Ein Spurensucher, der Fragen aufwirft

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Do, 04. Oktober 2018

Ausstellungen

Weiler Stapflehus zeigt Arbeiten von Christoph Màdico Bosch.

Ein unscheinbares Haus mit geschlossenen Läden, das immer mehr verfällt, ist Christoph Màdico Bosch beim Vorbeifahren in Minseln aufgefallen. Bei genauer Hinsicht entdeckte er, dass es in diesem 1921 gebauten einstigen Gasthaus "Zum Engel" einmal eine Kegelbahn gegeben hat, die bis zum Zweiten Weltkrieg in Betrieb war. Längst rollen dort keine Kugeln mehr. Doch was der Fotograf in der Abstellkammer vorgefunden hat an ausrangierten, alten Dingen, erzählt von früheren Geschichten, von Spuren der Vergangenheit, von Vergänglichkeit.

Der in Rheinfelden-Nordschwaben lebende Künstler lässt sich gern von lokalen Bezügen inspirieren, so auch in diesen Aufnahmen aus dem alten Haus. Die Arbeiten nehmen in der Ausstellung "Kegelbahn", die Màdico Bosch auf Einladung des Kunstvereins Weil am Rhein im dortigen Stapflehus zeigt, das gesamte Erdgeschoss ein. Der Fotograf schärft die Wahrnehmung in diesen silberbasierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die er klassisch in der Dunkelkammer herstellt. Ein auf dem Boden liegender historischer Holzkegel, eine hölzerne Kugel aus den 20er Jahren, die alte Rinne, auf der die Kugeln rollten: Verwittertes, Verstaubtes, Spuren gelebter Geschichte fördert Màdico Bosch in seinen Fotos ans Licht.

Auf der Spurensuche entdeckte er einen Zaun, ein kleines Türchen, fast überwuchert von Pflanzen, mit einem vom Dorfschmied gefertigten Schriftzug "Zum Engel". Diesen Zaun und das Türchen hat Bosch als vierteiliges Werk im alten Verfahren der Cyanotypie auf Papier umgesetzt, in Preußischblau, was den Motiven etwas Geheimnisvolles gibt. Das Thema Zaun taucht auch im ersten Stock in einer Fotoserie auf, die Bosch vor 23 Jahren in London aufgenommen, aber noch nie öffentlich ausgestellt hat. Der Künstler hat in der britischen Metropole studiert und 13 Jahre lang gearbeitet. In der Reihe "Angel" hat er Passanten auf einem Platz in London gebeten, ihren Kopf in eine Lücke zwischen den Spitzen des Zauns zu stecken und so zu posieren.

Die entstandenen Fotografien wirken bewusst irritierend, denn sie wecken bedrohliche Assoziationen von aufgespießten Köpfen. Dabei gucken die Frauen und Männer, die in der Zaunlücke Modell standen, unbefangen und locker in die Kamera. Das nächtliche Dunkel, die schemenhaft erkennbare Silhouette einer Residenz verstärken die eigenartige Atmosphäre dieser Bilder. Dabei schwelt der geschichtliche Kontext im Raum, die Erinnerung an grausame Zeiten, in denen Köpfe Enthaupteter zur Abschreckung aufgespießt wurden. Der nur mit dieser Bilderreihe bespielte Raum wird akustisch ausgefüllt von einer eindrücklichen Soundinstallation: Man hört rollende Kugeln, die etwas von bedrohlichem, dumpfem Kanonengrollen oder Trommeln haben, Schritte und Kirchenglocken.

Alle Arbeiten dieser Ausstellung sind zusammenhängend, auch die beziehungsreiche Installation "Kugelbahn" im Dachgeschoss. Auf dem Boden verstreut liegen Kugeln aus Ton in verschiedenen Größen und Tonsorten, die durch die Löcher etwas Anthropomorphes haben. Wie Totenschädel muten diese Gebilde an, wie Überreste Gefallener. In ihrer Einführungsrede verwies die Londoner Künstlerin Marisela Berenguel auf ein berühmtes Foto des frühen Kriegsfotografen Robert Fenton, der im Krimkrieg Kanonenkugeln auf einer Straße aufgenommen hat. Christoph Màdico Bosch werfe Fragen auf, sagte die Referentin. Das gilt auch für die Asphaltbilder von der Strecke zwischen Wiechs und Schopfheim, auf der Abdrücke von Gullys zu sehen sind, Spuren auf der Straße, die der Künstler präzise wahrgenommen hat.

Stapflehus: bis 4. November, Samstag 15-18, Sonn- und Feiertag 14-18 Uhr, Weil am Rhein, Bläsiring 10