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22. August 2014

Freiburg

Zum 90. Geburtstag: Roland Phleps zeigt sich in seiner Stiftung für Konkrete Kunst

Dass einer so ist, wenn er 90 ist! So beweglich in allem. So unberührt von der Schwermut, die das Alter oft mit sich bringt. Roland Phleps hatte ein langes Leben als Neurologe und Psychiater; als Künstler ist er noch jung.

Ein Jungborn mag auch die Stiftung für Konkrete Kunst sein, die er ins Leben rief. Und die schöne, vom Architekten Detlef Sacker gebaute Halle in Freiburg-Zähringen am Berg. Vor 15 Jahren hat er sie eröffnet. Ludwig Krapf, damals Kulturamtsleiter, sprach ihr das Potenzial zu, "ein Glücksfall" zu werden. Phleps bespielt sie mit der Kunst von geschätzten Kollegen. Und gelegentlich ja mit Eigenem auch. So zur Eröffnung, zum 80. Geburtstag dann – und jetzt zum 90., den er gerade feiern konnte.

Als Künstler sieht sich dieser junge alte Mann noch immer als der, der er war. Als den Rationalisten ("Neurologie ist angewandte Mathematik", sagt er) und als den mit Empathie Begabten, der in der psychiatrischen Praxis gefordert war. Kunst ist für ihn Präzision, gepaart mit Poesie. In der Publikationsreihe "Stahlskulpturen", mit der er sein Schaffen dokumentarisch begleitet, ist soeben der siebte Band erschienen mit der Werkauswahl 2011 bis 2013. Da gibt er am Schluss sich auch selbst das Wort, um "Über die Freude" zu reden. "Freude" wird das Rezept für sein Wohlsein sein. Und die Frage nach der "Freude" stellt er denen, die vor seinen Skulpturen stehen.

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Die verzichten auf Farbe, wissen das Licht auf ihrer Seite, vertrauen auf die geometrische Form und erzeugen, mit einem klar überschaubaren Repertoire von Mitteln, Dynamik im Raum. Was er als ihre Poesie ansieht, Eleganz und Schönheit, widerspricht der rationalen Entscheidung nicht. An Titelstelle erklärt er oft nur die künstlerische Operation. "Zwei Halbkreise, geschlitzt", "Ellipsen-Fächer, gerundet und gespreizt", "Rechtwinklig geknickte Wände, gestaffelt, schräg gestellt", "Doppelte archimedische Spirale, liegend, gegenläufig" . Die Formgestalt ist vorgedacht, in allerdünnstem Aluminium erprobt, in Stahlblech mit Laserschnitttechnik realisiert.

Phleps nimmt der Geometrie das Schulmäßige und erlaubt sich, die Konkrete Kunst sehr frei auszulegen. Seine Formfindungen assoziiert er der Musik und tänzerischer Bewegung. Plastik ist für ihn Kinetik. Nicht nur was die Gruppe der Windspiele angeht. Gern greift er auf drehbare Sockel zurück oder lässt Skulpturen mit Motorkraft kreisen. Bewegte Bilder sind ihm selbst auch die eigentlich unbewegten: Virtuell kinetisch sind sie allesamt. Draußen im Freien hat er sie gern, wo sie im Lufthauch sich zu regen anfangen, zu vibrieren und dümpeln, die raumgreifenden Leichtgewichte. Freunde der Luft und des Lichts, so sieht er sie. In Freiburg findet man sie gleich vielerorts: bei der Mensa I der Universität, im Stadtgarten, im Botanischen Garten . . . Auf der Skulpturenwiese am Waltersberg sind es gut zwei Dutzend, fast so viele wie im heimischen Garten oben an der Pochgasse.

Jetzt in dem gleich nebenan in den Hügel gegrabenen lichten Schauraum der Stiftung hat der "sehr rationale Planer", wie ihn der ungarische Kollege János Fajó nennt, die Geschichte seiner Plastik einmal in einen kleinen Überblick gebracht. Die frühen Kreisring-Konstellationen, die räumlich entwickelten Quadrate, die "positiv-negativen" Reliefs, die zur Anschauung bringen, wie aus der Fläche Raumgestalt wird. Der elegante Schwung des "Sinuskurven-Vierecks" hat Phleps vielfach angeregt. Eleganz ist sein Garant gegen Langeweile; die sucht er zu meiden.

Am Anfang ist das Material. Die Kraft der Idee will die stählerne Fläche verwandeln. Formsetzung – Schneiden, Falten, Biegen schafft ein Ereignis. Roland Phleps glaubt man die Freude daran. Zum Stahlbildner wurde der Nervenarzt im Spiel mit Papier. Als Spiel betrachtet er, was er tut, nach wie vor. Im Betrachter sucht er den Mitspieler.
– Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps, Pochgasse 71–73, Freiburg. 24. August bis 7. September, 11–13.30 Uhr, und nach Vereinbarung:Tel. 0761/54121.

Autor: Volker Bauermeister