritik unterzog, sondern – gut ein Jahrhundert vor Marx und Engels – die Utopie einer atheistisch-kommunistische Gesellschaft entwarf. Im Salon von Baron Paul-Henri Thiry d’Holbach in der Pariser Rue Royale Saint-Roch trafen sich "les Philosophes", die großen Freigeister der Zeit – darunter Denis Diderot, David Hume, Jean-Jacques Rousseau, Friedrich Melchior Grimm, Laurence Sterne und viele andere – und stritten über ein radikal neues Verständnis von Gott und der Welt. Und aus seinem Exil am Genfer See meldete sich regelmäßig Voltaire, der große alte Mann der Aufklärung, zu Wort.

Eine der verheerendsten Naturkatastrophen der europäischen Geschichte – das Erdbeben von Lissabon 1755 – befeuerte die Entwicklung. Viele Gläubige starben, als sie in den einstürzenden Kathedralen die Schutzheiligen um Hilfe anflehten. Andere, die versucht hatten, sich ins Freie zu retten, wurden Opfer eines gewaltigen Tsunami, der über den Hafen und Teile der Altstadt hinwegfegte.

Voltaire riet seinen Freunden

zur Flucht nach Preußen

Als die Jesuiten später den Zorn Gottes über den unsittlichen Lebenswandel der Menschen als Ursache des todbringenden Unglücks predigten und zur Umkehr und Gottesfürchtigkeit aufforderten, wurden sie von den aufgebrachten Überlebenden aus der Stadt gejagt. Wie konnte es sein, dass ein allmächtiger, allgütiger Gott, Betende in seinen Kirchen bestraft, während er Huren und Freier ungeschoren davonkommen lässt? Tatsächlich war das Rotlichtviertel Lissabons, die Alfama, von den blind tobenden Naturkräften weitgehend verschont geblieben.

Auch in der strengkatholischen französischen Provinz hatte sich ein tiefes Gefühl der Verunsicherung breit gemacht. Groß war daher das Entsetzen bei den frommen Bürgern von Abbeville, als Anfang August 1765 Schrammen und Kerben an einem hölzernen Kruzifix auf der Brücke über der nahen Somme entdeckt wurden. Ob nun betrunkene Soldaten für die Beschädigungen verantwortlich waren – wie Voltaire später in einem ausführlichen Bericht über die Geschehnisse an Cesare Beccaria, dem großen italienischen Strafrechtsreformer und frühen Gegner der Todesstrafe mutmaßte –, ein ungeschickter Gespannfahrer, oder wer auch immer, wird für immer ungeklärt bleiben. Jedenfalls geriet der Kreis junger Leute um de la Barre schnell in einen verhängnisvollen Strudel von Verdächtigungen, Hetze und juristischer Verfolgung.

Schwer zu beurteilen ist, welche Rolle die Kirche in dem unseligen Verfahren spielte, das nun folgte. Während Voltaire den Bischof von Amiens als treibende Kraft benannte, der Mahnbriefe verfasste und feierliche Prozessionen zu dem lädierten Kruzifix veranlasst habe, berichten andere Quellen von dessen – allerdings erfolglosen – Versuch, die hochkochenden Emotionen zu besänftigen.

Drei junge Männer standen im Fadenkreuz der Ermittlungen: La Barre, dessen zwei Jahre jüngerer Freund Gaillard d’Etallonde, Sohn des ehemaligen Bürgermeisters, sowie der erst 15-jährige Moinel. Der vermeintliche Kreuzfrevel konnte ihnen nicht nachgewiesen werden, allerdings fanden sich Zeugen, die sie unter anderem beschuldigten, in der Öffentlichkeit schlüpfrige Soldatenlieder gesungen zu haben. Außerdem habe La Barre die obszöne "Ode an Priap" von Alexis Piron vorgetragen und despektierliche Bemerkungen über religiöse Symbole und Riten gemacht. Am schwerwiegendsten erwies sich allerdings eine andere, von mehreren Zeugen erhobene Anschuldigung: Sie gaben an, beobachtet zu haben, wie die drei jungen Leute "auf dreißig Schritt Entfernung an einer Fronleichnamsprozession vorbeigingen, wobei die Herren La Barre und d’Etallonde ihnen Hut auf den Kopf ließen, während Moinel den Hut unter seinem Arm trug", so Voltaire in seinem Bericht. Bei der Durchsuchung des Zimmers von La Barre fanden die Ermittler schließlich noch drei verbotene Bücher: zwei erotische Romane, sowie Voltaires "Dictionnaire Philosophique Portatif". Das Werk stand auf dem päpstlichen Index.

D’Etallonde, der vermutlich gewarnt worden war, floh noch vor der Gerichtsverhandlung nach Holland. Er sollte später in der Preußischen Armee Karriere machen. Den jungenhaften und völlig verängstigten Moinel, der ein Geständnis abgelegt hatte und zudem durch La Barre entlastet wurde, ließ man laufen. Der Chevalier de la Barre hingegen wurde vom zuständigen Gericht des Seneschalls von Abbeville am 28. Februar 1766 wegen Blasphemie zum Tod verurteilt. Die Einzelheiten des Richterspruchs sind grauenerregend: Noch vor der Vollstreckung war eine "peinlichen Befragung" vorgesehen, eine schweren Folter, um Informationen über mögliche Komplizen zu erhalten. Anschließend sollte der Verurteilte mit einem Büßerhemd bekleidet und mit einer Wachskerze in der Hand vor der Kathedrale niederknien und um Vergebung flehen. Danach würde seine Zunge herausgeschnitten, eine Hand abgehakt und er schließlich auf dem Scheiterhaufen bei kleiner Flamme lebendigen Leibs verbrannt – zusammen mit Voltaires Buch. Selbst konservativen Juristen erschien das Urteil unangemessen hart; der Fall kam vor das Parlament in Paris als Obersten Gerichtshof.

Viele Beteiligte, darunter wohl auch der Verurteilte selbst, rechneten angesichts der Nichtigkeit der Anschuldigungen und der dürftigen Beweislage fest mit einer milderen Strafe, wenn nicht gar mit einer Einstellung des Verfahrens. Voltaire wurde publizistisch tätig und versuchte, die Öffentlichkeit zu alarmieren. Vergeblich. Schnell zeigte sich, dass die Hardliner die Oberhand behalten würden. Sie wollten an dem jungen Chevalier ein Exempel statuieren und damit eine unmissverständliche Warnung an all jene richten, die mit ihren gotteslästerlichen Gedanken, Reden und Büchern die gottgewollte Ordnung untergruben. Das Berufungsgericht bestätigte das Urteil im Wesentlichen, allein der Ablauf der Exekution wurde modifiziert: Die Zunge sollte nur durchbohrt und der Übeltäter vor der Verbrennung enthauptet werden. Als Angehöriger des Adelstandes hatte er ohnehin Anspruch darauf, dass ihm der sehr qualvolle Tod auf dem Scheiterhaufen erspart bleibt. Am Morgen des 1. Juli 1766 wurde das Urteil vollstreckt. Charles-Henri Sanson, der Henker von Paris, war mit vier Assistenten nach Abbeville geeilt. Nach dem Zeugnis Voltaires soll La Barre das Schafott "mit gelassenem Mut, ohne Klage, ohne Zorn und ohne Prahlerei" bestiegen haben.

Die "Philosophes" in Paris waren angewidert und schockiert – vor allem Diderot, der bereits wegen Blasphemie im Gefängnis gesessen hatte, sorgte sich um seine persönliche Sicherheit und um die Zukunft seiner Enzyklopädie. Voltaire riet seinen Freunden zur Flucht nach Preußen. Mit der Zeit jedoch zeigten dessen publizistische Aktivitäten Wirkung. Die Verurteilung und Hinrichtung La Barres riefen in Frankreich aber auch im europäischen Ausland Empörung hervor und wurden als Justizskandal gebrandmarkt. Unter dem Druck der Öffentlichkeit sah sich die Regierung Ludwig XV. zu einer Strafrechtsreform gedrängt, die allerdings schon unter Ludwig XVI. wieder zurückgenommen wurde.

Doch die Tage des Ancien Régime waren gezählt. Erneut beschleunigten damals unverstandene Prozesse tief im Erdinneren den Lauf der Dinge. Am 8. Juni 1783 brach im fernen Island die Erde auf. Aus der 25 Kilometer langen Laki-Vulkanspalte strömten über Monate hinweg riesige Mengen Lava und gewaltige Gas- und Aschewolken, die weite Teile der Nordhalbkugel verdunkelten. Ein Extremwinter, zwei ungewöhnlich kurze und kühle Sommer, Missernten und Hungersnöte waren die Folge. Hunderttausende verloren ihr Leben. In Frankreich verstärkten Hunger und astronomisch gestiegene Getreidepreise die sozialen Spannungen. Am 14. Juli 1789 stürmte das Volk von Paris die Bastille – Revolution! Am 21. Januar 1793 wurde Ludwig XVI. hingerichtet. Sein Henker war Charles-Henri Sanson, der gut 27 Jahre zuvor auch La Barre den Kopf abgeschlagen hatte. 1794, kurz nach dem Ende der Terrorherrschaft unter Robespierre, rehabilitierte der Nationalkonvent La Barre posthum. Er avancierte rasch zur Galionsfigur der französischen Säkularisten.

1905, im Jahr der völligen rechtlichen Trennung von Kirche und Staat, errichtete die Stadt Paris vor der Basilika Sacre Coeur auf dem Montmartre ein Denkmal, das – historisch nicht ganz korrekt – den gefesselten Chevalier auf dem Scheiterhaufen zeigte. Zwei Jahre später bekam auch Abbeville sein Ehrenmal. 1941 ließ das restaurative, mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime das Pariser Denkmal einschmelzen. In Abbeville entfernten Widerständler heimlich die Bronzetafel und versteckten sie in einem Bach. In Paris wurde im Februar 2001 eine neu geschaffene Statue am Square Nadar in Sichtweite von Sacre Coeur enthüllt. Am 22. Juni 2013 übersprühten Unbekannte die Inschrift der Gedenkstätte in Abbeville mit schwarzer Farbe und malten auf die Stele zwei schwarze Kreuze, sowie das Symbol der "Fraternité sacerdotale Saint-Pie-X". Die ultrakonservative Bruderschaft wurde 1970 von dem Traditionalisten-Bischof Marcel Lefebvre gegründet. Ihr erklärtes Ziel ist die "Rechristianisierung Frankreichs und Europas".

Am 1. Juli 2016, dem 250. Todestag des Chevalier de la Barre, legen Säkularisten Blumen und Kränze an den Mahnmalen in Paris und Abbeville nieder. Ein Grab hatte man dem jungen Mann verwehrt. Seine Asche wurde nach Vollstreckung des Terrorurteils in die Somme gestreut. Er war der letzte Mensch, der in Frankreich wegen Blasphemie hingerichtet wurde.



Autor: khs