Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. Juni 2016

Kunst

Das Haus für elektronische Künste in Münchenstein zeigt Werke von Rafael Lozano-Hemmer

Die Besucher der Ausstellung werden aktiver Teil der Kunst.

Eben erst ist die Aufforderung zum Berühren "Prière de toucher" im Basler Museum Tinguely verklungen, da ruft das Haus für elektronische Künste (HeK) in Münchenstein zum Mitmachen auf. War das Berühren im Tinguely von einigen Ausnahmen abgesehen aber noch im übertragenen Sinne und als Umkehrung des Gewohnten gemeint, geht der mexikanisch-kanadische Künstler Rafael Lozano-Hemmer, dessen Werke das HeK auf dem Dreispitz präsentiert, einen Schritt weiter. Ob sie ihren Fingerabdruck auf der raumgroßen Installation "Pulse Index" (2010) hinterlassen, in "Microphone" (2008) über ein modifiziertes Mikrophon in virtuellen Kontakt mit vorherigen Nutzern treten oder sich "Redundant Assembly" (2015) via Gesichtserkennung aus mehreren Perspektiven aufnehmen und gegebenenfalls vermischt mit anderen wiedergeben lassen: Die Ausstellungsbesucher werden aktiver Teil der Kunst.

An- und Abwesenheit kommen in der Ausstellung, die den Titel "Preabsence" (Vorabwesenheit) trägt, zusammen, vor allem aber stehen Totalüberwachung im öffentlichen Raum und die allgegenwärtig hinterlassenen Spuren zur Diskussion. Wer seinen Fingerabdruck im Pulse Index hinterlässt, dessen Herzfrequenz wird gleich mit aufgezeichnet und an die Wand die Wand projiziert. Fitness-Tracker, Puls-, Gewichts-Apps und vieles mehr lassen grüßen – was es heute noch nicht gibt, gibt es morgen. Biometrische Passbilder und Erkennungsverfahren stehen ihrerseits im Focus. George Orwells 1949 erschienener Roman über den totalitären Überwachungsstaat der Zukunft stand Pate bei "1984x1984", einer wandfüllenden Projektion, bei der Lozano-Hemmer willkürlich ein buntes Raster aus per Google Street View aufgenommenen Hausnummern zugrunde legt. Stellt sich ein Besucher ins Bild, erscheint seine Silhouette und die Nummern zählen sich in diesem Rahmen selbsttätig und in einer dauernden Zeitschleife durch bis 1984.

Werbung


An die erst 2014 in Mexiko von Polizei und Militär verschleppten und nach aller Wahrscheinlichkeit ermordeten Studenten erinnert "Level of Confidence" (Maß des Vertrauens) von 2015. Auch hier wird wieder mit einer Gesichtserkennung gearbeitet, die die Physiognomien der Besucher auf mögliche Ähnlichkeiten mit den Verschwundenen untersucht und die Übereinstimmung in Prozentzahlen auswirft. Spielt da auch die Wahrscheinlichkeit mit, selbst Opfer zu werden? Vergleichbare Arbeiten, die einerseits die konkrete Erinnerung aufrechterhalten und andererseits das vielfältige Verschwinden, Vertuschen, Foltern und Morden auf der ganzen Welt anklagen, kommen vielfach vor im Werk des Künstlers. Gleich beim Eintritt in die Münchensteiner Ausstellung, die nicht mehr als elf Werke und Installationen zeigt, zieht ein umgekehrtes Henkersseil die Blicke auf sich. Ein Großteil des Seils ist am Boden zusammengerollt, der Henkersknoten ragt, anstatt herabzuhängen, nach oben und bewegt sich kaum merklich. Jeder Ausschlag nimmt Bezug auf eines der weltweit alle 40 bis 60 Sekunden verübten Tötungsdelikte. Theoretisch lässt sich die Frequenz auch verändern und dann etwa auf Opfer im Drogenkrieg oder auf weltweit ermordete Journalisten umstellen.

Nicht alle Arbeiten richten ihr Augenmerk indes auf Überwachung, staatlichen Terror und Gewalt. Die Poesie der Vergänglichkeit schreibt etwa das eben erst geschaffene und im HeK erstmals präsentierte "Call on Water" in ultrafein zerstäubten Wasserdampf. Die Arbeit, die eine Kombination aus einem hochmodernen Hexenlabor und des alttestamentarischen Königs Belsazar mit Feuerschrift an die Wand geschriebenen Menetekels sein könnte, hat anders als bei dem Herrscher aus Babylon keine unheilverkündenden Absichten. Stattdessen erscheinen kurze Passagen aus einem Gedicht des Mexikaners Octavio Paz, das Worte mit Wasser in Verbindung bringt und die Sätze hier mittels eines Ultraschallzerstäubers aus dem Wasserdampf aufsteigen und im nächsten poetischen Moment wieder verschwinden lässt.

Haus der elektronischen Künste, Freilagerplatz 9, Münchenstein, bis 28. August, Mi-So 12-18 Uhr, während der Art 13.-19. Juni 10-20 Uhr

Autor: ama