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28. Januar 2010 00:37 Uhr

Museumseröffnungen in Essen

Ruhr 2010: Kohle für die Kultur

Das Projekt "Ruhr 2010" startet mit zwei spektakulären Museumseröffnungen in Essen. Unter anderem erfährt man, dass es im Ruhrgebiet ein Leben vor Kohle und Stahl gegeben hat. Und das Folkwang-Museum hat ein neues Domizil.

Endlich hat das Ruhrgebiet ein kulturelles Herz. Endlich gibt es ein Zentrum, wo man erfahren kann, was diese wie keine andere durch Klischees und Vorurteile charakterisierte Region in Deutschland war und ist: ein Museum an einem Ort, der passender nicht sein könnte.

Das Kulturhauptstadtjahr begann in Essen mit einem Paukenschlag, der Eröffnung des Ruhr-Museums auf der Zeche Zollverein. In der von Rem Koolhaas umgerüsteten Kohlenwäsche, einem riesigen Klotz mit 40 Meter Höhe, erwarten den Besucher rund 5000 Exponate auf drei ausladenden Etagen.

Die Geschichte des Gebäudes ist auf Schritt und Tritt sichtbar geblieben. Das bedeutendste Exponat des Hauses ist die Maschine, mit der hier Jahrzehnte die Kohle von anderem Abbaumaterial getrennt wurde.

Das neue Haus im Weltkulturerbe Zollverein ist ein hybrides Museum, das Kultur-, Industrie- und Naturgeschichte nicht in separaten Kapiteln erzählt, sondern sie verzahnt. Der Besucher folgt dem Weg der Kohle. Über eine Außenrolltreppe wird er sozusagen oben eingefüllt und dann nach unten geführt. Zunächst wird ein aktuelles Bild dieser vielschichtigen Region entworfen – mit Fotostrecken und mit Exponaten: vom Schutzhelm bis zum halb vollen Teller Suppe –, die als symbolische Lebenszeugnisse inszeniert sind.

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Danach steigt man tief in die Geschichte hinab. Die alten Kohlespeicher sind zu spektakulär eindringlichen Ausstellungskabinetten geworden, in denen man erfährt, dass es im Ruhrgebiet ein Leben vor Kohle und Stahl gegeben hat. Erst in der untersten Ebene der Kohlenwäsche wird der Verlauf der Industrialisierung aufgeblättert – von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zum Zechensterben, immer mit Blick auf die Alltagskultur.

Für 55 Millionen Euro, aufgebracht von EU, NRW und Stadt, ist ein Mega-Heimatmuseum entstanden. Eingerichtet vom renommierten Stuttgarter Büro HG Merz, zerlegt das Ruhr-Museum Geschichte in Geschichten – von den Römern zu den Stahlbaronen. Der Nachfolger des 1904 gegründeten Ruhrland-Museums, das sich bislang einen Gebäudekomplex mit dem Museum Folkwang hatte teilen müssen, ist das neue Schaufenster der Region.

Auch das frühere Partnermuseum hat sich neu erfunden. Ein von David Chipperfield in gewohnt zurückhaltender Weise entworfener Neubau ist das neue Domizil des Museums Folkwang, das jetzt seine Türen öffnet. Statt großer Geste trumpft der mehrteilige Komplex mit dienendem Understatement auf. Der Architekt, durch Arbeiten in Berlin und Marbach bekannt, versteht seine Gebäude weniger als eigenständige Skulpturen denn als funktionale Hüllen, in denen die Kunst zu ihrem Recht kommen soll. Verständnis für Vorhandenes gehört zu seinen Stärken.

Chipperfield hat die kubische Struktur des denkmalgeschützten Altbaus aus den 60er Jahren auf seine Erweiterung übertragen. Die sechs flachen Baukörper mit 3800 Quadratmetern Ausstellungsfläche, in denen der rechte Winkel ein fulminantes Comeback erlebt, gruppieren sich um vier Innenhöfe. Erschlossen wird das weitläufige von Tageslicht durchdrungene Ensemble von einer Freitreppe. Der Brite hat das Museum, das früher gleichsam durch den Hintereingang betreten wurde, zur Stadt hin geöffnet.

Fast unscheinbar erscheint der langgestreckte Neubau, der an einer mehrspurigen Durchfahrtsstraße liegt. Seine wässrig hellgrünen Glaskeramik-Fassaden, die von breiten Fensterfronten durchbrochen werden, verzichten auf jeglichen Knalleffekt. Die Musik spielt im Innern, wo die Sammlung sowie Wechselausstellungen die hellen Räume in Besitz nehmen. Die Sammlung Folkwang gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg zu den bedeutendsten in Deutschland. Gesammelt wurden Impressionismus, Expressionismus und Neue Sachlichkeit auf hohem Niveau. Nach 1933 als "entartet" eingestuft, wurden große Bestände verkauft. Der in den 60er Jahren begonnene Versuch eines Rückkaufs brachte nur geringe Erfolge. Doch der parallel betriebene Aufbau einer Sammlung zeitgenössischer Kunst hat dem Essener Haus schnell wieder einen guten Namen eingetragen.

Der in nur zwei Jahren realisierte, 55 Millionen Euro teure Neubau, für den ein in den 80er Jahren errichteter Trakt weichen musste, wurde komplett von der Krupp–Stiftung finanziert. Essen setzt gleich zwei Ausrufezeichen getreu dem Kulturhauptstadtmotto "Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel", das übrigens auch der Leitsatz von Karl Ernst Osthaus war, der 1902 das Museum Folkwang in Hagen gründete.
– Unter dem Titel "Das schönste Museum der Welt" wird vom 20. März an die Folkwang-Sammlung in ihrem Bestand vor 1933 rekonstruiert.

Weitere Infos:      http://www.ruhrmuseum.de      http://www.museum-folkwang.de

Autor: Ulrich Traub