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20. Februar 2010

Mozart mal nicht zum Vergnügen

In der "Hörakademie" in Staufen nutzt Kirsten Klopsch elektronisch veränderte Klänge, um Musiker und Kinder neu Hören zu lehren.

  1. Mit großem technischem Aufwand zum Therapieerfolg: Hörakademie-Leiterin Kirsten Klopsch Foto: Rainer Ruther

STAUFEN. In der "Hörakademie" von Kirsten Klopsch in Staufen arbeiten nicht nur Profimusiker an ihrem Gehör. Auch Kinder, die Probleme mit der Verarbeitung akustischer Informationen haben, kommen zur Therapie mit elektronisch aufbereiteter Musik.

Armer Amadeus. So rabiat wie Kirsten Klopsch ist wohl noch niemand mit Mozarts Musik umgegangen. Da wird verzerrt, zerhackt und moduliert, es rauscht und klimpert, Höhen werden gekappt und Tiefen gefiltert – wie ein Radiosender mit Empfangsstörungen oder eine beschädigte CD. Alles natürlich nur elektronisch – und für einen guten Zweck. "Die Musik von Wolfgang Amadeus Mozart ist ideal für die Hörtherapie", sagt Kirsten Klopsch, "denn sie ist voller Dynamik, ein stetes An- und Abschwellen, und natürlich ist sie hoch-emotional und erzeugt wunderbare Stimmungen." Die Konzerte, Fugen und Sonaten des österreichischen Meisters sind für sie Mittel zum Zweck: dass Menschen besser hören können. Sie betreibt in Staufen die "Hörakademie", die bis November 2009 in Freiburg beheimatet war.
Ihre Arbeit hat zwei Zielgruppen: Musiker und Kinder. Wer als Musiker auf hohem Niveau arbeitet, in bekannten Orchestern oder als Solist, dessen Gehirn muss in Millisekundenschnelle viele Informationen verarbeiten und sein Instrument in Einklang mit den anderen bringen. Und das kann das Gehirn lernen. Bei Profi-Musikern klappt das oft schon nach einigen Therapiesitzungen, und danach können sie noch schneller hören, Töne rascher und gründlicher analysieren und dadurch im Orchester, im Team besser mitspielen.

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Ihrem Wechsel ins Therapeutenfach ging ein persönlicher Schicksalsschlag voran: Kirsten Klopsch, ausgebildete Oboe- und Hornspielerin und Orchestermitglied, erlitt einen Hörsturz. Während der Behandlung kam sie in Kontakt mit der Hörtherapie nach Tomatis, einem französischen HNO-Arzt. Seine "Audio-Psycho-Phonologie-Therapie" beruht auf Behandlungen mit elektronisch aufbereiteter und veränderter Musik und Stimme. Sie soll die Fähigkeit zum Zuhören und Kommunizieren fördern und zahlreiche andere positive Auswirkungen auf verschiedene Bereiche des Gehirns aufweisen.
Die Methode verspricht auch Hilfe bei einer Zahl von Verhaltensauffälligkeiten. Und die kennt jedes Elternpaar, denn wer hat nicht schon mal verzweifelt gerufen: "Kannst du eigentlich nicht hören?"

Die Hörtherapie geht davon aus, dass hinter der Weigerung zu hören nicht immer nur ein bockiges Kind steckt. Oft kann es sein, dass das Gehirn tatsächlich die akustischen Informationen nicht richtig verarbeitet. Einmal aus rein körperlichen Gründen – dieser Schwerhörigkeit kann mit Operationen oder Hörgeräten begegnet werden. Wer ein solches Gerät trägt, muss neu hören lernen, und so kommen Menschen zu ihr, die sich seit Jahren mit einem Hörgerät quälen. Aber selbst wer kein solches Hilfsmittel braucht, kann – so Kirsten Klopsch – Hören neu lernen. Die positiven Reaktionen vieler Eltern, die mit Kindern in der Hörakademie eine Therapie gemacht haben, scheinen den Erfolg zu bestätigen.
Kirsten Klopsch machte nach ihrer Genesung eine Ausbildung in der Tomatis-Therapie und zusätzlich eine Familientherapie-Ausbildung. Sie empfängt heute Familien aus dem gesamten süddeutschen Raum und darüber hinaus, von denen viele vorher verzweifelt von Therapie zu Therapie gewechselt sind. "Wir sind leider meistens die letzte Station", sagt sie. "Dabei kann bei Verhaltensauffälligkeiten, bei Lese-Rechtschreibschwäche oder Zappelphilipp-Syndrom eine Hörtherapie erstaunliche Erfolge bringen."

Dazu macht sie zunächst ein Hörprofil, aber anders als ein HNO-Arzt ausgerichtet auf Fragen wie "Welche Reize kommen im Gehirn an" oder "was kann das Kind mit den Reizen anfangen". Danach folgt eine sehr intensive Hörtherapie mit der modulierten Musik von Mozart – über spezielle Kopfhörer, die sowohl über das Trommelfell als auch über die Schädelknochen die Musik einspielen.

"Wenn wir Musik hören, setzt unser Angstzentrum aus", sagt Kirsten Klopsch. "So können die Kinder hier angstfreie Erfahrungen machen." Während der zweistündigen Therapiesitzung dürfen die Kinder spielen, malen oder sich einfach in eine Höhle zurückziehen. Sie beobachtet die Kinder, notiert sich Fortschritte. Parallel dazu sitzt die Mutter in einem Nebenzimmer und entspannt sich mit einem eigenen Therapieprogramm.

Durchschnittlich 2000 Euro kostet die Hörtherapie für ein Kind

"Es kommen Eltern zu uns, die sich über Defizite ihre Kinder, mangelnden Schulerfolg oder mangelnde Konzentration beklagen, und die nicht merken, dass eigentlich sie die Ursache der Probleme sind", sagt Kirsten Klopsch. Deshalb gerät das Programm nicht selten auch für die Eltern zur Therapie. "Kinder, die nicht hören, haben oft Eltern, die zu viel reden. Und wenn wir die Mutter mit im Boot haben, führt das dazu, dass auch sie automatisch entspannt und die Situation in der Familie allgemein besser wird."
Zweimal zwei Wochen – im Abstand von einigen Monaten – sollten die Familien schon Zeit haben, durchschnittlich kommt man auf Kosten von 2000 Euro. Drei Monate nach der Behandlung können die Klienten zu einer Nachuntersuchung und zu Gesprächen noch einmal kommen. "Veränderungen kann man sehr schnell feststellen – nur um sie ins Verhalten zu integrieren und sie dauerhaft zu machen, braucht es diese Zeit."
Von der Schul-Wissenschaft wird die Methode weitgehend abgelehnt, HNO-Ärzte sind mehr als skeptisch. "Neurologen allerdings billigen uns Erfolgsaussichten zu", sagt Kirsten Klopsch. Denn das Gehirn profitiere, ohne bewusst gesteuert zu werden, von den modulierten Mozart-Klängen. Die Stimulation bringe eine schnellere Nutzung der Gehirnströme, das Gehirn arbeite besser, man könne mehr und besser wahrnehmen, und der ganze Mensch werde durch die Musik stabiler und nehme seinen Körper ganz anders wahr. Und auch Stimulierungen der Geschmacksnerven macht der Meister möglich: Als kleine Naschereien werden in der Hörakademie Mozartkugeln gereicht.

Autor: Rainer Ruther