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13. Juli 2012

"Unsere Mühen haben sich gelohnt"

BZ-INTERVIEW mit Ulrich Averesch, Bad Krozinger Harmonium-Experte, der ein exotisches Chromelodeon nachgebaut hat.

  1. Ulrich Averesch (sitzend) mit seinem Partner Andreas Weber beim Testen des Chromelodeons. Foto: Anne Freyer

BAD KROZINGEN. Seit rund 20 Jahren sammelt Ulrich Averesch Musikinstrumente mit Schwerpunkt Harmonium. Vor fünf Jahren verlegte er seinen Lebensmittelpunkt von Bollschweil nach Bad Krozingen – samt seiner stattlichen Sammlung, aktuell 18 Harmoniums und elf weitere Tasteninstrumente, die er mittlerweile deutschlandweit verleiht. Wie es dazu kam, dass daraus eine Zusammenarbeit mit der Musikfabrik Köln entstand, erzählte er BZ-Mitarbeiterin Anne Freyer.

BZ: Herr Averesch, in Bad Krozingen kennt man Sie als Initiator der sommerlichen Kapellenkonzerte und als Organist. Wie kamen Sie als Goldschmied und studierter Produktdesigner zur Musik und wurden Instrumentensammler?
Ulrich Averesch: Während meiner Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker in Wuppertal vor fast 30 Jahren kaufte ich als Ersatz für mein damaliges Klavier, das den Geist aufgegeben hatte, ein Harmonium zum Üben – wie sich herausstellte, ein englisches "Royal Seraphin", gebaut zwischen 1830 und 1845. Das weckte meine Neugier und schließlich meine Sammelleidenschaft, die stets mit dem Erforschen, Restaurieren und Spielen der Instrumente einherging, was wiederum zu Kontakten mit Sammlern und Fachleuten in der ganzen Welt führte. In Deutschland wurde daraus der Arbeitskreis Harmonium in der Gesellschaft der Orgelfreunde, den ich zusammen mit Christian Ahrens, damals Leiter des Musikwissenschaftlichen Instituts Bochum, 1999 gründete. Weitere Wegbegleiter in Deutschland sind unter anderen das Händelhaus Halle, die Musikinstrumentenabteilungen des Deutschen Museums München, die Stiftungen Kloster Michaelstein und Preußischer Kulturbesitz Berlin, aber auch einige Privatsammler und die ehemalige Leitung der Schlosskonzerte Bad Krozingen.

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BZ: Inzwischen sind Sie ja für viele Orchester, Opernhäuser und Ensembles eine bekannte Adresse geworden, wenn konzertfähige Harmoniums und seltene Tasteninstrumente des 19. und 20. Jahrhunderts gebraucht werden. Wie organisieren Sie die Lagerung und den Verleih?
Averesch: Die Instrumente sind an mehreren Standorten in Deutschland untergebracht, von wo aus sie an den jeweiligen Aufführungsort transportiert werden. Meinem Sammlungskatalog sind die Verleihmodalitäten zu entnehmen, auch Besichtigungen und Demonstrationen sind nach Absprache möglich.

BZ: Nun haben Sie zusammen mit dem Bollschweiler Orgelbauer Andreas Weber bereits zum zweiten Mal ein sogenanntes Chromelodeon gebaut, das demnächst im Ensemble für Neue Musik der Musikfabrik Köln erklingen wird. Was hat es damit auf sich?
Averesch: Die Geschäftsleitung des Ensembles Musikfabrik kontaktierte mich bereits vor mehreren Jahren, da man ein Harmonium für die Musik "Die Windrose" von Mauricio Kagel suchte. So lag es nahe, auch für das Partch-Projekt den Kontakt wieder aufzunehmen. Das Wort "Chromelodeon" ist, sehr vereinfacht gesagt, eine Zusammensetzung von Chromatik, also Umfärbung der Tonstufen, und Melodeon, die Bezeichnung für ein kleines Harmonium. Harry Partch hat ein eigenes Tonsystem von 44 reinen Tonstufen in einer Oktave entwickelt. Dies geht zurück auf ein theoretisches Werk des deutschen Forschers Helmholtz. Partch wandelte sich vom amerikanischen Bürgersohn zum totalen Außenseiter, sowohl musikalisch als auch biographisch.

BZ: Inwiefern?
Averesch: Partch war zehn Jahre lang ebenso wie Tausende andere Opfer der Wirtschaftskrise in den USA der 20er-Jahre als "Hobo", also Landstreicher, unterwegs. Erst danach fing er wieder an zu komponieren und Instrumente für sein Tonsystem zu bauen, was in zahlreichen Bild- und Filmdokumentationen festgehalten ist. Er probierte alle nur denkbaren Materialien aus und legte dabei einen schier unerschöpflichen Reichtum an Fantasie an den Tag. Heute wird der einst verfemte und verachtete Zeitgenosse von John Cage mit anderen Augen gesehen und wiederentdeckt, sowohl in Amerika als auch in Europa. Die Musikfabrik Köln beispielsweise hat sich seiner und seines Werks angenommen. Unser "Chromelodeon II" wird bei der Ruhrtriennale 2013 zu hören sein, und damit das Werk von Partch zum ersten Mal im Original außerhalb der USA.
BZ: Wie sind Sie bei diesem Projekt vorgegangen?
Averesch: Andreas Weber und ich haben uns so eng wie möglich an die Vorgaben gehalten unter Verwendung alter Instrumente und ihrer Bestandteilen. Zum einen konnte ich mir vorher in Amerika im Harry-Partch-Institut, unweit von New York, die originalen Instrumente anschauen und vermessen, zum anderen gibt es auch Aufzeichnungen und Beschreibungen in Wort und Bild dazu. Unser Instrument Chromelodeon II ist der erste und einzige Nachbau des Originalinstruments. Die Musik von Harry Partch ist wirklich hörenswert, deshalb haben sich unsere Mühen sicher gelohnt.

ZUR PERSON: ULRICH AVERESCH

wurde 1956 in Recklinghausen geboren. Nach einer Goldschmiedelehre und dem Fachabitur studierte er Produktdesign an der Fachhochschule Düsseldorf sowie Kommunikationsdesign an der Gesamthochschule Wuppertal. Es folgten mehrjährige Tätigkeiten in Bayern und Nordrhein-Westfalen, wo er sich zum nebenberuflichen Kirchenmusiker ausbilden ließ. In Südbaden lebt er mit seiner Frau Gudrun Kreft seit September 2001, zunächst in Bollschweil und seit rund fünf Jahren in Bad Krozingen.  

Autor: fry

HARMONIUM

Ein Harmonium ist ein Tasteninstrument, das vor allem in den Varianten Saugwindharmonium, mit einem weniger reinen Klang, oder Druckwindharmonium, mit einem kräftigeren Ton, vorkommt. Die Tonerzeugung funktioniert ähnlich wie beim Akkordeon oder einer Mundharmonika. Bei beiden Varianten ist ein Blasebalg eingebaut, der beim Druckwindharmonium durch Drücken zweier Pedale mit Luft gefüllt wird. Durch Andrücken der Tasten entweicht die Luft wieder und es entsteht ein Ton. Beim Saugwindharmonium wird der Ton in genau entgegengesetzter Weise erzeugt. Harmoniums werden häufig als Orgelersatz genutzt. Ulrich Averesch hat unter http://www.harmoniumservice.de umfangreiche Infos zusammengestellt.  

Autor: bz

Autor: fry