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14. November 2017

Expressionismus

Farbenthusiast Karl Schmidt-Rottluff ist im Kunstmuseum Ravensburg zu sehen

"Das Rauschen der Farben": Der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff im Kunstmuseum Ravensburg .

  1. Karl Schmidt-Rottluff: Frau im Feld (1919) Foto: thomas weiss

Eine pure Farbflut. Prasselnde Pinselschläge, die nur gelegentlich einer gegenständlichen Anweisung folgen. Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) malt "Am Meer" 1906. Im Jahr davor hatte sich die Künstlergemeinschaft "Brücke" in Dresden formiert. Ausdrücklich "huldigend" warb Karl Schmidt aus Rottluff bei Chemnitz Emil Nolde als Mitglied. Und Nolde lud ihn gleich zu sich ans Meer ein, auf die Ostseeinsel Alsen. Da fanden sich zwei Farbenthusiasten.

Nach Nolde wird nun im Kunstmuseum Ravensburg Schmidt-Rottluff gezeigt. "Am Meer" kommt aus dem Brücke-Museum, das Hauptleihgeber und wieder Kooperationspartner ist. In einer konzentrierten Auswahl ist gerade auch die Zeit des Aufbruchs zu sehen: die erstaunlich rasche Folge stilistischer Wendungen in den frühen Jahren. Schmidt-Rottluff, der am Gruppenleben nur wenig teilnimmt und am "Brücke-Stil" nicht partizipiert, sucht eine unverwechselbar klare, monumentale Form. Nördliche Küsten sind es, die seine Formphantasie anregen. 1911 ist er in Norwegen und wieder in Dangast am Jadebusen. "Roter Giebel" ist das vielleicht prominenteste Bild, das jetzt aus Berlin kam. Große, leuchtend farbige Flecken verbinden eine erfrischende Zufallswirkung mit hoher Bestimmtheit. Alles wirkt minutenschnell improvisiert und absolut zielsicher.

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Ein Theoriefeind ist der schlagkräftige Mann. Es sei doch immer dasselbe, worum es gehe in der Kunst. Gegenstand bleibe, was man sehe und fühle. Dies auszudrücken, sei Leitfaden genug. Ein Bekenntnis, das aber den interessierten Seitenblick aufs zeitgenössische Kunstgeschehen nicht ausschließt. Reflexe diverser Programme nimmt der Expressionist Schmidt-Rottuff auf, gerade auch nach dem Wechsel von Dresden in die Metropole Berlin. Kubismus und Futurismus gehen ihm durch den Kopf – und hinterlassen Spuren.

Anders als Ernst Ludwig Kirchner dient ihm eine gesteigerte Dynamik der Farbform nicht zur Inszenierung eines erregten Großstadtexpressionismus. Im Gegenteil, er verabschiedet sich 1913 (Freund Pechstein folgend) in ein einsames Dorf auf der Kurischen Nehrung, um zu Bildern eines paradiesisch natürlichen Lebens zu kommen. Von seinen glühend roten Akten aus Nidden zeigt die Ausstellung etwas. So weit wie hier wird er sich nie mehr ins lebensreformerisch Ideal steigern, nicht vor dem Ersten Weltkrieg und nicht danach. Die "Frau im Feld" aus der Ravensburger Sammlung Selinka, um die herum die Ausstellung quasi gebaut ist, sie repräsentiert dann (1919) ein Stück kraftvoll formalisierter Alltagserfahrung. Für die Bilder von einfachen arbeitenden Menschen entwickelt der Maler allerdings ein komplexes System.

Melancholie verdrängt den anfänglichen Überschwang

Er beginnt die Figur zu dekonstruieren, er improvisiert und assoziiert auf der Klaviatur der Farben. Gerade im Moment der motivischen Alltagsnähe nähert er sich der Abstraktion. Ein Paradox. Und in der Konsequenz bleibt ihm das Abstrakte auch fremd; in den späteren 1920er Jahren distanziert er sich wieder deutlich davon. Vielmehr setzt er seine Ausdruckskunst frontal dem Nach-Expressionismus aus, dem Magischen Realismus. Die harte Gegebenheit bestimmt damit die Bildgestalt. Nicht das begeisterte Fühlen. Melancholie verdrängt den anfänglichen Überschwang. Was der von den Nationalsozialisten verursachte Klimasturz für sein Innenleben bedeutet, dem gibt Schmidt-Rottluff in eindringlichen Bildchiffren Ausdruck. "Entwurzelte Bäume", "Verschneite Tannen". Als "entartet" diffamiert man ihn, belegt ihn mit Malverbot. Er weicht aus aufs Papier, beschränkt sich auf Aquarell und Zeichnung. Wovon nach dem Krieg einiges im Gemälde noch zur Geltung kommt.

Im Unterschied zu den Jugendfreunden Kirchner und Heckel schwört er dem Expressionismus nie ab. Das in Ravensburg allzu breit dargestellte Spätwerk sucht nach einer farbformalen Synthese. Den ornamentalen Zellenmustern sind volltönende Ding-Volumen einmontiert. Eine geschliffene Bildrhetorik wirkt manchmal aufdringlich, nicht eindrücklich. Das Gefühl überhaupt eher gebannt als wirklich bannend. Die vorgeführte Ausdruckskraft tendiert stark zur Floskel. Der oft zitierte Mond ist nur ein Platzhalter der Schwermut im Gefüge der Landschaft. Ein Selbstporträt von 1950 überzeugt noch allenfalls als Struktur, als Architektur: "Im Atelier". Die grandios hingehauenen "Häuser am Wasser" vier Jahrzehnte vorher am Hardangerfjord, die Nackten in Nidden, die "Frau im Feld", sie sagen mehr über den Maler selbst als dies Selbstbildnis. Viel mehr über den Expressionismus.

Kunstmuseum Ravensburg. Bis 8. April, Di bis So 11–18, Do 11–19 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister