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21. November 2012

Aspirin und Strapaze

"Comics Deluxe!": Die Geschichte des Magazins "Strapazin" im Basler Cartoonmuseum.

Bis in die Achtziger Jahre hinein war die deutschsprachige Comicszene eine trostlose Wüste: Während in Frankreich oder den USA die Comics längst die Schmuddelecke der Kinderzimmer verlassen und sich zu einer Kunstform für Erwachsene gemausert hatten, regierten bei uns noch Mickymaus und Fix und Foxi. Dann aber leiteten die Zürcher Jugendunruhen und die Punkbewegung auch hierzulande eine ästhetisch-politische Wende ein. Zum Zentralorgan der deutschen Comic-Revolution wurde das 1984 in München nach dem Vorbild von Art Spiegelmans "RAW" gegründete Magazin "Strapazin", das sich schon im Namen als Dreigestirn aus Magazin, Aspirin und Strapaze positionierte.

Natürlich war man schon nach der ersten Nummer pleite, aber der Umzug von München nach Zürich brachte die Rettung. Heute ist "Strapazin" eine Legende, ein immer noch brodelndes Labor für tollkühne Experimente, Schaufenster für die Stars der Comicszene und Sprungbrett für junge Talente, schul- und stilbildend für ähnliche Projekte von Südafrika bis China.

Das Basler Cartoonmuseum zeichnet jetzt in der Ausstellung "Comics Deluxe!" die bald dreißigjährige Geschichte des Magazins in drei Etappen nach. In den Achtziger Jahren arbeiteten die Pioniere der "Zürcher Schule", Zeichner wie Thomas Ott, Peter Bäder oder Andrea Caprez, an der Auflösung der erzählerischen Strukturen und der Panel-Geometrie. Die Bildsprache war spätexpressionistisch düster, surreal, schwarzweiß, die Themen: Krawall, Randgruppen, Alltagshorror, Moritaten aus dem Underground.

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Professionalisiert, aber nicht dem Mainstream ausgeliefert

In den Neunzigern, nach dem Fall der Mauer, bliesen DDR-Zeichner wie Atak und Anke Feuchtenberger mit ihren Anleihen bei der sowjetischen Grafik und dem osteuropäischen Märchenfilm frischen Wind in die erstarrte Formensprache; dass sie von der westlichen Comictradition abgeschnitten waren, erwies sich als Vorteil. Feuchtenberger etwa mischte mit ihren feministisch inspirierten Bildern die bis dahin männliche dominierte Comicszene auf. Martin tom Dieck machte sich einen Namen als psychedelische Höllenbreughel, M.S. Bastian als radikal avantgardistischer Amokläufer, Anna Sommer experimentierte mit farbigen Scherenschnitten und bittersüßen, poetisch-assoziativen Bildgeschichten.

Im vergangenen Jahrzehnt schließlich erlebten die narrativen Formen ein Comeback: "Strapazin"-Autoren wie Andreas Gefe, Sascha Hommer, Ulli Lust oder die Baslerin Kati Rickenbach waren federführend beteiligt am Siegeszug der Graphic Novels und "erzählenden Bilder" (so Museumsleiterin und Co-Kuratorin Annette Gehrig) bis hinein in die Galerien, Feuilletons und Designerstudios.

So wurde aus Trash und Agitprop Kunst, Werbegrafik, Buchillustration; fast alle "Strapazin"-Autoren der ersten Stunde sind heute Kunsthochschullehrer. Das Vierteljahresmagazin hat sich professionalisiert, aber nicht an den Mainstream ausgeliefert. Es wird immer noch von einem Herausgeberkollektiv selbstverwaltet; die Typografie ist so strapaziös wie eh. "Wir kümmern uns nicht um die Leser", sagte "Strapazin"-Mitbegründer und "Edition Moderne"-Verleger David Basler bei der Ausstellungseröffnung stolz.

Erstaunlicherweise funktioniert das bis heute. Dank 5000 treuen Käufern und einer genialen Geschäftsidee – die künstlerisch gestalteten Inserate werden als Aufkleber verkauft – kann sich "Strapazin" heute sogar ein 300-Quadratmeter-Atelier mitten in Zürich leisten.

– Cartoonmuseum Basel. St. Alban–Vorstadt 28. Bis 30.März. Di–Fr 14–18 Uhr
Sa/So 11–18 Uhr.

Autor: Martin Halter