Mit Schubert und Goethe

Michael Gottstein

Von Michael Gottstein

Sa, 23. Dezember 2017

Bad Säckingen

Das 50. Konzert im Sigma-Zentrum war dem romantischen Kunstlied gewidmet.

BAD SÄCKINGEN. Dem romantischen Kunstlied gewidmet war am Donnerstagabend das 50. Sigma-Konzert. Zu Gast in der Klinik waren die Sopranistin Franziska Andrea Heinzen und der Pianist Benjamin Malcolm Mead.

Den Schwerpunkt bildeten Schubert-Lieder nach Goethes Gedichten. Der Klavierpart dient dabei nicht nur als harmonische Stütze, sondern tritt der Stimme oft kontrastierend und kommentierend zur Seite. Der junge Pianist zeigte sich technisch souverän und bewies großen Sinn für diese Nuancenkunst, bei der schon eine leichte dynamische Schattierung oder eine einzelne Harmonie zum Ausdrucksträger wird. Franziska Andrea Heinzen brillierte mit schöner, lyrischer Sopranstimme, verständlicher Sprachartikulation und hoher Charakterisierungskunst.

Im ersten Schubert-Block kamen die beglückende und die schmerzliche Seite der Liebe zum Ausdruck. Im "Geheimnis" hörte man eine Melodie von leichter, schwebender Schönheit mit dezenter Begleitung, und im "Ersten Verlust" zelebrierte die Sopranistin die Kunst des Piano-Gesangs und des feinfühligen, nie allzu outrierten Ausdrucks, indem sie stilisierte Seufzer einwarf, ohne in plakative Lautmalerei zu verfallen. Ein stilles Lied, das durch feinste dynamische Abstufungen dennoch lebendig wirkte, war der "König in Thule", und in dem berühmten "Gretchen am Spinnrade" wurde die innere Unruhe der Faust-Geliebten durch eine schnelle, kreisende und seltsam ziellose Begleitfigur des Klaviers ausgedrückt, wobei die Sopranistin dabei etwas expressiver agierte und sich im Ausruf "Und ach, sein Kuss" zum Forte steigerte.

Dem Bildungsroman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" entnahm Schubert "Mignons Gesang" und gab dem Refrain "Dahin, dahin" eine leidenschaftliche Note, die nicht ganz zum Charakter der Figur zu passen schien – dieser spiegelte sich eher in dem Lied "Nur wer die Sehnsucht kennt", wo kleine Dissonanzen und fast stockend vorgetragene Klavierakkorde die Melancholie unterstrichen. Mit großer Eindringlichkeit sang die Sopranistin die Kantilene in "Heiß mich nicht reden", und in abgeklärter Schönheit präsentierte sich "So lass mich scheinen".

Dem Romantiker Hans Sommer war es bei der Vertonung von "Wandrers Nachtlied" gelungen, den Eindruck von Stille und Ruhe in Musik umzusetzen. Der Pianist stimmte mit weichem Anschlag harmonisch irisierende Akkorde im Pianissimo an, die er mit einfühlsamen Pedaleinsatz verklingen ließ, und die zarte Kantilene belegte, wie gut die Sängerin ihre Stimme unter Kontrolle hatte. Aus ihrer Walliser Heimat brachte sie das "Hüttenlicht" mit, und mit Werken von Cornelius, Regher und Adam klang das Konzert aus.