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15. Mai 2015

Alles beeinflusst alles

Martin Dornbergs und Daniel Fetzners "Parasitäre Ökologien" im Freiburger Kulturwerk T 66.

Was sind "Parasitäre Ökologien", die Martin Dornberg und Daniel Fetzner derzeit im Freiburger Kulturwerk T 66 beschwören? Dazu beginnt man am besten beim Turm der Galerie und betrachtet ihn als Beispiel für einen Wirt und seinen Nutznießer. Gebaut wurde er ursprünglich nach den Wünschen des Glasmalers Fritz Geiges, der dort unter anderem Fenster des Freiburger Münsters restaurierte. Die Fassade des Turms ist mit einem Christophorus dekoriert. Mit dieser Außenwanddeko dockt sich also Klerikales an ein Künstleratelier an, während die Heiligenfigur wiederum mit Kanonenkugeln gespickt ist.

Wenn man jetzt an dem Punkt ist, darüber nachzudenken, wie sich Krieg, Glauben und Kunst, Militär, Klerus und Künstler gegenseitig parasitieren, ist man mitten drin in den komplexen Austauschvorgängen von Dornbergs und Fetzners "Parasitären Ökologie". Selbst Nutznießer des Kulturwerks, geht es ihnen nicht um analytisch produzierte Fiktionen von klar umgrenzbaren Einheiten oder eindeutige Erklärungen, sondern um fließende Übergänge, gegenseitige Beeinflussung, unklare Steuerungsverhältnisse, Metamorphosen und Interferenzen von Vielheiten.

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Herkömmliches Wissen erkauft seine Macht, Welt in Teilen beherrschbar und verwertbar zu machen, mit dem simplifizierenden Ausblenden alles Störenden. Dornberg und Fetzner rücken dagegen gerade die Störung in den Fokus. Sie wollen eine unterkomplexe Wahrnehmung, die sich nur durch die selbstergriffene Entscheidungsmacht darüber legitimiert, was funktioniert und was nicht, zu einer nichtausgrenzenden, nicht aussortierenden Weltwahrnehmung öffnen. Wie das geht, will die Ausstellung in einem "Experimentalsystem" erfahrbar machen.

Dazu werden im ersten Stock, dem "Labor", eine Ameisenkönigin und zwei Arbeiterinnen samt Brut gefilmt und auf die Wand projiziert. Die Bewegungen der Ameisen rufen vorgefertigte Soundcluster (Ephraim Wegner) aus dem Computerraum im Erdgeschoss ("Infektion" genannt) ab und steuern die Kontraktionen dreier künstlicher Muskel, die draußen die Äste einer imposanten Eiche kaum merklich zusammenziehen. Diese beeinflussen den Blick einer Kamera, die durch die Äste ein Plakat an der Turmfassade mit buntem Interferenzmuster filmt. Diese Bild ersetzt einen bestimmten Farbwert der Ameisenprojektion im "Labor". Das Gesamtensemble wird wiederum von einem Kurzwellensender aus Indien überlagert, weil das Freiburger Experimentalsystem die Überlagerung einer ähnlichen Intervention in einem Insektenlabor im indischen Bangalore ist.

Während in der zweiten Etage mit Videoscreenings, Lesungen, Perfomances und Seminaren munter weiter Schicht um Schicht, Intervention um Intervention hinzugefügt wird, und von interferierenden Blickachsen und dem Verhältnis Mensch – Tier noch gar nicht die Rede war, werden die einen vielleicht schon überfordert "Hilfe!" rufen, während andere abgeklärt darauf verweisen, dass jedes computergekoppelte Experimentalsystem auch nichts anderes ist als ein erweiterter Rechner. Beides, Überforderung und Versteheritis, sind verständlich, können aber die Infektion nicht verhindern. Einmal geöffnete Pforten der Wahrnehmung lassen sich nicht so einfach wieder zuknallen. Untrügliches Symptom ist, dass man an der vom künstlichen Muskel befallenen Eiche auch die angebrachte "Naturdenkmal"-Tafel und die Tatsache, dass sie vor Jahrzehnten mal vom Papst gesegnet wurde, parasitär zu denken beginnt. Statt der eingangs gestellten Frage, was "parasitäre Ökologien" sind, fragt man sich plötzlich eher, was denn "Nicht-parasitäre Ökologien" sein sollten. Als erste Maßnahme um damit zurechtzukommen, sei nachdrücklich die Lektüre der hervorragenden Ausstellungszeitung empfohlen.
– Bis 22. Mai im T 66, Talstr. 66, Freiburg. Infos: http://buzz.metaspace.de

Autor: Jürgen Reuß