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04. September 2010

Das Auge trinkt mit

Eine Retrospektive im Keramikmuseum Staufen zeigt die Werke von Renate und Hans Heckmann aus Schwäbisch Hall.

Die Töpferei Heckmann in Schwäbisch Hall existiert in der vierten Generation. 1996 feierte man 100-jähriges Bestehen; da hießen die Inhaber noch Renate und Hans Heckmann. Aber auch wenn sie die Werkstatt zwischenzeitlich an Sohn Michael übergeben haben, setzten sie sich danach keineswegs zur Ruhe. Ein Künstlerdasein kennt keine Pensionsgrenze; Künstler ist man sein Lebtag, oder man war es nie.

Renate und Hans Heckmann sind es ohne jeden Zweifel, auch wenn sich ihre Produktion weitestgehend auf Gebrauchskeramik beschränkt. Auch ein Nutzgegenstand nämlich kann, so er als Gestalt- und Farbschöpfung über die reine Gebrauchsfunktion sowie die formale Konvention hinausreicht und darin etwas über den Menschen als geistig-sinnliches Wesen offenbart, ins Künstlerische ragen. Die Geschirre, Fliesen und Kachelöfen der Heckmanns zumindest sind in einem höheren Maß Kunstwerke als so manche freie Schöpfung in Ton, die unterm Label "künstlerische Keramik" läuft und sich als Skulptur geriert.

Hans Heckmann lernte in den frühen Fünfzigerjahren bei seinem Vater noch das klassische Hafnerhandwerk – das Drehen von Gebrauchskeramik wie Schüssel und Krug. Später studierte er gemeinsam mit Renate Heckmann bei Hubert Griemert in Höhr-Grenzhausen. Seit 1965 – im selben Jahr heirateten sie – arbeiten die Beiden jetzt in der Haller Werkstatt zusammen. Während Hans Heckmann Geschirr und Gefäße in klassischer Weise dreht, montiert Renate Heckmann ihre Gefäße, Reliefs und Wandfliesen. Die Glasuren aber entwickeln sie gemeinsam. Dominierten anfangs Asche-, Lehm- und Feldspatglasuren in erdigen Naturtönen, so kombinieren sie seit längerem verschiedenfarbige Feldspatglasuren. Gebrannt wird oxidierend bei 1300 Grad Celsius im Elektroofen.

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Die ausnehmend schöne Retrospektive im Keramikmuseum Staufen gibt jetzt einen Querschnitt durch mehr als vierzig Jahre gemeinschaftliche Produktion. Und der Besucher weiß nicht, wohin er den Blick zuerst richten soll: zu den frei aufgebauten, originell geformten Unikaten von Renate oder den traditioneller anmutenden gedrehten, nicht selten in Serie entwickelten Keramiken von Hans Heckmann. Wobei, noch einmal sei’s gesagt, jede einzelne Keramik dank der Glasur immer auch ein Gemeinschaftswerk ist. Auch Hans Heckmanns Seriengeschirre besitzen dank leichter Abwandlungen übrigens Unikat-Charakter.

Exquisit gleich die allerersten, aus der Frühzeit stammenden Stücke der Schau. Schlicht "Gefäß" heißt ein gebautes Steinzeug von 1965 mit schwarzgrüner Feldspatglasur: eine zur Kastenvase tendierende Form, die auf der schmalen Oberseite fünf aneinander gereihte rechteckige Öffnungen aufweist – so kann jede Blume einzeln zur Geltung kommen. Vier Jahre später entstand das "Vasenobjekt", eine scheibenförmig gebaute Kreation mit milchig-weißer und brauner Glasur und drei Öffnungen; ein dreiteiliges, hell glasiertes Röhrengefäß stellt eine Art Vasenensemble dar. All diese Gefäße von Renate Heckmann und andere mehr zitieren das Formenrepertoire des Organischen. Eine Schale, gebaut mit Scheiben, die wie aus Blütenblättern übereinander gesetzt sind, etwa lässt an eine Teichblume denken. Nicht minder überzeugt ein eher traditionell geformtes becherartiges, gebautes Gefäß von 2007. Bekanntlich trinkt das Auge mit – und Köstliches wird dem Blick hier eingeschenkt.

Von nicht geringerer Qualität sind Hans Heckmanns gedrehte Gefäße – ob seine "Schale auf hohem Fuß" mit exquisitem Feldspat-Ascheglasurlauf in Blau-Rosé-Beige oder zwei dünnwandige, konisch zulaufende Schalen mit Mattkristallglasur. Eine bauchige Schale mit gleicher Glasur spielt in Rosttönen. Rustikal die kugelförmige Vase mit zwischen Hell-Dunkel changierendem verschwenderischem Feldspatglasurlauf. Von vollendeter dezenter Eleganz dagegen die Kugelvase mit dunkelbrauner Lehm- und Feldspatglasur mit Ölflecken.
– Keramikmuseum Staufen, Wettelbrunnerstr. 3. Bis 28. November, Mittwoch bis Samstag, 14–17 Uhr, So 11–13 Uhr, 14–17 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz