Lebensmittel

Urban Farming: Aquaponisches Solar-Gewächshaus in Neuenburg

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Sa, 28. März 2015 um 00:00 Uhr

baden.

Wir müssen die Verantwortung für unsere Lebensmittelversorgung wieder selber übernehmen, so das Credo von Franz Schreier. Mit dem Unternehmer sprach BZ-Herausgeber Christian Hodeige.

BZ: Herr Schreier, der Schritt vom angestellten Physiker und Energieberater zum Umweltpionier und innovativen Grenzgänger – wie geht das?
Schreier: In unserer Gesellschaft wird mit natürlichen Ressourcen sehr verschwenderisch umgegangen. Es ist mir ein grundlegendes Bedürfnis, dort anzusetzen, wo die wahren Ursachen dieses Raubbaus zu finden sind. Ich habe früh erkannt, dass auch unsere Versorgung mit Lebensmitteln hierzu einen unrühmlichen Beitrag leistet. Mir wurde klar, dass die Art, wie wir sie herstellen, dramatisch von Ressourcen, wie beispielsweise Erdöl und Phosphor, abhängt. In dem Maß, wie das Erdöl knapp wird, schwindet in einem absehbaren Zeitraum auch die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln. Fortan suchte ich nach Alternativen, die Lebensmittelversorgung gänzlich von Erdöl unabhängig zu machen.
BZ: Was ist Aquaponik?
Schreier: Aquaponik bildet sich aus den Begriffen Aquakultur und Hydroponik. Die Aufzucht von Fischen ist in ein und demselben System mit der erdlosen Anbaumethode von Pflanzen kombiniert. Bei diesem System leben die Fische und die Pflanzen – wie in der Natur – in Symbiose. Im Klartext: Das mit Fischdung angereicherte Wasser wird zum Bewässern der Pflanzen benutzt. Die Pflanzen nehmen die Nährstoffe aus dem Wasser – reinigen es also – und das gereinigte Wasser geht zurück zu den Fischen. Diese Anbaumethode ist extrem Ressourcen schonend.

BZ: Was ist anders am Solar Greenhouse?
Schreier: Nun, um ein Aquaponisches System in unseren Breiten ganzjährig betreiben zu können, bedarf es einer geeigneten Hülle, die so konzipiert sein muss, dass einerseits möglichst viel Licht für die Photosynthese der Pflanzen verfügbar ist und andererseits der Wärmebedarf auf ein Minimum reduziert bleibt. Die erforderliche Energie liefert das Gewächshaus größtenteils selbst. Darüber hinaus kann man in unserem Gewächshaus viele unscheinbar anmutende Komponenten entdecken, die jeweils für sich betrachtet durchaus ein großes Potenzial auch für den professionellen Gartenbau darstellen. So benutzen wir unter anderem ein spezielles hochtransparentes Material als Dacheindeckung; wir haben Abschattungssysteme installiert, die Strom und Wärme erzeugen; unsere Lampen sind hocheffizient und ahmen das Sonnenlicht nach; unsere eigens entwickelten Schwimmflöße für den Salat sind aus einem kompostierbarem Bioplastikmaterial gefertigt, und ein hocheffizientes Gesamtenergiekonzept schafft ideale Klimabedingungen für Pflanzen und Fische unter konsequenter Nutzung Erneuerbarer Energien.
BZ: Wie kamen Sie auf den Standort Neuenburg?
Schreier: In Neuenburg fanden sich ideale Voraussetzungen. Die Gemeindevertreter, voran Bürgermeister Schuster, unterstützen das Projekt von Anfang an. Darüber hinaus war die Badenova bereit, das Projekt aus ihrem Innovationsfonds zu unterstützen.
BZ: Was wollen Sie im Aquaponic Solar Greenhouse erzeugen?
Schreier: Hochwertige Gemüse, Kräuter und Fisch. Neben verschiedenen Salaten haben wir bereits Tomaten und Andenbeeren in der Kultur. Darüber hinaus wachsen verschiedene Basilikumsorten und Brunnenkresse im System. In Zukunft werden wir auch sogenannte MicroGreens anbauen. Das sind Schösslinge von Rucola, Radieschen, Erbsen, Sonnenblumen oder Senf. Weizengras und verschiedene Minzesorten werden das Spektrum ergänzen. Als Fisch werden wir den Zander kultivieren. Vorübergehend befinden sich Störe im System.

BZ: Was ist für den Verbraucher daran so besonders?
Schreier: Die von uns produzierten Lebensmittel schmecken lecker, sind frei von Schadstoffen, sind unmittelbar aus der Region und haben somit einen extrem geringen CO2-Fußabdruck. Wenn er möchte, kann der Verbraucher zu uns kommen und erleben, wo und wie sein Lebensmittel angebaut wird.

BZ: Wo kann man Ihre Produkte kaufen?
Schreier: In der Anfangsphase werden wir die Produkte in erster Linie an die regionale Gastronomie verkaufen. Im Weiteren werden wir Öffnungszeiten am Gewächshaus einrichten und die Produkte dann auch an den Endverbraucher veräußern.

BZ: Warum tun Sie, was Sie tun? Wer und was motiviert Sie?
Schreier: Ich betrachte es als dringend notwendig, dass wir, also die Gesellschaft, die Verantwortung für ihre Lebensmittelversorgung schrittweise wieder selbst übernehmen. Mit dem, was ich tue, möchte ich andere motivieren, es uns gleich oder mit uns zu tun. Je mehr Menschen zur subsistenzwirtschaftlichen Eigenversorgung finden, umso stabiler und lebenswerter wird unsere Gesellschaft. Das ist zum Glück nicht nur meine Meinung.

»Energy, Biosphere, Food (ebf GmbH)
Franz Schreier, Tel. 06252/128511
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