Saint-Paul-les-Durance

In Südfrankreich entsteht der Versuchsreaktor Iter

Stefan Brändle

Von Stefan Brändle

Do, 08. Dezember 2016

Ausland

    In Südfrankreich entsteht der Versuchsreaktor Iter, in dem Atome nicht gespalten, sondern fusioniert werden / Umweltschützer sprechen von einem Milliardengrab .

In der schönen Provence, zwischen Olivenhainen und Cézanne-Landschaften, wärmt die Sonne auch im November. Nur die gigantische Baustelle will nicht so recht in das malerische Dekor passen. Erdreich vom Volumen der Cheops-Pyramide wird derzeit von tausend Arbeitern in einer Talmulde ausgehoben. An einer quaderförmigen, 60 Meter hohen Montagehalle erklärt eine Aufschrift, was das Ganze soll: "Die Sonnenkraft auf die Erde bringen."   Daneben, genauer gesagt ein paar hundert Treppenstufen darunter, auf dem Grund eines riesigen Kraters, wo die Sonne nicht hinkommt, breitet Baustellenführerin Julie Marcillat die Arme aus: "Wir befinden uns im Herzen eines Projektes, das die Zukunft der Energie sichern kann. Es ist sehr aufregend, dafür tätig zu sein." Das Projekt heißt "Internationaler thermonuklearer Versuchsreaktor" (Iter) – und die Idee dahinter ist die Kernfusion.

Sie meint nicht die Kernspaltung, die in den heutigen Atomkraftwerken viel radioaktiven Abfall und Unfälle produziert, sondern das physikalische Gegenteil davon: Energiegewinnung durch die Verschmelzung zweier Atomkerne, von Deuterium und Tritium zu Helium. "Und Helium können Sie in die Luft ablassen, das ist ungefährlich und auch kein Treibhausgas", sagt Marcillat.  

Das Problem liegt anderswo, wie die Südfranzösin bereitwillig erklärt: Die beiden Atomkerne vereinen sich nicht freiwillig. Ein Mittel ist die Erhitzung auf mehr als 150 Millionen Grad. Nicht 150 Grad, auch nicht 150 000 Grad, sondern 150 Millionen Grad, heißer als in der Sonne. Und der Sonne haben die Physiker, die auf Prometheus’ Spuren wandeln, das Ganze auch abgeschaut. Deren Energie wird bei solchen Fusionen freigesetzt – Iter soll den Prozess nachahmen.

Wissenschaftler sehen in

Iter kein Risiko für die Umwelt

Ziel ist es, die Atomkerne in einem Tunnelring von 15 Meter Durchmesser auf einer geordneten Kreisbewegung zu behalten. Und das, ohne dass sie die Tunnelwände berühren, denn die würden im Nu schmelzen. Ein ausgetüfteltes System von teilweise 16 Meter hohen Magnetspulen soll die Kerne in der Mitte des "Schwimmrings" halten.   Das physikalische Gleichgewicht ist labil. Eine Katastrophe wie in Tschernobyl oder Fukushima sei trotzdem ausgeschlossen: Die Kernfusion produziert keine Kettenreaktion und müsste bei einem Störfall nicht einmal gestoppt werden: Sie bricht von selbst ab. Die Iter-Planer leisteten sich sogar den Luxus, die Anlage in einer Erdbebenzone zu bauen, obwohl es in Frankreich genug andere Gebiete gäbe.

Außerdem soll im Iter sehr wenig Atommüll entstehen: Das in geringen Mengen verwendete Tritium hat eine Halbwertszeit von zwölf Jahren, der gelegentliche Ersatz bestrahlter Reaktorwände sorgt auch nicht gerade für große Abfallmengen. "Atomare Endlager werden damit überflüssig, Evakuierungspläne ebenfalls", sagt Neil Mitchell, der britische Leiter der Magnetspulen-Abteilung beim Iter-Projekt.

Die große Schwierigkeit besteht eher in technischer Hinsicht: Um die erhitzten Atomkerne im Gleichgewicht und auf Abstand von den Schutzwänden zu halten, ist eine Anlage mit gewaltigen Ausmaßen nötig – in normalgroßen Labors ist den Physikern des deutschen Max-Planck-Instituts oder des amerikanischen Rüstungskonzerns Lockheed die Kernfusion noch nie länger als ein paar Minuten gelungen. "Die Entwicklung der Kernfusion überfordert ein einzelnes Land", erklärt Mitchell.  

Evgeny Velikhov (81), der Doyen der russischen Kernfusionsforschung, erzählt beim Mittagessen in der Iter-Kantine, wie seine Mitarbeiter das Tunnelring-Modell "Tokamak" in den sechziger und siebziger Jahren entwickelt hätten. Sie hätten schnell realisiert, dass sie den Bau der Anlage nicht allein stemmen konnten. Deshalb habe der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow seinem US-Kollegen Ronald Reagan bei einem Gipfeltreffen im Jahr 1985 den gemeinsamen Bau eines Versuchsreaktors vorgeschlagen.

Später schloss sich dann noch der französische Präsident François Mitterrand an, gefolgt von Euratom, einem Verbund aus 28 europäischen Ländern inklusive Deutschland, später auch China, Japan, Südkorea und Indien. 2006 gaben sie vereint den Startschuss für den Iter-Bau in Cadarache.

Als Budget waren ursprünglich 5,5 Milliarden Euro veranschlagt. Wenige Jahre später, als in Cadarache noch nicht viel mehr als eine Umzäunung des 180-Hektar-Geländes stand, hatten sich die Kosten bereits verdreifacht. "Schuld waren vor allem Wertberichtigungen und Rohstoffpreise", rechtfertigt sich Laurent Patisson, der technische Bauleiter.

Auf der riesigen Baustelle erzählt man sich, die beiden ersten (japanischen) Iter-Chefs hätten die Übersicht über die komplexe internationale Kooperation verloren. Patisson beteuert, dass heute die Ausgaben unter der neuen französischen Leitung mit eiserner Hand kontrolliert würden.   Doch die Kosten – mittlerweile bei fast 20 Milliarden Euro angelangt – hängen von der Bau- und Entwicklungsdauer ab.

Mitte November hat der Iter-Aufsichtsrat in Cadarache den Zeitplan festgelegt: 2025 soll erstmals Plasma in den Vakuumring einlaufen, 2035 ein erstes Gramm Deuterium-Tritium. Neue Verzögerungen – und damit höhere Kosten – sind nicht auszuschließen, ja wahrscheinlich. Allein der Transport von bis zu 600 Tonnen schweren Bestandteilen aus Indien, Russland oder Japan lässt noch viele Fragen offen, obschon die Franzosen dafür vom Hafen in Marseille aus eine breite, 100 Kilometer lange Straße gebaut oder verbreitert haben. Und wohlgemerkt: Iter ist nur ein Versuchsreaktor. Er soll beweisen, dass die Kernfusion bei Eingabe von 70 Megawatt Strom – vor allem zur Erhitzung – fast zehnmal mehr Energie, nämlich 500 Megawatt, produziert. Bis 2050 scheint jede kommerzielle Nutzung ausgeschlossen.

Die Gegner glauben ohnehin nicht daran. Das sei ein "Milliardenloch der nuklearen Dummheit", moniert die Umweltschutzorganisation Greenpeace. "Das Geld würde besser in die Entwicklung und Produktion erneuerbaren Energien gesteckt, als in eine Risikotechnologie mit ungewissem Ergebnis."

Der Chefingenieur von Iter, Günter Janeschitz, entgegnet, für die 34 Mitgliedstaaten seien die Iter-Kosten verkraftbar; sie lägen niedriger als die der internationalen Raumfahrtsstation ISS. "Können wir uns leisten, diese neue Energieform nicht zu versuchen?", fragt der Österreicher in seinem Büro mit Blick auf die Provence-Idylle.

Dann projiziert er eine Grafik der deutschen Energieträger im Jahr 2015 an die Wand. Auf Öl und Gas entfallen 55 Prozent, auf Sonne und Wind 3,5 Prozent. "Fossile Brennstoffe werden nie ganz durch die Erneuerbaren ersetzt werden können. Kohle- und Atomkraftwerke sind aber heute unerwünscht. Was bleibt? Die Kernfusion."

Dass deren Machbarkeit im großen Maßstab noch unbewiesen ist, lässt Janeschitz nicht gelten: "Technisch ist das keine Hexerei. Es hängt vom politischen Willen ab: Mit dem nötigen Kapital ist der Bau eines Fusionsreaktors in zwei Jahrzehnten möglich."

Der politische Wille scheint aber nicht überall gewährleistet. In Deutschland erforschen Physiker, die als weltweit führend gelten, die Kernfusion zwar seit einem halben Jahrhundert. Zudem erwartet die deutsche Industrie wie alle Euratom-Länder Großaufträge aus Cadarache. Doch die grüne Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl forderte im Bundestag 2015 einen Austritt aus dem Euratom-Verbund, der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel äußerte Verständnis für ihr Anliegen.

Er fügte aber auch an, dass ein Austritt aus dem EU-Verbund völkerrechtlich kaum machbar sei. Sein Ministerium kam in einem Positionspapier zum Schluss, dass sich Deutschland alle Optionen offenhalten solle. Die Bundesregierung unterstützt den Bau des Iter also weiter. Deren Pressesprecherin Sabina Griffith sagt in Cadarache: "Wir würden uns über einen Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel freuen."