Was Bach als Kind "bey Mondenscheyn" so machte

Bianca Flier

Von Bianca Flier

Fr, 14. September 2018

Badenweiler

"An Gott zweifeln, an Bach glauben?" – Bach-Konzert mit Lesung in Badenweiler greift Episoden aus dem Leben des Barockmeisters auf.

BADENWEILER. "An Gott zweifeln, an Bach glauben?" lautete das provokante Motto eines Konzertes mit Lesung, das kürzlich zur Eröffnung der Bach-Woche des evangelischen Kirchbezirks Badenweiler in der Pauluskirche stattfand. Das Ehepaar Antje und Martin Schneider sowie die Pianistin Angela Stoll gestalteten ein musikalisch-literarisches Programm, das ungewöhnliche Episoden aus dem Leben des großen Barockmeisters aufgriff.

Der herausfordernde Konzert-Titel hatte zahlreiche Bach-Freunde angelockt. Wie Pfarrerin Telse Jungjohann-Bader in ihrer Begrüßung erklärte, war eine unbekannte Person über den Titel anscheinend so verärgert, dass er oder sie im Vorfeld zahlreiche Plakate verunstaltet oder abgerissen hatte. Die Person fiel jedoch einem gründlichen Irrtum zu Opfer. Das Zitat ist keineswegs blasphemisch gemeint. Es stammt von dem Bach-Verehrer und zeitgenössischen Musiker Maurice Kagel und lautet in Originaltext: "Vielleicht glauben nicht alle Musiker an Gott, doch alle glauben an Bach."

Das Lese-Konzert begann mit der Darbietung des ersten Satzes aus dem "Italienischen Konzert" von Johann Sebastian Bach. Musik und Textbeiträge folgten danach in unterhaltsamem Wechsel. Es waren in der Hauptsache Komponisten, Schriftsteller und Dichter, die zitiert wurden. Ein Gedicht von Hermann Hesse über eine bachsche Toccata diente als Einstieg. Bereits kurz nach Bachs Tod im Jahre 1750 entstand unter Mitwirkung von Carl Philipp Emanuel Bach eine Art Nekrolog. Darin wird auf anrührende Weise berichtet, wie Johann Sebastian im Kindesalter "bey Mondenscheyn" Werke berühmter Komponisten abschreibt, die er vorab mit seinen kleinen Händen aus einem Gitterschrank herausklaubt. Sein 13 Jahre älterer Bruder und Vormund Johann Christoph ertappt ihn jedoch und nimmt ihm die mühsam kopierten Noten gnadenlos wieder ab. Eine andere Episode aus dem Jahr 1704 erzählt davon, wie der junge Bach einen langen Fußmarsch nach Lübeck unternimmt, um den damals bereits berühmten Dietrich Buxtehude Orgel spielen zu hören.

Der heute auf allen Kontinenten gespielte und hoch verehrte Bach war nach seinem Tod beim breiten Publikum bald in Vergessenheit geraten. Nicht so an seinem wohl bekanntesten Wirkungsort, der Thomaskirche in Leipzig. Als Mozart 1788 dort verweilt und mit dem Werk Bachs bekannt wird, ist er dermaßen begeistert, dass er sich Kopien von dessen gesamtem Werk verschafft.

Die eigentliche Wiederentdeckung Bachs erfolgt jedoch im 19. Jahrhundert durch Felix Mendelssohn-Bartholdy und den Berliner Sänger Eduard Devrient. Es gelingt den beiden Freunden, Carl-Friedrich Zelter, den als grob aber herzlich bekannten Leiter der Berliner Sing-Akademie, zu einer Aufführung der Matthäus-Passion zu überreden. Die erste Aufführung am 11. März 1829 ist über Nacht ausverkauft, so dass am 21. März eine weitere folgt. Fanny Mendelssohn beschreibt in einem Brief die "feierliche Aufmerksamkeit", mit der das grandiose Werk vom Publikum aufgenommen wurde. Auf Betreiben von Felix Mendelssohn-Bartholdy wird 1843 ein Bach-Denkmal in Leipzig eingeweiht. Dies wird während des Dritten Reiches von den Nazis abgerissen, um das Andenken an den jüdischen Stifter auszulöschen.

Zu den großen Verehrern Bachs gehörte auch der französische Komponist Claude Debussy. Er ging so weit, jungen Komponisten zu empfehlen, sie sollten zu Bach beten wie zu einem Heiligen, damit er sie "vor Mittelmäßigkeit bewahre."

Eine besonders anrührende Episode ist aus dem Zweiten Weltkrieg überliefert. Zwei deutsche Soldaten überwinden heimlich die feindliche Linie, um in einer Marienkirche auf der Orgel ein Geburtstagsständchen mit Bach-Musik für einen Kameraden zu spielen. Nachdem die Musik verklungen ist, entdecken sie, dass sechs russische Soldaten und ein Offizier, bewaffnet mit Maschinenpistolen, schweigend gelauscht haben. Genauso schweigend gehen sie wieder, nachdem sie militärisch gegrüßt haben – als Reverenz nicht an den Spieler, sondern an Bach.

Die musikalischen Kommentare zu den Texten, die Angela Stoll souverän und mit vollendetem Können auf dem Flügel vortrug, boten eine Auswahl mit Werken von Bach, Buxtehude, Mozart, Mendelssohn-Bartholdy und Schostakowitsch. Das Konzert klang dann stimmungsvoll mit dem dritten Satz aus J. S. Bachs "Italienischem Konzert" aus. Es gab anhaltenden Applaus für das Ehepaar Schneider und die Pianistin.