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17. August 2012

Afrikanische Kunst in der Kunsthalle Baden-Baden

Die Kunsthalle Baden-Baden zeigt die afrikanisch-stämmige Künstlerin Wangechi Mutu.

Geboren ist Wangechi Mutu in Nairobi. 1991 ging sie, noch keine zwanzig, zum Kunststudium nach Wales. Ein paar Jahre später ließ sie sich in New York nieder, ihrem heutigen Wohnsitz. Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat die amerikanische Künstlerin somit fern der Heimat verbracht, und man sollte meinen, dass der Grad der "Verwestlichung" bei ihr ein hoher ist, doch auf ihre künstlerische Arbeit trifft das keineswegs zu. Vielmehr bedient Wangechi Mutu auf geradezu entwaffnende Weise alle Klischees, die ihre kenianische Herkunft in der Phantasie des Rezipienten aufruft: Farbenfroh ist ihre Kunst, phantasievoll und in hohem Maß exotisch.

Mit fünf saalfüllenden Installationen und gut zwei Dutzend teils großformatigen Mixed-Media-Collagen gibt die Kunsthalle Baden-Baden jetzt einen Überblick über ihr Schaffen der vergangenen zehn Jahre. Die Bildsprache der Arbeiten zeigt den Einfluss von Mode und Musik; das thematische Spektrum ist breit. Es geht um Sex und Gender, Krieg – nicht zuletzt den der Geschlechter – und Tod; auch um Geschichte und Politik. Ein zentrales Motiv ist der verwundbare menschliche Körper.

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Düstere Atmosphäre
archaischer Gewalt

Der Besucher der Schau betritt eine fremdartige Welt. Gleich eingangs des Parcours empfängt ihn im großen Saal eine raumgreifende Installation, auf der der Schatten von Gewalt liegt. Ein durch Bretterwände und einen Vorhang begrenzter, durch Glühbirnen mit geringer Wattzahl an der Decke schummrig beleuchteter Raum: Der Blick fällt auf ein links nahe der Türöffnung an der Wand hängendes Ensemble aus Tierfellen und -häuten. Rechts erstreckt sich ein langer Holztisch. Darüber sind an der Decke Flaschen mit dem Hals nach unten aufgehängt, aus denen rote Flüssigkeit tropft; um die Flaschen winden sich spiralförmig Streifen von Tierfellen. Dunkle Flecken haben sich auf dem Tisch gebildet: Blutlachen? Der Boden ist von gewölleartig verfilztem Haar bedeckt. Man wähnt sich in der schauerlichen Behausung eines psychopathischen Wildtöters.

Und so wie dieser Raum von einer düsteren Atmosphäre archaischer Gewalt erfüllt ist, kehrt Gewalt in weiteren Installationen und auch den Collagen wieder. "Blood Water", eine Wandmalerei in Farbe, Kreide und Tusche auf Wandeinkerbungen, führt sie implizit bereits im Titel. In der Collage "Meet Grind" sind einem Stück rohen Fleisches Beine gewachsen: vergebliche Flucht. "Epiglotus II", eine Collage aus Tusche, Farbe und Perlen auf Röntgenpapier, konfrontiert zwei surreale Wesen mit marderartigem Schädel und gefletschten Zähnen; ein "Bunny" sitzt in der gleichnamigen Installation mit leicht abgewendetem Kopf vor dem aufgerissenen Maul eines Raubtiers. Und andernorts erhebt sich eine "Drunk Palm" auf Giraffenbeinen über wolkigem Grund, unterhalb dessen ein Löwe eine Antilope reißt.

Es ist das Gesetz der Wildnis, das in diesen und anderen Arbeiten herrscht, deren Signatur Kampf und Gewalt ist. Vergleichbar der Attacke überdimensionaler Insekten auf eine mit Leopardenfell in Gesicht und Rumpf bewehrte Schwarze in der großformatigen Collage "Humming" erfährt der Besucher die Konfrontation mit einer Rauminstallation in der Mitte des Parcours selber als fast physischen Angriff. Ein ganzer Saal ist dort von Stühlen bevölkert, deren Beine so hoch sind, dass sie zu Hochsitzen mutieren. Im Verein mit der schwarzen, haarigen Verkleidung der Gebilde lösen die stelzenartigen Stuhlbeine eine Empfindung aus, als irrte man zwischen riesigen Spinnenbeinen umher.

In den Collagen kehrt das Gewalt-Motiv auf technischer Ebene wieder: als Zerstückelung. Aus Modezeitschriften und Hochglanzmagazinen schneidet Wangechi Mutu menschliche Körperpartien, aber auch Fragmente von Tieren und technischen Produkten aus und montiert die Partikel in monströs anmutenden Assemblagen zu hoch expressiven, zwischen Mensch und Zombie wechselnden Bildungen. "The Ark Collection" entfaltet dann in kleinformatigen Collagen eine schier unerschöpfliche Variationsfülle verfremdeter menschlicher Figuren, deren verbindendes Merkmal eine ins Androgyne driftende Weiblichkeit und deren Signatur Sex ist. Der Assemblage-Charakter, die Kombination des Verschiedenartigen zu neuen Bildungen, verströmt hier sogar so etwas wie einen Hauch von Freiheit. Doch am Ende des Parcours betreten wir einen Raum, in dem an langen Fäden seltsame Gebilde von der Decke hängen. Wie ein Ensemble schwebender Gehirne wirkt das. Eine surreale Räucherkammer, ein Sinnbild des Raubtierkapitalismus in all seinen Wesenszügen: Fetischisierung der Ware, Verdinglichung, Akkumulation – und die vollkommene Absenz von Moral.
– Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden. Bis 30. September, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz