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25. November 2010

Rücktritt und deutliche Kritik

Bahlingens WG-Vorsitzender Siegfried Ernst sieht Handlungsbedarf beim Badischen Winzerkeller / Widerspruch aus Breisach.

  1. Wie steht es um den Badischen Winzerkeller? „Den Mitgliedern wurde über Jahre hinweg nie reiner Wein eingeschenkt“, kritisiert Bahlingens WG-Vorsitzender Siegfried Ernst. Foto: Hans-Peter Ziesmer

  2. Aufsichtsrat Siegfried Ernst hat sich vertieften EInblick in die Akten des Badischen Winzerkellers verschafft Foto: Markus Zimmermann

BAHLINGEN/BREISACH. Am 23. Juni war Siegfried Ernst in den 13-köpfigen Aufsichtsrat des Badischen Winzerkellers gewählt worden. Doch nur wenige Monate später gibt er sein Amt wieder zurück. Der Vorsitzende der Winzer vom Silberberg, der schon vor seiner Wahl mit Kritik nicht gespart hat, spricht von "gewichtigsten Gründen" für diesen Schritt. "Dabei geht es mir darum, dass der Winzerkeller erfolgreich arbeitet, denn nur dann können auch die örtlichen Genossenschaften erfolgreich sein", so Ernst.

"Mir wurde immer vorgeworfen, ich würde den Winzerkeller schlecht reden, wenn ich ihn als Sanierungsfall bezeichne", so Ernst. Der Einblick in die Unterlagen habe ihn bestätigt und gezeigt, dass auf allen Ebenen dringender Handlungsbedarf bestehe und seit Jahren von der Substanz gelebt werde. Noch im Juni sei den Mitgliedern erklärt worden, der Keller stehe so gut wie noch nie da. Ernsts Fazit fällt anders aus: "Den Mitgliedern wurde über Jahre hinweg nie reiner Wein eingeschenkt." Bereits 2005 habe ein Gutachten Handlungsbedarf festgestellt. "Effizienzsteigerung in allen Bereichen ist möglich, Managementsysteme sind stark verbesserungswürdig", benannten die Unternehmensberater Hauptprobleme. Wie es tatsächlich um den Winzerkeller bestellt ist, sei den Mitgliedern in einer nichtöffentlichen Sitzung erst am 16. November dargelegt worden. Vorstand Axel Hahn habe von einer "schwierigen wirtschaftlichen Lage"gesprochen, so Ernst.

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"Es macht keinen Sinn, düstere Stimmung zu verbreiten", betont Hahn zur Darstellung der Geschäftslage im Juni. Diese sei von einer normalen Ernte 2010 ausgegangen, die nicht eingetroffen sei. Gefahren sehe er "langfristig, wenn sich nichts ändert", so Hahn, der im Juni das Vorstandsamt für Marketing und Vertrieb angetreten hat. Zu den Vorgängen vor seiner Zeit könne er nichts sagen.

"Die alten Vorstände waren umsetzungsschwach", meint Ernst. Vor allem aber wirft er dem Aufsichtsrat vor, dass er seine Aufgaben nicht wahrnehme, wie es nötig sei. "Es gibt nur lose Zielvorgaben und Wünsche, keine klare Strategie und vor allem keine Umsetzungskontrolle", so Ernst. Von Beginn an sei ihm mit Misstrauen begegnet und seien Ansätze ausgebremst worden. "Die Aufgabe des Aufsichtsrats sehe ich darin, eine Sanierung aktiv zu begleiten und nicht nur über den Lesetermin für den Müller-Thurgau zu entscheiden", so Ernst. Dem Gremium mangele es an Wirtschaftskompetenz. Auch jetzt werde der Ernst der Lage nicht erkannt. Sein Informationsbedürfnis sei vom Vorstand mit dem Hinweis kommentiert worden, es sei das erste Mal, dass ein Aufsichtsrat von sich aus komme und vertieften Einblick suche. Das bestärkt Ernst darin, dass bislang kein echtes Controlling erfolgt sei.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Eckart Escher weist die Vorwürfe zurück. Der Aufsichtsrat habe schon immer eine gewichtige Rolle gespielt und von zu wenig Kontrolle könne keine Rede sein. Alle wichtigen Entscheidungen seien gemeinsam von Vorstand und Aufsichtsrat getragen. Auch Vorstand Wilfried Dörr betont die intensive Zusammenarbeit beider Gremien. "Es sind wichtige Entscheidungen getroffen worden", meint auch Hahn. Der Aufsichtsrat sei intensiv in die Strategieentwicklung eingebunden, das Controlling ausführlich.

Escher: Führung ist nicht erst seit heute daran, einiges zu verbessern

Ein großes Unternehmen wie der Winzerkeller könne nicht so schnell den Kurs ändern, so Hahn: "Wir haben eine Manövriergeschwindigkeit, die eher einem Tanker als einem Schnellboot entspricht." Mitverantwortlich dafür sei auch die Genossenschaftsstruktur, erklärt Escher im BZ-Gespräch: "Das ist etwas anderes als eine Personengesellschaft." Doch die Führung des Kellers sei nicht erst seit heute daran, einiges zu verbessern. "Wir wollen den Winzerkeller durch Neustrukturierung erfolgreich aufstellen und der Sachverstand von Siegfried Ernst wäre uns wichtig gewesen", bedauert Escher dessen Rücktritt.

Als ärgerlich empfindet es Ernst, wenn Probleme immer wieder auf die Mitarbeiter geschoben werden. "Ich habe schon viele Firmen saniert", so der Geschäftsmann. Dabei seien an der Schieflage nie die Mitarbeiter schuld gewesen.

Der Tropfen, der das Fass für Siegfried Ernst zum Überlaufen brachte, war die Diskussion um Vorstandsverträge. Ihm sei es darum gegangen, dass die Fehler mit längerfristigen Verträgen ohne vorherige Kündigungsmöglichkeit nicht wiederholt werden, deretwegen der Winzerkeller heute noch Vorstände bezahle, die längst nicht mehr da seien, so Ernst. Dabei sei ihm nicht nur der Einblick in Vorstandsverträge verweigert worden. Vielmehr habe der Aufsichtsratsvorsitzende Escher erklärt, der Personalausschuss habe einem Fünfjahresvertrag mit Axel Hahn zugestimmt. "Dabei gibt es aktuell keinen der Satzung gemäß gewählten Personalausschuss", so Ernst.

"Zu dieser Frage werde ich mich aufgrund meiner Verschwiegenheitspflicht, die auch für Siegfried Ernst gilt, nicht äußern", erklärt Eckart Escher. Er könne nur versichern, dass keine Entscheidungen getroffen worden seien, die nicht den gesetzlichen Regeln entsprechen.

"Mein Rücktritt ist nicht so zu interpretieren, dass die Bahlinger WG dem Winzerkeller den Rücken kehrt", so Ernst. Die Bahlinger wollen eine starke Zentralkellerei, doch wenn sich dort nichts wesentlich verbessere, seien sie gezwungen, sich nach Alternativen umzusehen.

Autor: Markus Zimmermann