Architektur der Gemeinschaft

"Together!" – die neue Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein

Michael Baas

Von Michael Baas

Fr, 02. Juni 2017 um 19:01 Uhr

Ausstellungen

"Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft" im Vitra Design Museum öffnet am Samstag für die Besucher und stellt gemeinschaftliche Bau- und Wohnformen vor.

Eine Hollywoodschaukel, ein Spielgestell für Kinder, hölzerne Blumenkübel und Wimpelgirlanden setzen schon vor dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein einen ersten Akzent. Die kleinbürgerliche Gartenmöblierung kontrastiert mit Frank Gehrys avantgardistischem Museumsbau. Das ist Konzept. Ein erster Hinweis.

Denn es geht in der Ausstellung "Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft" nicht zuletzt um Schnittstellen zwischen öffentlichen und privaten Räumen, um soziales Leben im urbanen Kontext, um die Belebung und Rückeroberung der Städte jenseits eines ressourcenplündernden Konsums und renditegetriebener Investorenprojekte.

Die Renaissance der Städte

Doch das ist nur eine Facette, die das vierköpfige Kuratorenteam um Ilka und Andreas Ruby, mittlerweile übrigens Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums in Basel, und das Zürcher Architekturbüro EM2N, in dem Projekt beleuchtet. Tatsächlich streift die Ausstellung in der breit angelegten Präsentation gemeinschaftlicher und selbstorganisierter Bau- und Wohnformen ein weites Feld gesellschaftlich virulenter Themen ums Wohnen und die Architektur.

Dazu gehören die weitverbreitete Wohnungsknappheit und die Renaissance der Städte, die die Engpässe auf den Wohnungsmärkten verschärft und Antworten fordert. Dazu gehören aber auch veränderte Lebensentwürfe und Familienstrukturen sowie sich mitverändernde Bedürfnisse.

Ein Streifzug durch die Geschichte sozialer Wohnprojekte eröffnet die Ausstellung. In einem Protestraum spannt sich ein Bogen von alternativen Wohnformen des 19. Jahrhunderts bis in die jüngste Vergangenheit der 80er-Jahre mit dem Häuserkampf in Berlin, Hamburg, Zürich oder Wien.

Eine Bewegung, die viel hervorbrachte

Eine Bewegung, die übrigens auch in Freiburg im Dreisameck und dem Schwarzwaldhof aktiv war und auch da nachhaltige Projekte hervorgebrachte. Eine Auswahl teilweise langer Dokumentarfilme – etwa über den spanischen Guerilla-Architekten Santiago Cirugeda oder "Stadt in Bewegung", ein Video zur Zürcher Hausbesetzerszene der 80er- und 90er Jahre – ergänzt dies Kaleidoskop, das sich von französischen Sozialutopisten à la Charles Fourier über Aussteigerkolonien des frühen 20. Jahrhunderts und genossenschaftliches Bauen der 1920er Jahre bis zum Kommunardengeist der 68er und dessen bis heute lebendigen Inkarnationen wie der Freistadt Christiania in Kopenhagen erstreckt.

Die zweite Station sampelt in einer raumfüllenden Installation 21 real existierende Wohnbauprojekte zu einer imaginären, das Gemeinschaftliche neu justierenden Stadt. Darunter befinden sich unter anderem das in und auf einer alten Lagerhalle der Kindl-Brauerei in Berlin Neukölln entstehende Agora-Projekt, das ebenfalls in Berlin angesiedelte Baugruppenmodell R 50, das Poolhaus, ein Appartementhaus für Kurzmieter auf dem Areal eines ehemaligen Kabelwerkes in Wien, übrigens einer Hochburg sozialer Wohnformen oder die auf die Bedürfnisse Langzeitobdachloser ausgerichteten Star Apartements in Los Angeles.

Öffentliche und private Räume neu definiert

Diese Modellstadt, deren Präsentation im zweiten Raum des Gehry-Baus übrigens erstmals auch mit der vom Architekten angelegten Oberlichtoption arbeitet, entwirft ein Szenario, das öffentliche und private Räume neu definiert. Die in der institutionalisierten Planung lange vorherrschende Tendenz der Trennung von Lebensbereichen wird aufgebrochen, ohne Rückzugsmöglichkeiten preiszugeben oder sich gar in sozialistischen Kollektividealen zu verlieren.

Im Gegenteil. Dieses Modell kreiert ein urbanes Leben jenseits ideologischer Wohn- und Lebenskonzepte, denkt Stadt aus der Perspektive der Bewohner ein Stück weit neu.

Clusterwohnungen als neues Modell

Diesen Ball spielt der dritte Bereich auf der Ebene der Innenarchitektur und Wohnungsgrundrisse weiter. In dessen Zentrum steht eine im 1:1-Maßstab nachgebaute Clusterwohnung, in die Fotografien von Daniel Burchard integriert sind, der für die Ausstellung acht Wohnkollektive besucht hat. Clusterwohnungen wiederum sind ein neues Modell, private und gemeinschaftliche Nutzungen flächen- und ressourcenschonend, flexibel und variabel zu kombinieren.

Im Kern verbinden sie mehrere kleinere privat genutzte Wohneinheiten mit größeren gemeinschaftlich genutzten Räumen – was nicht nur unterschiedliche Interessen handelbar macht, sondern Kommunikation fördert und Vereinsamung vorbeugt, ohne in Wohngemeinschaftszwänge auszuarten.

Die vierte Station zeigt anhand fünf konkreter Projekte, wie sich Leben und Arbeiten in der gemeinschaftlichen Architektur auch unter ökonomisch Aspekten verbinden lassen und auch auf der Ebene Alternativen zu dem im postfordistischen Produktionszusammenhang zergliederten Alltag eröffnen. Die "Apartments with a Small Restaurant" in Tokio etwa illustrieren da wie öffentliche und private Nutzung fließend und semipermeabel ineinandergreifen können.

Erosion des klassischen Einfamilienhauses

Wie sehen Städte, wie sieht das Wohnen der Zukunft aus? Die Erosion des klassischen Einfamilienhaushaltes als typischer Wohnform, der Anstieg der Single-Haushalte, das Altern der Gesellschaft, zunehmende Impulse, mittels selbstorganisierter nachbarschaftlicher Kontexte der Vereinzelung und stereotypen Einfamilienhaussiedlungen zu entkommen, die soziale und ökologische Dysfunktionalität der Leben, Wohnen und Arbeiten funktionalistisch trennende Städte sowie der Geist der Sharing-Ökonomie, die unter dem Strich mehr Teilhabe an Wohlstand und Luxus eröffnet, stimulieren auch im Wohnbau und der Architektur eine stille Revolution. "Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft" macht diese anschaulich sichtbar und bringt die Entwicklung im umfangreichen Katalog auch zum vertieften Nacharbeiten gut in Form.
Together!

Täglich 10 bis 18 Uhr, bis 10. September, Vitra Design Museum, Weil am Rhein, Charles-Eames-Straße 2

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