Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

23. Januar 2017

Wahrnehmung überlagert Wirklichkeit

Das Kunsthaus Baselland widmet dem Schaffen der Künstlerinnen Bianca Pedrina und Doris Lasch Einzelausstellungen .

  1. Auf PVC-Folie gedruckt: Bianca Pedrinas „Cipollino Galaxy“ Foto: Annette Mahro

Wie wird wahrgenommen, was genau und mit welcher Erwartungshaltung treten Museumsbesucher den Bildern einer Ausstellung entgegen? Doris Lasch und Bianca Pedrina nähern sich derselben Frage, dies aber mit leicht gegeneinander versetzten Blickwinkeln. Die beiden Künstlerinnen, denen das Kunsthaus Baselland zwei voneinander getrennte, inhaltlich aber auch ineinander mündende Einzelausstellungen widmet, stellen das Bild, Abbild und das Entstehen von Bildern ins Zentrum ihrer Arbeit. Während Doris Lasch etwa eine Ateliersituation mit Leinwand und Keilrahmen und andererseits eine vollkommen freie Inszenierung in den Fokus nimmt, zerlegt Bianca Pedrina unter anderem die Marmorfassade eines der zentralen Bauwerke der Wiener Moderne. Sie rückt aber auch das Muttenzer Kunsthaus selbst ins Bild.

Adolf Loos’ 1910 gebautes und nach dem Architekten selbst benanntes Haus am Wiener Michaelerplatz hat die 1985 in Basel geborene und heute in der Hauptstadt Österreichs lebende Bianca Pedrina zum Anlass genommen, quasi hinter die in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts verblendete berühmte Fassade zu blicken. Deren Schauseite im eleganten Marmorschnitt hat die Künstlerin, die immer wieder Architektur auf den Grund geht, jetzt im sogenannten UV-Direktdruck auf einen weichen PVC-Fußbodenbelag gebracht. Sie kombiniert sie mit Armierungseisen, die auf den hinter dem Schaumarmor verborgenen Stahlbeton Bezug nehmen, der nun seinerseits im Untergeschoss des Kunstmuseums gleichsam zum Bildträger wird. Einen Raum weiter wartet die siebenteilige Videoinstallation "Orbita", in der einerseits die verschiedensten Bildwinkel des Museums selbst auftauchen als auch andererseits in einer gefilmten optometrischen Vermessung des menschlichen Auges das Sehen an sich zum Thema wird.

Werbung


Tatsächlich sehenswert sind auch Pedrinas in einem intimen Kabinett im Untergeschoss gezeigte Luftaufnahmen von weltberühmten Plätzen etwa in Rom, Paris oder Brasilia, in die die Künstlerin Objekte eingefügt hat, die sich hier theoretisch niedergelassen haben könnten. Hier ist gleichsam der Erholungsraum für die Wahrnehmung, weiß der Besucher doch für einmal genau, was wahr ist und was eingefügt.

Nicht immer, aber oft genug anders ist das bei Doris Lasch, die etwa eine Szenerie inszeniert, die über Ort und Bildinhalt den Schleier des Geheimnisvollen breitet. Weder lässt sich ersehen, welcher Art die entfernt an einen Projektor erinnernde Apparatur ist, die hier in eine Art Nebelmeer gerichtet ist, das sich über einem See, Pool oder auch dem Meer selbst erheben könnte. Auch ist das Bild für sich eine Projektion und die hierfür ihrerseits sichtbar eingesetzte Gerätschaft ist Teil des Werks.

Noch intensiver in Frage gestellt wird das Thema der Dualität von Bildinhalt und –träger in "Color Motion Picture Test", dessen Bildtitel bereits 1922 von der Firma Kodak produzierte Farbfilm-Tests zitiert. Was Doris Lasch hier auf eine echte auf Rahmen gezogene und zum Malen verwendbare Leinwand projiziert, ist eine Aufnahme von anderen solchen Bildträgern, die gleich nebenan an die Wand gelehnt stehen. Die Ateliersituation kommt bei der 1972 im bayrischen Landsberg am Lech geborenen Künstlerin, die heute in Basel lebt, aber auch ausnehmend dekorativ, teilarrangiert und abfotografiert vor. Einen Schritt weit daneben hängt ein Spiegel, in dem der Besucher für einmal direkt der eigenen zeitgenauen Realität gegenübersteht. Aber so einfach will Lasch, die Bild und Abbildung schon von Berufs wegen misstraut und selbst am liebsten nicht fotografiert werden möchte, die Dinge nicht stehen lassen. Ihr Spiegel ist mit einem feinen Staub überdeckt, der sich seinerseits jetzt wieder als Filter über der das legt, was Wirklichkeit sein könnte.

Doris Lasch / Bianca Pedrina bis 19. März, Kunsthaus Baselland, St. Jakob-Straße 170, Muttenz, Di-So 11-17 Uhr, regelmäßige Abendöffnungen und Begleitprogramm, Info: http://www.kunsthausbaselland.ch

Autor: Annette Mahro