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02. Dezember 2010

Schöne Bruchstücke und wilde Geister

KUNSTRUNDGANG: Regionale in der Kunsthalle Palazzo Liestal, im Kunsthaus Baselland und der Hegenheimer Kulturfabrik.

Einen "Glücksvorrat" hat die Baslerin Monika Dillier angelegt und breitet ihn im Rahmen der Regionale jetzt in der Kunsthalle Palazzo in Liestal aus. Zunächst ganz dem Zeichnen verschrieben, ist die Künstlerin in den letzten Jahren zur Arbeit mit leuchtend vielfarbigem Glas gekommen, das ihr zum Ausgangspunkt fantasievoller Skulpturen gerät. Die Vergänglichkeit des gelegentlich hauchdünnen Grundmaterials hat sie jetzt mit dem Sprichwort "Scherben bringen Glück" kombiniert und präsentiert eine schillernd scharfkantige Auswahl ihrer schönsten Bruchstücke.

"Eine schöne Ausstellung" hat Kuratorin Andrea Domesle diesmal schon im Titel bewusst angelegt, um, wie sie sagt, Positives zu mobilisieren. Die Ausstellung ist mit 14 Künstlerinnen und Ensembles nicht nur komplett schweizerisch, sondern auch vollständig weiblich geraten. Einen möglichst breiten Überblick will die Ausstellung dennoch geben. Neben neuen Impulsen finden sich deshalb auch altbekannte wieder, so etwa die, unter anderem für die Basler Rheinbrücken-Helvetia verantwortliche Bildhauerin Bettina Eichin oder das unvermeidliche Trio Muda Mathis, Sus Zwick und Fränzi Madörin.

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Mathis und Zwick begegnen dem Besucher auch in Muttenz im Kunsthaus Baselland wieder. Hier hat Direktorin Sabine Schaschl sich erstmals, wie sie sagt, "den Luxus erlaubt, einen Kurator zu beauftragen", den Künstler Eric Hattan. Der Initiator des temporären Kunstprojekts "Filialebasel" ist sich der Zweischneidigkeit des selbst Produzierens und Vermittelns bewusst und nennt sein Ausstellungskonzept offen "radikal subjektiv". Selbstverständliches bekommt da einen eigenen Sockel. Muss doch jede Ausstellung, die auf sich hält, die klare Handschrift des oder der dahinter Stehenden tragen. Der elften Regionale, an der sich 15 Häuser zwischen Straßburg und Liestal beteiligen, kommt es zugute, dass sie diesen Umstand stärker als bisher berücksichtigt.

In Muttenz sind jetzt unter anderem sowohl die wilden Kunstgeister des Teams von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger zu sehen, als auch die schönen aber nur halbperfekten Wandreliefs von Peter Brunner-Brugg. Dessen komplizierte Formationen schmücken einerseits mit edlem Konstruktivistengestus farb- und feldgenau größere Wandflächen, andererseits eigenen sie sich zum modernen "Memento Mori", ist doch die Brunner-Brugg’sche Kunst, da aus Karton und Wellpappe zusammengesetzt, von endlicher Schönheit. Verspielt wird es dagegen bei Steiner/Lenzlinger, die mit ihrem "Handygott", einer afrikanischen Maske mit Mobiltelefonen anstelle von Haaren und dem halben, von der Decke herab hängenden Hausgeist aus Geweihteilen, Knochen, Plastikfiguren und anderem an die morbiden Assoziationen Jean Tinguelys erinnern.

"Fabriquer. Creer. Entwickeln. Erfinden. Chercher. In sich sehen": Die Ausstellung in der Hegenheimer Fabrikculture erinnert sich verglichen mit den beiden Vorgenannten am stärksten an die Position der Regionale als einer nicht nur über Gattungs- sondern auch über Landesgrenzen blickenden Ausstellung. Auch hier war mit dem Franzosen Clément Stehlin ein Gastkurator am Werk, der sich schon im Titel bewusst über die Sprachgrenzen hinaus beugt und auch bei der Auswahl der Künstler auf mehr deutsch-französisch-schweizerische Ausgeglichenheit geachtet hat. Manche Künstler folgen dem Gast aber auch hier über die Schwellen. So trifft man im Südelsass etwa auch wieder auf Monika Dillier.

Weltbilder stehen daneben in der Kulturfabrik ausdrücklich im Mittelpunkt, wobei der Blick ins Innere dieselbe Gültigkeit hat, wie jener nach draußen. Der Straßburger Nicolas Schneider kehrt hier Realitäten doppelt um. Muss die Abbildung etwa einer Landschaft ansonsten vom großen ins kleine Format transferieren, so nimmt der Franzose jetzt kleine und kleinste Skizzen zur Vorlage für seine Bilder. Die Blätter können, wie etwa bei den "Inondations" auf großflächige Perspektiven von überflutetem Gelände, aber ebenso gut auch auf einen Gedanken oder das Spiel mit einem Wassertropfen zurückgehen. Die kleinen Gedankenstützen überträgt der Künstler später, die Reduktion nur vergrößernd, wieder auf große und sehr große Formate.


– Regionale bis 2. Januar: Fabrikculture, 60, rue de Bâle, F-Hégenheim, Fr-So 11-18 Uhr; Kunsthaus Baselland, St.Jakob-Straße 170, CH-Muttenz, Di 11-20, Mi 14-20, Do-So 11-17 Uhr; Kunsthalle Palazzo, Bahnhofsplatz, CH-Liestal, Di-Do 14-18, Fr-So 11-17 Uhr.

Autor: ama