Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

04. Mai 2012

Ukraine

Wer ist Julia Timoschenko?

Die ehemalige ukrainische Regierungschefin der Ukraine galt einst als Aushängeschild der orangefarbenen Revolution. Heute sitzt sie in Lagerhaft. Doch auch vor 2004 war die 51-Jährige umstritten.

  1. Julia Timoschenko Foto: dpa

Was mag in Julia Timoschenko in diesen Tagen der Lagerhaft und des Hungerstreiks vorgehen? Spürt sie nach ihrem Bandscheibenvorfall nur die marternden Schmerzen im Rücken? Oder lodert in ihr der Hass auf jene, die sie eingekerkert haben? Nicht auszuschließen ist auch, dass sich die sendungsbewusste 51-Jährige als Märtyrerin empfindet, die für das Schicksal ihres Landes leidet.

Julia Timoschenko galt schon 2004 als Jeanne d’Arc der orangefarbenen Revolution. Wie sich einst die heilige Johanna im Kampf für Frankreich gegen Bischöfe und Engländer empörte, so lehnte sich die mutige Ukrainerin gegen den von Russen und Oligarchen unterstützten Wahlfälscher Viktor Janukowitsch auf. Der heutige Präsident hat sie deshalb vor einem halben Jahr von einer willfährigen Justiz einsperren lassen. Dieses Bild zeichnen Timoschenkos Bewunderer.

Doch es gibt auch eine andere Version, die von einer raffgierigen und rachsüchtigen Egoistin handelt. Wer ist Julia Timoschenko wirklich? Die Bombenanschläge der vergangenen Woche haben die Aufmerksamkeit auf ihren ostukrainischen Geburtsort Dnjepropetrowsk gelenkt. Es ist eine öde Industriestadt, in der Julia vaterlos aufwächst und mit 19 Jahren den Armenier Alexander Timoschenko heiratet. Ein Jahr später kommt Tochter Jewgenija zur Welt, die ein Einzelkind bleibt. Die Familie erwirtschaftet sich mit einem Videoverleih ein kleines Grundkapital.

Werbung


Die Stunde der Timoschenkos schlägt nach dem Untergang der Sowjetunion. Alexander pflegt gute Kontakte nach Russland. Förderer aus der alten kommunistischen Nomenklatura protegieren seine schöne junge Frau. Das Ehepaar verdient im undurchsichtigen Erdölgeschäft schnell seine erste Million. Den Durchbruch bringen die Jahre 1995 bis 1997. Julia Timoschenko wird Chefin des Energieriesen EESU und steigt zur milliardenschweren "Gasprinzessin" auf. Sie zählt nun zum Kreis der berüchtigten Oligarchen, von denen es heißt, sie hätten sich während der Privatisierungen in den 90er Jahren das Volkseigentum der ehemaligen Sowjetrepublik mit Mafiamethoden unter den Nagel gerissen. "Jeder, der auch nur einen Tag in der ukrainischen Wirtschaft gearbeitet hat, könnte eingesperrt werden", sagt Timoschenko später über die Geschäftspraktiken jener Zeit.

Ihr eigenes System ist simpel. EESU importiert subventioniertes Gas aus Russland und verkauft es mit Milliardenprofiten zu Weltmarktpreisen weiter. Doch wohin fließen die Gewinne? In dem zweiten Prozess gegen Timoschenko, der kürzlich in Charkiw begonnen hat, geht es genau um diese Frage. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Steuerhinterziehung und Untreue in Höhe von 300 Millionen Euro vor. Echte Erkenntnisse wird das einseitige Verfahren, das im Präsidentenpalast von Janukowitsch gesteuert wird, kaum bringen.
"Die Mafia hat sich diesen Staat untertan gemacht."
Wladimir Malinkowitsch, Politologe
Feinde im Kreis der Oligarchen hat Timoschenko schon in den 90er Jahren. Um sich gegen strafrechtliche Verfolgung abzusichern, wechselt sie in die Politik und genießt als Abgeordnete Immunität – ein bis heute gängiges Verfahren in der Ukraine. Von 1999 bis 2001 ist sie einflussreiche Energieministerin. Doch am Ende hilft alles nichts.

Ihre Rivalen um den damaligen Präsidenten Leonid Kutschma leiten Timoschenkos Sturz ein. Sie muss von allen Ämtern zurücktreten und landet wegen der EESU-Geschäftspraktiken in Untersuchungshaft.

Was ist damals im Gefängnis geschehen? Timoschenko selbst berichtet von einer inneren Bekehrung. "Tagelang hielten mich Kutschmas Schergen gefangen. Ich habe gelernt, mich der Macht zu widersetzen", erzählt sie. Die zierliche, nur 1,60 Meter große Frau, die über Jahre hinweg Zehntausende Dollar für Designerhandtaschen von Louis Vuitton ausgegeben und ihre Millionen als "irgendwelche Ersparnisse" bezeichnet hat, wird zur Frontkämpferin der Opposition.

Timoschenko ändert auch ihr Äußeres. Das kastanienbraune Haar lässt sie blond färben und zum Haarkranz flechten, der auf manche wie ein Heiligenschein wirkt. Kritiker sprechen von einem Image-Gag. Ihre Anhänger sagen: "Damals hat sie der Oligarchie den Krieg erklärt."

Gemeinsam mit Viktor Juschtschenko stellt sie sich 2004 an die Spitze der orangefarbenen Revolution – und triumphiert. "Korruption und Abhängigkeiten müssen verschwinden", ruft sie den hunderttausenden Demonstranten auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz zu.

Doch in den fünf Jahren an der Macht gelingt es dem prowestlichen Lager nicht, demokratische Strukturen zu schaffen. Timoschenko und Juschtschenko zerstreiten sich bis aufs Blut. Juschtschenko, von 2005 bis 2010 Präsident, sagt: "Der größte Fehler meines Lebens heißt Julia Timoschenko."

In Wirklichkeit geht es in dem Streit nicht um Gut und Böse, Richtig und Falsch. Es geht um Macht und persönliche Eitelkeit. Juschtschenko wähnt sich als Retter der jungen ukrainischen Nation in einer historischen Mission. Um seine Politik durchzusetzen, bedient er sich der Oligarchen. Das Bündnis mit den Clans diskreditiert die Demokratie und verfestigt jenes System, von dem der Kiewer Politologe Wladimir Malinkowitsch sagt: "Die Mafia hat sich diesen Staat untertan gemacht." Und Timoschenko? Sie hegt und pflegt ihr eigenes Vermögen hinter den Kulissen. Auf offener Bühne ist sie jahrelang Premierministerin unter Juschtschenko. Doch für eine grundlegende Demokratisierung tut sie nichts. Der Kampf der ukrainischen Jeanne d’Arc erschöpft sich in persönlichen Rachefeldzügen. "Julia lebt nur noch im Kampf", sagen Freunde.

2009 schließt Timoschenko als Regierungschefin mit Russland einen Gasvertrag. Dabei bootet sie Dmytro Firtasch als Zwischenhändler aus. Der in der Moskauer Halbwelt groß gewordene Oligarch betreibt damals jene zwielichtigen Geschäfte, die Timoschenko einst bei EESU zur Gasprinzessin gemacht haben. Firtasch schäumt. Er finanziert die Partei der Regionen von Viktor Janukowitsch. Als der 2010 die Präsidentenwahl gegen Timoschenko gewinnt, fordert Firtasch den Kopf der Verliererin. Timoschenko weiß das. Doch sie verzichtet auf eine Flucht ins Ausland. "Ich werde aus der Ukraine nicht weglaufen", sagt sie.

Anderthalb Jahre später verurteilt ein Kiewer Gericht Timoschenko wegen des Gasvertrages mit Moskau zu sieben Jahren Haft, "ein Akt der Rachejustiz", wie die Europäische Union urteilt. Im Gefängnis erleidet Timoschenko einen Bandscheibenvorfall. Sie klagt über Misshandlungen. Selbst von Folter ist die Rede. "Sie hat starke Schmerzen", sagen die deutschen Ärzte, die sie untersuchen. "Und sie hat Angst vor Anschlägen auf ihr Leben." Was in Geist und Seele der eingekerkerten Oligarchin vorgeht, wissen die Mediziner nicht.

Autor: Ulrich Krökel