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10. April 2010

Mit Christussandalen auf die Zauberberge

"Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium": Eine Ausstellung zur Frühzeit der Wellness im Zürcher Landesmuseum.

Die Schweiz war nicht immer das Land, in dem Milch und Murmeltierfett flossen. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein galten die Berge als Quell schädlicher Ausdünstungen, als Heimat der Kretins und Kröpfe; noch für die Encyclopédie stand fest, dass Milch dick, faul und stupid mache. Erst im späten 19. Jahrhundert erfand sich die Schweiz als Kraftraum und "Sanatorium der Welt" neu: Ärzte und Quacksalber empfahlen Rohkost und Alpentee, Höhen- , Sonnen- und Molkekuren gegen Tuberkulose, "Nervosität" und andere Zivilisationskrankheiten. Geschäftstüchtige Hoteliers priesen Kuhglocken als Musiktherapie und Melken als Ferienvergnügen; im "Rosengarten" in Wattwil gab es sogar spezielle "Zimmer zum Einathmen von Kuhstallluft".

Das Zürcher Landesmuseum zeigt jetzt in einer großen Ausstellung vier "Zauberberge", die um 1900 zu Markenzeichen und identitätsstiftenden Symbolen des Gesundheitsparadieses Schweiz wurden: Der Monte Verità bei Ascona, ein Sammelplatz von Vegetariern, Anthroposophen und Ausdruckstänzerinnen, der Zürichberg, der Feldherrenhügel des militanten Müsli-Erfinders Max Bircher-Benner ("Heilkunst ist ja auch eine Art Kriegsdienst gegen Gesundheitsfeinde und gegen den Tod"), Leysin im Wallis, wo Auguste Rollier das Prinzip des sonnengetrockneten Bündner Fleischs auf die menschliche Haut übertrug. Und natürlich der "Zauberberg" in Davos, die Pilgerstätte aller Schwindsüchtigen.

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Der Hypochonder Thomas Mann besuchte nicht nur die Schatzalp, sondern 1909 auch Birchers Privatklinik "Lebendige Kraft", eine vegetarische Besserungsanstalt, in der es offenbar zuging wie bei Dr. Kellogg in T.C. Boyles Gesundheitssatire "Willkommen in Welville". Auf dem Zauberberg gab es, wie Plakate und Exponate bezeugen, tatsächlich rauschende Silvesterfeste am Russentisch, bequeme Liegen mit Fellsack, silberne Hummerzangen und elegante Taschenspucknäpfe (Modell "Blauer Heinrich"), in Birchers Sanatorium nur frugale Speisen ("Grünkernsuppe, Rübli, Erbsli"), Nußknacker, harte Holzbänke und eine rigide Arbeits- und "Ordnungstherapie". Kein Wunder, dass Thomas Mann die "Lebendige Kraft" als "hygienisches Zuchthaus" empfand. Patienten, zumal deutsche, sind, wie Schweizer Chefärzte wussten, "in der Regel Besserwisser und Leichtsinnige, die die Zucht des Arztes nicht ertragen, weil sie die notwendige Selbstdisziplin nicht besitzen". Allerdings konnte sich auch Oberarzt Dr. Bircher das Rauchen nie abgewöhnen.

Wie jedes bessere Wellness-Hotel bietet auch die Ausstellung Ruhezonen mit Entspannungsmusik und Vogelgezwitscher, Nischen mit meditativen Wasserspielen und alten, bislang nie gezeigten 3-D-Dias von bärtigen Nackt- und Schrebergärtnern. Die "Zauber Berge" sind eine Fundgrube bezaubernder medizin- und kulturhistorischer Kuriosa: Christussandalen, wallende Gewänder und ein knorriger "Vegetarierstuhl" vom Monte Verità, Hermann Hesses Skier, Kräutertee aus Gottes oder vielmehr Pfarrer Künzles Hausapotheke. Vor allem aber ist die Wunder- eine Folterkammer: Unförmige Klistiere, Ganzkörperwickel, monströse Fitnessgeräte (mit so kafkaesken Namen wie "Apparat zur Rumpfhackung", "Erschütterung im Reitsitz", Bauchknetung und Beinwalkung) und warnende Schautafeln aus Birchers Nachlass ("Fettsucht sprengt alle edlen Linien und Formen des menschlichen Körpers") lassen erahnen, dass eine Kur anno dazumal kein Spaziergang und kein Zuckerschlecken war.

"Heilkunst ist ja auch

eine Art Kriegsdienst."

Max Bircher-Benner
Anders heute. Die Tuberkulose ist besiegt, wenn auch nicht durch die Lichtlufthütten und Sonnenbäder, die im Zeitalter des Ozonlochs selber unter Krankheitsverdacht geraten sind. Das klobige Heimveloziped von 1920 und die militärischen Hausordnungen sind längst abgelöst worden durch die formschönen Kraftmaschinen und Kraftsprüche des Schweizer Fitnesspapstes Werner Kieser ("Der Mensch wächst am Widerstand), statt Arnika- und "Professorentee" trinken die Lohas heute Organic Alp Tea. Getränke wie Rivella, Ricola-Kräuterbonbons, Ovomaltine und andere eidgenössische Allheilmittel sind, trotz zweifelhafter Rezepturen und Heilerfolge, unter zeitgenössischen Biodynamikern Kult. Die starke Gesundheitsmarke Swissness macht Bitteres süß und Chemie zum Naturprodukt: Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge der "geistigen Landesverteidigung", gelang es der Schweizer Pharmaindustrie, ihr synthetisch erzeugtes "heimisches" Vitamin C gegen starke Widerstände bei Konsumenten und Ernährungswissenschaftlern durchzusetzen. Hermann Hallers monumentale "Sonnenanbeterin", die Ikone der Landesausstellung von 1939, steht daher am Anfang der Schau; ihren roten Faden markiert Hans Ernis Landi-Bild "Die Schweiz, Ferienland der Völker", ein hundert Meter langer Fries mit glücklich lachenden Skifahrern, Tennisspielern und Sonnenanbetern.

Nicht, dass sie ironiefrei oder unkritisch wäre: Der Mythos der paradiesischen Zauber- und "Sauberberge" wird mehr als einmal als Feigenblatt der Schweizer Tourismusindustrie entzaubert. Aber ein gewisser Stolz (und national verengter Blick) auf die Pionierleistungen der Alpenmedizin ist doch unverkennbar. Dabei war der lebensreformerische Körper- und Gesundheitsdiskurs als Gegenbewegung zu Industrie und Verstädterung ein europäisches Phänomen: Auch im Flach- und Ausland gab es Veganer und Temperenzler, Naturapostel, "Zanderer" (eine Art früher Bodybuilder) und Turner. Spezifisch schweizerisch ist eigentlich nur die zwinglianisch strenge, "moralische Orthopädie", das Heidi (ein dreirädriger Rollstuhl erinnert an Claras Wunderheilung) und die "Original-Bircher-Raffel" aus dem Museumsshop. Hat man den Fitnessparcours mit seinen Streckbänken und Diätvorschriften heil durchlaufen, sollte man sich aus Gründen geistiger Hygiene jedenfalls einen Original Schweizer Chlöpfer gönnen.
– "Zauber Berge", Landesmuseum, Museumsstraße 2, Zürich. Bis 15. August. Di–So 10–17 Uhr, Do 10–19 Uhr.

Autor: Martin Halter