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11. Februar 2012

Die innere Welt der Wahrnehmung

Sinnesphysiologie und Bildende Kunst: Ein Vortrag und eine Führung in der Messmer Kunsthalle in Riegel.

Ein solcher Andrang ward an diesem Ort noch nicht erlebt. Viel Kunstpublikum hatte sich in Riegel am Kaiserstuhl versammelt, im ehemaligen Brauereischloss, wo heute die Kunsthalle Messmer residiert. Gut 150 Besucher zählte Jürgen A. Messmer, der Hausherr, und konnte sich nicht erinnern, dass seine Räume jemals so viele Menschen beherbergt hätten. Allenfalls die Dalí-Ausstellung vor einigen Jahren zog ähnlich große Besuchermassen an.

Gern spielt das Gehirn einen Streich

Vielleicht lag’s an der Zwiefältigkeit der Veranstaltung, zu der an diesem Abend die Messmer Kunsthalle und das Bernstein Center Freiburg eingeladen hatten. Zuerst führte der Mathematiker Dietmar Guderian durch die aktuelle Ausstellung der Kunsthalle. Selbst mit Mikrophon am Revers konnte er sich nicht allen Besuchern – besonders der hinteren Ränge – verständlich machen; an der Technik muss noch gefeilt werden.

"Messmer & Friends" heißt die Schau. Die zwölf ausgestellten, mit dem Hausherrn und Sammler befreundeten Künstler gehören zum überwiegenden Teil der konkret-konstruktiven Richtung an. Gerade bei Arbeiten von Künstlern wie Jo Niemeyer, der in seinen Wandreliefs mit dem Goldenen Schnitt operiert, oder dem Österreicher Helmut Bruch, der seinen Licht-Bildern die Fibonacci-Zahlenreihe zugrunde legt, war Guderian der richtige Mann und ein kundiger Kommentator. Einer der ausgestellten Künstler, der Freiburger Maler Joachim Kaiser, erläuterte an seinen Bildern den so genannten Moiré-Effekt – also die Entstehung von visuellen Strukturen, die sich bei der Überlagerung regelmäßiger feiner Raster ergeben und die im Ausgangsmaterial selbst nicht angelegt sind.

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Gerade die Arbeiten Kaisers boten einen Berührungspunkt zum Gegenstand des Vortrags, den Michael Bach, Professor an der Universitäts-Augenklinik Freiburg, im direkten Anschluss an die Kunstführung hielt. Bachs Thema waren "Wahrnehmungsphänomene in Alltag und Kunst"; die zentrale These seines Vortrags lautete: Unser fast mit der Hälfte aller Nervenzellen am Sehvorgang beteiligtes Gehirn erschafft auf der Grundlage der Sinnesdaten und der individuellen wie der evolutionären Erfahrung aktiv die "innere Welt" unserer bewussten Wahrnehmung, will sagen: In unsere visuelle Wahrnehmung spielen Anteile phylogenetischer und ontogenetischer Erfahrung hinein, das optische Bild, das wir wahrzunehmen vermeinen, wird zum guten Teil vom Gehirn selbst "konstruiert". Gerade in "ungewöhnlichen Situationen", so Bach, ist viel Platz für die Sinnestäuschung: Gern mal spielt uns unser Gehirn einen Streich, insofern wir das Gesehene unbewusst mit unserem gesamten Erfahrungshintergrund "verrechnen".

Hans Holbeins Totenkopf

Derartige Täuschungsmanöver sowie andere vom Gehirn aktiv miterzeugte optische Effekte demonstrierte Bach zum nicht geringen Vergnügen des Publikums anhand zahlreicher Beispiele: von Adelsons "Schachbrettschatten" als Beleg dafür, dass unser Auge kein objektiver Belichtungsmesser ist, sondern mit Kontrasten arbeitet, über den "Flaschenhals des menschlichen Farbensehens" auf der Grundlage von nur drei Sorten von Fotorezeptoren für Farben bis hin zu den augentäuschenden Trompe- l’œils der Kunstgeschichte oder dem Phänomen der Anamorphose am Beispiel von Hans Holbein des Jüngeren Gemälde "Die Gesandten", auf dem der Totenkopf in der unteren Bildmitte nur mit Hilfe eines Spiegels erkennbar ist.

Autor: Hans-Dieter Fronz