Galerie Stapflehus in Weil zeigt Arbeiten zu den Themen Flucht und Menschlichkeit

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Do, 27. April 2017

Ausstellungen

Die Städtische Galerie Stapflehus in Weil am Rhein zeigt Arbeiten von acht Künstlern zu den Themen Flucht und Menschlichkeit.

200 Rettungswesten, getragen von Flüchtlingen, die in Griechenland gestrandet sind. 200 Westen, die greifbar machen, was diese Menschen auf ihrer lebensgefährlichen Flucht über das Meer an Angst, Verzweiflung und Gefahr mitmachen mussten. Die sozial engagierten Fotografen und Politkünstler Fred George und Andrew Wakeford haben diese Rettungswesten zu einer Wand aufgetürmt und mit Nato-Stacheldraht umwickelt: eine Rauminstallation, die das Flüchtlingsdrama überaus erschütternd vor Augen führt. Nicht die anonyme Masse, sondern die einzelnen Schicksale stehen im Fokus. Fotografien, Porträts und Interviews mit den Flüchtlingen ergänzen diese Installation "The Wall of Life Jackets" und geben den Menschen auf der Flucht ein individuelles Gesicht und eine Stimme.

Diese Installation erstreckt sich über den gesamten ersten Stock in der Städtischen Galerie Stapflehus in Weil am Rhein. Sie ist Teil des grenzüberschreitenden Kunstprojekts "Parcours humain", das sich mit dem Thema Flucht und der Frage nach Menschlichkeit. Kurator Patrick Luetzelschwab hat für die Schau des Kunstvereins Weil aussagekräftige und aufwühlende Beiträge von acht internationalen Künstlern ausgesucht, die in unterschiedlichen Medien und Herangehensweisen Geschichten von Menschen erzählen, die ihre Heimat verlassen mussten.

Vor dem Stapflehus hat Niels Tofahrn seine Zelt-Installation "Der Schlaf" aufgebaut: Durch die offene Zelttür sieht man eine schlafende Figur unter einer Decke, gezeichnet aus Zucker und Kohlestaub. Damit symbolisiert Tofahrn die Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit von Obdach-Suchenden, die den bedrohlichen Einflüssen von außen ausgeliefert sind.

Im Erdgeschoss sind Holzschnitte von Andreas Wiesmann zu sehen, der in einprägsamen Bildnissen Asylsuchende aus Kurdistan, Eritrea, Syrien, Palästina und anderen Ländern porträtiert hat. Der Bildhauer hat die Porträts mit der Kettensäge in Holzplatten geschnitten, die Schnitte versinnbildlichen die Narben und Spuren, die diese Flucht hinterlassen hat. Auf einer wandfüllenden Arbeit hat Wiesmann die lebensgroße Figur eines Flüchtlings dargestellt, umgeben von schwarzen Silhouetten, die für die vielen namenlosen Schicksale stehen. Auf Knopfdruck hört man die Stimme des Mannes, der von seiner Flucht erzählt, überlagert von Nachrichten von gekenterten Flüchtlingsbooten, von den zahllosen Menschen, für die das Meer zum Grab geworden ist. Zum Schluss ertönt der Appell von Angela Merkel, "in Notsituationen ein freundliches Gesicht zu zeigen". In einer weiteren Werkgruppe hat Wiesmann die Holzschnitt-Porträts auf Zeitungsseiten gedruckt, die Bezug nehmen auf die aktuelle politische Situation, auf Probleme von Fremdenfeindlichkeit, auf Protest gegen Willkür und Macht.

Das Gemälde "No Man’s Land" der Basler Malerin Ana Vujic zeigt eine dramatische Szene von Bootsflüchtlingen: Menschen zusammengepfercht in einem überfüllten Boot auf dem aufgewühlten Meer, die Figuren, Gesichter, Gesten gezeichnet von Erschöpfung und Verzweiflung. In die Fenster des Treppenhauses hat Luetzelschwab historische Fotografien von Flüchtlingstrecks aus dem Zweiten Weltkrieg gehängt. Die Archiv-Aufnahmen von schlesischen Flüchtlingen, die auf Karren mit wenigen Habseligkeiten aus der Heimat vertrieben wurden, machen deutlich, welches Flüchtlingselend sich in Kriegszeiten in der Geschichte abgespielt hat.

Emotionales Herzstück der Ausstellung ist die Rauminstallation aus Rettungswesten, die auch einen lokalen Bezug herstellt. Die Künstler haben Asylsuchende in der Flüchtlingsunterkunft in Haltingen besucht, sie fotografiert und ihre Geschichten dokumentiert. Zu sehen, zu hören und zu lesen, wie diese Menschen von ihren Hoffnungen, Ängsten, gefahrvollen Fluchterlebnissen erzählen, gibt der Flüchtlingstragik eine persönliche und authentische Dimension.

In die uralte Stadt Damaskus in Syrien führt das Video des Filmregisseurs Waref Abu Quba im Dachgeschoss: ein Film, der in geheimnisvollen Bildern die von Krieg und Zerstörung bedrohten Kulturschätze von Damaskus zeigt, unterlegt mit poetischen Worten eines Dichters. In den Fenstern des Dachgeschosses sind Fotografien des Algeriers Ferhat Bouda angebracht, der immer wieder in die Wüste zu Berberstämmen zurückkehrt. Seine Aufnahmen entstanden in Libyen während und nach der Revolution.

Ein friedliches Miteinander der Kulturen symbolisiert die textile Arbeit von Ute Lennartz-Lembeck an der Fassade des Staffelhauses, ein farbenfrohes Strickwerk zusammengesetzt aus vielen Teilen: also eine überaus bewegende Ausstellung! Weitere Stationen des "Parcours humain" sind das Atelier Mondial am Dreispitz in Basel, das sich auf das Thema Transit konzentriert, sowie der Holzpark Klybeck, wo es um das Thema Grenzen geht.

Ausstellung: bis 5. Juni, Samstag 15-18, Sonntag 14-18 Uhr. Städtische Galerie Stapflehus, Bläsiring 10, Weil am Rhein