Mit der Pflege 4.0 wird mehr Zeit für die Betreuten angestrebt

Rainer Ruther

Von Rainer Ruther

Do, 03. Mai 2018

Bad Krozingen

Die Sozialstation Südlicher Breisgau zieht Bilanz und blickt auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurück / Meilensteine mit Demenz-WG und Tagespflegeeinrichtung.

BAD KROZINGEN. Eine äußerst erfolgreiche und zukunftsweisende Bilanz hat die Sozialstation Südlicher Breisgau auf ihrer Mitgliederversammlung vorgelegt. Vor zehn Jahren stand der Verein noch kurz vor der Insolvenz – für das Jahr 2017 wurde nun ein Plus von weit mehr als einer halben Million Euro festgestellt. Und auf die kommenden Jahre können Mitglieder wie Mitarbeiter mit großem Optimismus blicken.

Im 43. Jahr ihres Bestehens sprechen die Zahlen der Sozialstation für sich: Ertrag plus 22 Prozent, Aufwendungen nur plus neun Prozent – und unterm Strich ein Jahresergebnis von 662 000 Euro. In allen Service-Bereichen erkennt man, welches Vertrauen die Menschen in die Pflege und Betreuung durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialstation haben: Es gab insgesamt 15 Prozent mehr Hausbesuche – 25 Prozent mehr Besuche mit starker Betreuung, gezahlt von der Pflegeversicherung, und zwölf Prozent mehr Behandlungspflege, die die Krankenkassen tragen. Insgesamt 1860 Menschen nahmen im vorigen Jahr den Service der Sozialstation in Anspruch.

"Der größte Pflegedienst ist immer noch die Familie" – darauf wies Geschäftsführerin Waltraud Kannen in ihrem Bericht hin, und so entwickelt die Sozialstation auch Kurse für die körperliche Aktivierung pflegebedürftiger Menschen, und sie unterstützt durch Pflegeberatungen mehr Angehörige bei der Betreuung zuhause (plus 23 Prozent). All das aber könne nur erreicht werden, wenn die Mitarbeiter ihren Dienst gern machten, sagte sie weiter. Die Sozialstation schaffe dafür die Rahmenbedingungen. Der Personalbestand liegt bei 50,57 Kräften (die meisten arbeiten Teilzeit), und mit über drei Millionen Euro ist der Aufwand für Personal der größte Posten in der Bilanz. Besonders erwähnenswert, so Kannen, sei das Engagement von 120 Ehrenamtlichen in allen Bereichen der Pflege.

Für die Geschäftsführerin am wichtigsten sei, dass sich die Mitarbeiter Zeit für die Klienten nehmen. Deshalb handelt sie die Honorare mit Kranken- und Pflegekassen selbst aus und legt dabei mehr Wert auf höhere Betreuungszeiten als auf höhere Entgelte. Man achte auch darauf, dass für die Mitarbeiter Beruf und Familie vereinbar seien. Und wo eine Überlastung Krankheit und Burn-out auslösen könnten, greifen frühzeitig Präventiv-Programme, an denen bereits zehn Mitarbeiter teilgenommen haben: eine Woche stationäre Betreuung, gefolgt von sechs Monaten in einer Reha-Gruppe. Die Sozialstation bietet zum Oktober 2018 auch wieder drei Ausbildungsplätze an, von denen zwei bereits belegt sind. Kommen wird eine Reform der Ausbildung: zwei Jahre gemeinsames Lernen für Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger, danach im dritten Jahr eine Spezialisierung.

"Als Team zusammenwachsen und uns als Menschen begegnen", lautet einer der Leitsätze von Waltraud Kannen. Helfen kann dabei ein wichtiger und oft wenig beachteter Punkt: die Digitalisierung der Pflege, zur flexibleren Organisation und besseren Kommunikation. Vernetzung der Mitarbeiter, Vermeidung unnötiger Wege, eine bessere Organisation der Arbeit, schneller und zielgerichteter kommunizieren – all das kann die "Pflege 4.0" leisten und bedeutet mehr Zeit für die Klienten – "auch wenn wir manchmal noch bei Pflege 1.0 sind", fügte sie hinzu.

In die Zukunft weisen neue Konzepte der Betreuung pflegebedürftiger Menschen – Beispiele: die Demenz-Wohngemeinschaft "mittendrin" in Staufen und ebenfalls dort die Tagespflege im sanierten Alten Spital. Beide seien sehr erfolgreich gestartet, sagte Kannen. Auch in Bad Krozingen wird sich einiges tun. Die Sozialstation plant einen Erweiterungsbau, und sie ist eingestiegen in die Elektro-Mobilität: An vier Ladestationen können die vier bereits angeschafften E-Autos aufgeladen werden. Hier wie in vielen anderen Bereichen, so resümierte Staufens Bürgermeister Michael Benitz, ist die Sozialstation Südlicher Breisgau mit ihrer erfolgreichen Arbeit immer ein wenig der Zeit voraus.