Bad Bellinger Mundarttage: „Ich will no nit heim“

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Di, 16. Mai 2017

Bad Bellingen

Wiederbelebte Bad Bellinger Mundarttage erweisen sich als voller Erfolg und der Schlossplatz als Juwel für Open-Air-Veranstaltungen / Könner am Sonntag am Werk.

BAD BELLINGEN. Mit einem dicht gepackten Programm von acht Auftritten in zwei Tagen erlebten die Bad Bellinger Mundarttage am Wochenende nach einem Jahr Pause ein tolles Comeback. Nach dem Tod von Cornelia Ebinger-Zöld, die die Mundarttage bis 2015 organisiert, betreut und mit Leben gefüllt hatte, hatte die Bade- und Kurverwaltung mit einigen Getreuen der ersten Stunde wie Ilke Weisenseel und Ursula Kallmann die enorme Herausforderung gestemmt, das kleine, feine Mundartfestival neu zu beleben.

"Wir haben gebibbert", verriet Dennis Schneider, Marketingleiter von der Bade- und Kurverwaltung. Zum einen weil erst im Februar der Entschluss gefallen und die Zeit für die Einladung der Künstler denkbar knapp bemessen war, zum andern sei der Vorverkauf "schrecklich" gewesen. Doch dann passte alles, der Schlosskeller war am Samstag voll, und der Schlosspark, der am Sonntag erstmals bespielt wurde, zeigte sich als wahres Juwel für Open-Air-Veranstaltungen. Die Schlossparkfreunde seien es gewesen, die für die Infrastruktur wie einen Zugang für Lieferfahrzeuge und Anschlüsse für Catering und Bühnentechnik gesorgt hatten, sagte Schneider. Und auch der Wettergott hatte ein Einsehen und ließ die Freudentränen erst zehn Minuten vor dem geplanten Ende der Veranstaltung rinnen.

Nach Robert Frank Jacobi, dem Elsässer mit den gefühligen, charmanten und manchmal frivolen Chansons traten am Sonntagnachmittag mit Karl David und Martin Lutz zwei Barden aus Neuenburg auf, beileibe keine Unbekannten und vom Publikum wegen ihres rauen Charmes geliebt. Und tatsächlich klang das Alemannisch in einer ganz neuen Nuance, wenn man "vu Neibag" kommt. "Zwei Gidarre un e Mundharmonika" braucht es nur und dazu die markige Stimme von Martin Lutz, die so herrlich aggressiv aufdrehen kann, und schon stand auch das Publikum unter Strom. Die beiden sangen von pubertären Abenteuern mit Lagerfeuerromantik auf der nächtlichen Panzerplatte vor langer Zeit – "unser Platz am Rhii" –, von "de g’läbte Stunde", die so wichtig sind, um aus dem Hamsterrad der Arbeit rauszukommen, von "Lüt, die nerve" und von der Region "zwische Friburg un Basel", wo man gut leben kann. Texte und Musik sind authentisch in ihrem alemannischen Selbstbewusstsein und sprühenden Temperament. Das Publikum war begeistert, sang die Refrains mit und brauchte dringend eine Zugabe, als die beiden sich verabschieden wollten. "Ich will no nit heim", röhrte Lutz ins Mikro. Wohl wahr.

"Ich bin heute das erste Mal hier", sagte eine Frau aus Schliengen. Ihr gefiel das Festival, und sie will wieder kommen. "Ist doch schön, wenn man mal wieder unsere Sprache hört", meinte sie. Andere hatten den Besuch der Mundarttage mit einem Muttertagsspaziergang verbunden, überhaupt herrschte am Sonntag Partystimmung und ein reger Wechsel in den Zuschauerreihen, die aber bis zum Schluss gut besetzt waren. Zumal der Eintritt am Nachmittag auf vier Euro reduziert war.

Und dann kamen Uli Führe und Markus Manfred Jung, zwei Legenden der alemannischen Mundart, als Musiker und Komiker der eine und als Dichter und sensibler Sprachforscher der andere. Beide seit Jahrzehnten unterwegs und mit unzähligen Preisen und Ehren bedacht. Führe ließ die Leute raten, wer der Lehrer war, den der Pfarrer Schlotterbeck für seine Kinder eingestellt hat und der "Knaster" genannt wurde, weil er ständig die Pfeife im Gesicht hatte. Der Johann Peter. "Der het g’schtunke", verriet Führe schlitzohrig und setzte mit einem lässigen Swing zum "allzeit vergnügten Tabakraucher" an. "Dabadu dabadu – des Pfiffle schmeckt so guet", navigierte er den Song durch alle Jahreszeiten. Jetzt versteht man, warum der Swing 1801 im Badischen erfunden wurde. Dann zeigte er stolz sein "Bio-iPhone" aus dem Sägewerk Dold – "des bruucht kei Strom un isch au nit lut" – und erzählte Handy-Geschichten aus der Straßenbahn.

Jung begann mit einer einfühlsamen Hommage an "Conny", die Frau, die die Mundarttage aus der Taufe gehoben und so erfolgreich gemacht hat, mit dem Gedicht "Unterwegs sii". Das ist sein Markenzeichen: Kurze prägnante Sätze, in denen jede Silbe ihre Bedeutung hat und die die alemannische Sprechmelodie so schön zur Geltung bringen. Unterwegs sein, aber nicht zu schnell, "d’ Seel chunnt nit hintennoch". "Adjö Conny", schließt er. Dann widmete er sich den Wörtern, die am Aussterben sind wie "mampfle" oder "mängele", "Wörter zuem rette", und setzte zu einem genialen Exkurs zu den Dutzenden von Begriffen für "Kartoffel" an, ein rhythmisches Sprachkunstwerk, das immer schneller läuft und so akustisch den unerschöpflichen Reichtum des Alemannischen abbildet.

Man hätte gern noch mehr gehört, aber dann öffnet der Himmel seine Schleusen, und das Fest muss zehn Minuten früher als geplant enden. Aber die Bad Bellinger Mundarttage sind zurück und sie sollen auf jeden Fall nächstes Jahr fortgesetzt werden, ist sich Dennis Schneider sicher.