Die eierlegende Wollmilchsau

sid

Von sid

Do, 29. März 2018

Baseball

Die Baseballliga MLB startet mit einem spannenden Neuzugang / Zurückhaltung der Klubs wegen Luxussteuer.

MÜNCHEN (sid). In Nordamerika beginnt an diesem Donnerstag die Baseball-Saison – nach einem bizarren Winter, mit einem Wunderkind aus Japan und einer furchterregenden Mannschaft.

Der Mann, über den sie wohl am häufigsten geredet haben in diesem Winter, heißt Shohei Ohtani. Er kommt aus Japan, ist 23 Jahre alt, und einen wie ihn haben sie in der Major League Baseball (MLB) seit etwa einem Jahrhundert nicht gesehen. Genau genommen seit dem legendären, deutschstämmigen George Herman "Babe" Ruth, dem bedeutendsten Spieler dieser uramerikanischen Sportart.

Ohtani kann als Werfer (Pitcher) und Schlagmann eingesetzt werden. Er ist zwei Spieler in einem, eine Art eierlegende Wollmilchsau. Wenn er nicht wirft, was normalerweise alle fünf, sechs Tage vorkommt, spielt er im Feld. Beide Rollen hat er bei den Hokkaido Nippon-Ham Fighters aus der Olympiastadt Sapporo so gut ausgefüllt, dass sie ihn "Japan’s Babe Ruth" getauft haben. Nun also spielt er in Nordamerika. Für die Los Angeles Angels.

Es gibt keinen der 30 Klubs, der Ohtani nicht haben wollte. Das Gesamtpaket war zu verlockend und der Preis vergleichsweise gering. An die Nippon-Ham Fighters mussten aufgrund der internationalen Regeln für Transfers 20 Millionen Dollar Ablöse bezahlt werden – Ohtani selbst wird gemäß der Abmachungen nur knapp 2,4 Millionen Dollar pro Jahr verdienen. Ein Schnäppchen im US-Profisport. Zu den eher mittelklassigen Angels ging Ohtani, weil er seinem Bauchgefühl folgen wollte. Ansonsten war es am sogenannten hot stove ziemlich kalt. Hot stove ist in den USA eine Bezeichnung für den Transfermarkt, um diesen heißen Ofen versammeln sich die Verantwortlichen der Klubs im Winter, wenn die "Boys of Summer" gerade nicht spielen. Diesmal war es eine bizarre Jahreszeit. Es gab kaum lukrative Wechsel – vor allem sogenannte free agents, die endlich frei von den Regeln des Tarifvertrags verhandeln konnten, hatten eine harte Zeit. Die Preise gingen plötzlich in den Keller.

Für den Pitcher Jake Arrieta (32) etwa verlangte dessen Agent Scott Boras einen Vertrag mit einem Volumen von deutlich mehr als 200 Millionen Dollar für sechs bis sieben Jahre. Nach einer nervenzehrenden Warterei ging er zu den Philadelphia Phillies – 75 Millionen Dollar für drei Jahre. Zahlreiche Spieler, fassungslos ob der mangelnden Zahlungsbereitschaft der Klubs, retteten sich in kurzfristige, weniger ertragreiche Ein- oder Zweijahresverträge.

Ein Grund für die Zurückhaltung der Klubs ist die Luxussteuer. Klubs, die die von der MLB vorgegebene Gehaltsobergrenze eines Jahres (197 Millionen Dollar in 2018) überschreiten, werden zur Kasse gebeten – mit bis zu 50 Prozent der Zusatzausgaben. Die New York Yankees, Rekordmeister und Krösus, zahlten für die Jahre 2003 bis 2017 insgesamt 319 Millionen Dollar Strafe, die Los Angeles Dodgers von 2013 bis 2017 immerhin noch 149 Millionen. Wohlgemerkt: zusätzlich. Wer ein Jahr sauber bleibt, wird im Strafmaß zurückgestuft – ein weiterer Grund, warum dieser Winter so kalt war. Die Klubs sparen bereits für den nächsten hot stove. Dann werden Stars wie der Pitcher Clayton Kershaw (Los Angeles Dodgers) sowie die schlaggewaltigen Bryce Harper (Washington Nationals) und Manny Machado (Baltimore Orioles) auf dem Markt sein. Die Rede ist von Verträgen mit einem Gesamtvolumen von 400 Millionen Dollar.

Den dicksten Vertrag hat derzeit Giancarlo Stanton, MVP der vergangenen Saison. Bis 2028 stehen ihm jährlich im Schnitt noch 25 Millionen Dollar zu. Weshalb ihn die Miami Marlins loswerden wollten. Er ging – zu den Yankees. Die brachten es durch Vertragsauflösungen und Umschichtungen fertig, trotz Stantons üppigem Gehalt unter der Klub-Obergrenze zu bleiben. Das Evil Empire will es wissen – und den 28. Titel.

Schon vor dem ersten Spieltag verbreiten die Yankees nun Angst und Schrecken: Stanton spielt schließlich zusammen mit Aaron Judge und Gary Sanchez. Die drei werden die Murderers’ Row 2.0 genannt, in Anlehnung an jene Yankees, die im Jahr 1927 alles kurz und klein schlugen. Ein Mitglied dieser Murderers’ Row damals war – na klar – "Babe" Ruth.