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22. Januar 2014

Eine neue Dimension des Hörens

Schola Gregoriana macht bei einem Benefizkonzert in der Bad Krozinger Kirche St. Alban die Vielfalt der Kirchenmusik erlebbar.

  1. Benefizkonzert: Die Schola Gregoriana unter der Leitung von Christoph Hönerlage trat in der Bad Krozinger St. Alban-Kirche auf. Foto: Dorothee Philipp

BAD KROZINGEN. Klingende "Schätze des Orients und der griechischen Welt" tat das Konzert der Schola Gregoriana auf, die auf Einladung des Kiwanis-Clubs in der Bad Krozinger St. Alban-Kirche konzertierte. Mit der Konzertreihe, die als Benefizveranstaltung benachteiligten Kindern und Jugendlichen zugute kommt, wolle man die Vielfalt der Kirchenmusik erlebbar machen, sagte Kiwanis-Präsident Günter Blasel zur Begrüßung.

Die an der Musikhochschule Freiburg angesiedelte Schola unter der Leitung von Christoph Hönerlage eröffnete dem Publikum eine neue Dimension des Hörens. Die über tausend Jahre alten heiligen Gesänge brachten als klingende Exegese altbekannte liturgische Formeln eindringlich zum Sprechen und Leuchten. Die acht Sänger entfalteten mit ihrem einstimmigen Gesang die Kraft und Schönheit der alten Kirchentonarten mit sorgfältig gestalteten Melodien und einer lebendig atmenden Agogik, die sich ganz auf die lateinischen Texte bezog.

So wurden die aufsteigenden Linien beispielsweise beim "Gaudeamus" zu einem regelrechten Appell an die Gläubigen, und auch als nicht religiöser Mensch muss man hier etwas empfinden, das in der Kirche mit "die Herzen erheben" umschrieben ist. Als eindrucksvolles Gestaltungsmittel wurde der Sologesang im Dialog mit dem Chor eingesetzt, zeitweise erinnerten die sich gleichsam schwerelos aus sich selbst fortspinnenden Melismen an die Gesänge eines Muezzins, die ebenfalls in uralter Tradition wurzeln.

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In geradezu überirdischer Schönheit leuchteten die Choräle der Marienverehrung, "Ave Maria" und "Alma Redemptoris mater". In der Umgebung der noch im vollen Weihnachtsschmuck prangenden Kirche wurde dieser Gesang zur Meditation, die nichts mit seligem Wegdämmern zu tun hat, sondern ein aufmerksames inneres Hören bewirkt. Einen eindrucksvollen Kontrapunkt zum Gesang der Schola setzte das Orgelspiel von Stephan Debeur.

Der Organist der weltberühmten Gabler-Orgel zu Weingarten stellte die 2004 nach dem Brand generalüberholte Mönch-Orgel in einer selten gehörten Farbenpracht vor, die sich aber ganz an der Stilistik der gregorianischen Gesänge orientierte. Mit dem Elsässer Komponisten Leon Boëllmann brachte Debeur die tiefe Religiosität der französischen Orgelromantik ins Spiel mit volltönenden Septakkorden und chromatischen Verfeinerungen, mit dem Einsatz der Zungenregister, mit denen er die Akkorde zu himmelhohen Klanggebirgen auftürmte, deren Zinnen hin und wieder in einem ätherischen reinen Dur aufglühen, mit Echowirkungen und feinen Streicherklängen des sehr schön disponierten Salicionals.

Bei Frescobaldis "Ave Maria" nahm die Orgel die Gestik des Gesangs auf, die sich wiederholenden Zeilen generierten in ihrer Intensität eine Art spiritueller Ekstase. Auch die drei Stücke des belgischen Komponisten Flor Peeters (1903-1986) passten in ihrer Wucht und Kompaktheit zu den alten Gesängen, in denen unter der Oberfläche der schönen Linienführung eine ungeheure Kraft schlummert. Diese verdeutlichte sich im majestätischen Schreiten der homophonen Akkorde, die sich auf ein großes Ziel zubewegen.

Als leuchtender Schlusspunkt erklang das "Ave maris stella", einmal als gregorianischer Choral, einmal als dreiteilige Orgelkomposition von Flor Peeters. Noch einmal pries der Gesang wie aus einer einzigen Stimme, die man in ihrer Allgemeingültigkeit als Stimme der Menschheit interpretieren könnte, die Gottesmutter als "Stern des Meeres", die die Blinden erleuchtet und die Gebrechen wegnimmt mit einem ergreifenden Lobpreis der Dreieinigkeit als Schlusssequenz. Toccata, Fuge und Choral von Peeters (op.28) zum Thema wurden unter den Händen von Debeur und seiner virtuosen Registrierkunst zu einem Meisterwerk des Orgelspiels, in dem noch einmal alles zusammengefasst wurde, was in der vorangegangenen Stunde angeklungen war, religiöse Inbrunst, Verzückung und die Verehrung eines allumfassenden mächtigen Gotteswesens.

Autor: Dorothee Philipp